Plattdeutsch und Bühne: Andrea Hinke prägt Cuxhavens Theaterwelt
Andrea Hinke steht nicht nur auf der Bühne, sondern lenkt mit Optimismus die Geschicke der Döser Speeldeel. Mit einem unerschütterlichen Lebensmotto und einem ungewöhnlichen Zugang zur plattdeutschen Sprache inspiriert sie die Theaterwelt Cuxhavens.
Wenn Andrea Hinke lacht, füllt sich der ganze Raum. Im leeren Zuschauersaal des Stadttheaters, die Arme locker auf die Rückenlehne des Vordersitzes gestützt, wirkt sie so, als könnte sie jeden Moment aufspringen und eine Szene auf der nur wenige Meter entfernten Bühne spielen. Genau das ist ihr Element. Seit diesem Jahr leitet sie die Döser Speeldeel, die traditionsreiche plattdeutsche Bühne Cuxhavens, und bleibt dabei selbst Schauspielerin.
Auf die Frage, wer sie sei, kommt die Antwort ohne Zögern: "Ich bin ein fröhlicher Mensch, immer optimistisch. Und ich schaffe das alles."
Der Motor heißt Lüder
Ihre Energie, sagt sie, komme aus ihrem Umfeld, von der Familie, den Enkelinnen Ella und Elise, vor allem aber von ihrem Mann. "Der steht da wie ein Fels in der Brandung", beschreibt sie ihn, und wenn sie selbst zu ungestüm werde, müsse er sie erden. Dass das Leben auch anders kann, hat das Ehepaar erfahren: 2017 erkrankte ihr Mann schwer, im vergangenen Jahr musste die Familie sich von sechs nahestehenden Menschen verabschieden. Hinke zieht daraus keine Schwermut, sondern eine Haltung. "Das Leben ist zu lebenswert", sagt sie, und wenn es einmal zu viel wird, hilft ihr ein Blick auf das Foto mit ihren Enkelkindern: "Leben lohnt sich immer."
Ihr Temperament verleugnet sie dabei nicht: Auch mal richtig fluchen, alleine für sich, gehört für sie ebenso dazu wie das schnelle Wiederaufraffen danach. "Verdammte Axt", entfährt es ihr dann, "das muss dann einfach mal raus."
Vom Zuschauen zum Bühnenleben
Aufgewachsen ist sie in Otterndorf, in der Nähe der Flora-Hütte. Zur Bühne kam sie 2005 eher zufällig über eine Mutter-Kind-Gruppe. Sie wollte gar nicht selbst spielen, half zunächst als Inspizientin aus. Bis sie plötzlich doch auf der Bühne stand. Die erste geplante Rolle 2007 verhinderte ausgerechnet ein Bandscheibenvorfall. Kurz nach der Premiere musste sie operiert werden und aussetzen. Danach aber spielte sie jede Saison, inzwischen rund 45 Stücke.
Plattdeutsch sprach in ihrem Elternhaus nur der Vater, ihre Mutter wollte es den Kindern der Schule wegen nicht beibringen. Den echten Zugang zur Sprache fand Hinke erst über die Bühne, im ständigen Wechsel zwischen Hoch- und Plattdeutsch, je nachdem, wer sie gerade anspricht. Mit Kollegen wie Bernd Döscher, der nur Platt spricht, ging es dann eben nur noch platt hin und her. Von Berufsregisseuren wie Thomas Wilberger hat sie sich das Handwerk abgeschaut, auch die Disziplin: Ihren Text lernt sie bis heute so gründlich, dass sie ihn in Spielphasen täglich abhört, sogar vor jeder Vorstellung. Ihr plattdeutsches Lebensmotto bringt es auf den Punkt: "Wat mut, dat mut."
Am liebsten steht sie vorne
Die Leitung der Bühne hat sie nicht gesucht, sondern übernommen, weil jemand es tun musste. "Ich bin da so ein kleines bisschen reingeschubst worden", sagt sie und lacht dabei. Trotz der neuen Verantwortung bleibt die Bühne für sie in erster Linie ein Ort zum Spielen: "Am allerliebsten stehe ich auf der Bühne, das andere - okay, so what." Gestalterisch will sie dennoch etwas bewegen, denkt über zeitgemäßere Stoffe nach, auch über Themen wie Künstliche Intelligenz auf der Bühne. Beim Stück "Achtertüksche Süstern" war sie selbst zunächst skeptisch, ob der Stoff beim Publikum ankommt. Bis ein junger Neuzugang ihr erzählte, genau dieses Stück habe ihn erst zur Speeldeel gebracht. "Da war ich platt", sagt sie und lacht über die Doppeldeutigkeit ihres eigenen Wortes.
Familie ist Segen und Fluch zugleich
Für die Zukunft der Speeldeel wünscht sie sich vor allem Kontinuität: drei Stücke pro Spielzeit, ein wachsendes Publikum, neue Mitglieder, die den Verein am Leben halten. Beruflich arbeitet Hinke als Verwaltungsfachangestellte im Kundenkontakt. Auch dort kommt ihr die Bühnenerfahrung zugute, wenn sie verärgerte Bürger mit Ruhe empfängt, statt sie wie eine strenge Prüferin abzufertigen.
Zu Hause in Cadenberge sorgt sie mit Nachbarschaft, Kanuverein und vor allem mit ihren Enkelinnen für Trubel: "Es ist doch so ein bisschen Segen und Fluch zugleich", sagt sie über ihre eigene Präsenz in der Familie. Cuxhaven nennt sie liebevoll "unsere Großstadt nebenan". Ihr Satz ans Publikum für die neue Spielzeit 2026/2027 steht schon fest, auf Platt, versteht sich: "Moin, leeve Lüüd. Schön, dat ji all dar sünd un uns wedder tokieken wüllt."
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