Tempo 30 auf Cuxhavens Bäderring: Überraschungen drohen
Tempo 30 soll auf dem Bäderring in Cuxhaven den Lärm eindämmen, doch welche Herausforderungen und Überraschungen bei der Umsetzung auftauchen, könnten viele Anwohner und Pendler ebenso überraschen wie die intensiven Diskussionen im Rathaus.
Wer an der Poststraße, am Westerwischweg oder an der Brockeswalder Chaussee wohnt, kennt das Rauschen der Reifen und das Brummen der Motoren. Die Stadt will es leiser machen. Auf sechs Abschnitten des Bäderrings soll künftig Tempo 30 gelten. Das geht aus zwei Informationsvorlagen hervor, die Denise Wächter vom Fachbereich Straße und Verkehr am Montag im Bauausschuss vorstellte. Es war die letzte Sitzung des Gremiums in alter Besetzung, bevor sich am 5. November der neue Rat konstituiert.
Daten selbst erhoben
Gesetzlich ist die Stadt nur zum Lärmaktionsplan verpflichtet. Mindestens alle fünf Jahre muss sie ihn nach einem EU-weit einheitlichen Verfahren überprüfen, zuletzt geschah das 2024. Die Kreisstraßen K 1, K 2 und K 8, die zusammen den Bäderring bilden, gehören nicht dazu. Der Rat wollte sie trotzdem untersuchen lassen. Für diese freiwillige Prüfung stellt der Bund keine Daten bereit. Die Verwaltung musste Verkehrs- und Lkw-Mengen, Straßenverläufe, Gebäude und Fahrbahnbeläge selbst erheben und aufbereiten.
"Es war wirklich viel organisatorischer und personeller Aufwand", sagte Wächter und bat um Verständnis für die Verzögerung. Auf dieser Grundlage rechnete das Fachbüro Lärmkontor. Ein erstes Screening zeigte, wo der Verkehr überhaupt nennenswerten Lärm erzeugt. Als Schwelle dienten 70 Dezibel am Tag und 60 Dezibel in der Nacht. Ab diesen Werten sehen Gerichte eine mögliche Gefahr für die Gesundheit.
Acht Abschnitte stachen heraus. Zwei davon nahm die Verwaltung gleich wieder aus der Prüfung: ein kurzes Stück am Feldweg und einen Abschnitt am Brockeswalder Weg in Stickenbüttel. Am Feldweg sind tagsüber sieben Menschen betroffen, nachts niemand. Am Brockeswalder Weg sind es fünf Gebäude am Tag und drei in der Nacht. Beide Stücke sind kürzer als 100 Meter. Der Lärm entsteht dort vor allem an den Ampeln, weil Autos halten und anfahren.
Sechs Abschnitte, zwei Modelle
Warum Tempo 30 und nicht Lärmschutzwände oder Schallschutzfenster? Die Stadt ist selbst Straßenverkehrsbehörde und kann Tempolimits schnell anordnen. Bauen darf sie am Bäderring nicht, denn Straßenbaulastträger ist der Landkreis. Ein Schild genügt, weil das Limit streckenbezogen gilt. Am stärksten belastet ist die Poststraße zwischen Karl-Olfers-Platz und Finanzamt, tags wie nachts. Mit Tempo 30 entfallen die nächtlichen Überschreitungen ganz, tagsüber bleibt nur noch ein Gebäude über dem Richtwert.
Auch am Feldweg zwischen Hermann-Allmers-Straße und Finanzamt sind viele Anwohner rund um die Uhr betroffen. Mit Tempo 30 sinkt ihre Zahl fast auf null. Auf beiden Abschnitten soll das Limit deshalb ganztägig gelten. Auf vier weiteren Abschnitten gilt es nur zwischen 6 und 22 Uhr: auf der Haydnstraße zwischen Feldweg und Claus-Oellerich-Weg, auf der Brockeswalder Chaussee zwischen "Combi-Markt" und "Grillmaster", auf dem Westerwischweg zwischen "Grillmaster" und Abendrothstraße sowie auf dem Heinrich-Grube-Weg zwischen Stickenbütteler Weg und Pastor-Drägert-Weg.

Allein am Westerwischweg leben 101 Menschen über dem maßgeblichen Pegel. Mit Tempo 30 wäre rechnerisch keiner mehr betroffen. Für die Brockeswalder Chaussee prüft die Stadt, ob das Limit auch nachts gelten soll. Vor der Döser Schule dagegen bleibt es nachts bei Tempo 50. Stadtbaurat Andreas Eickmann begründete das so: Zwischen Mitternacht und drei Uhr fahre dort so wenig Verkehr, dass kein unzumutbarer Lärm entstehe. Ein Limit brächte der Stadt vielleicht Bußgelder ein, wäre aber kaum durchzusetzen. Flüsterasphalt hat die Verwaltung nicht geprüft. Auch hier fehlt ihr die Zuständigkeit. Der Spezialasphalt entfaltet seine lärmmindernde Wirkung allerdings erst bei höheren Geschwindigkeiten von über 50 Kilometern pro Stunde.
Sorge vor Ausweichverkehr
Ratsherr Lars Mickeleit von der FDP zeigte sich überrascht, wie gering der Unterschied zwischen Tempo 50 und Tempo 30 ausfalle. Das Gutachten sieht das anders. An vielen Häusern sinkt der Pegel um mindestens 2,1 Dezibel. Die Lärmschutz-Richtlinien verlangen mehr als zwei Dezibel, damit ein Tempolimit als wirksam gilt. Ratsherr Rüdiger Kurmann von den Cuxhavenern wunderte sich, dass ausgerechnet die Mitte von Stickenbüttel außen vor blieb, wo sich Anwohner über den Verkehr beschweren. Dorfstraße und Stickenbütteler Weg seien nicht Teil des Prüfauftrags gewesen, antwortete Wächter. Stadtbaurat Andreas Eickmann ergänzte, die dortige Verkehrsbelastung ergebe keine problematischen Lärmwerte. Es fehle wohl an Lastwagen und Bussen.

Von zwei Anträgen aus der Politik für Tempo 30 am Bäderring befürwortet die Verwaltung den für den Heinrich-Grube-Weg. Den anderen, der den Bereich bis zur Ortsdurchfahrt Stickenbüttel betraf, verfolgt sie nicht weiter. SPD-Ratsherr Michael Stobbe hält die Pläne grundsätzlich für richtig. "Lärm macht krank", sagte er, das gelte auch an Kreisstraßen. Er fürchtet aber, dass Autofahrer auf den Brockeswalder Weg ausweichen, wo sie weiter 50 fahren dürfen. Er beabsichtigt, seiner Fraktion vorzuschlagen, auch diese Strecke einzubeziehen.
Ausschussvorsitzender Enak Ferlemann dämpfte die Erwartungen. Tempolimits fallen in den übertragenen Wirkungskreis. Die Politik könne nur Anregungen geben, entscheiden müsse die Verwaltung nach einer Anhörung von Polizei und anderen Stellen. Andreas Eickmann sagte zu, mögliche Verlagerungen zu beobachten. "Das ist ein dynamischer Prozess. Wir müssen immer nachsteuern." Denise Wächter setzt auf Zählungen vor und nach der Umstellung. Weil nichts gebaut werde, könne die Stadt schnell nachjustieren.
Neues Zählgerät im November
Mit den bisherigen Sensoren hatte die Stadt Pech. Das schwedische Unternehmen, das sie in die Fahrbahn eingebaut hatte, bekam die Ausfälle nicht in den Griff und hat das Programm für alle Kommunen eingestellt. Die bis dahin erhobenen Daten bleiben erhalten, sie sind in die Lärmkartierung eingeflossen. Nun setzt die Stadt auf eine mobile, KI-gestützte Videoerfassung. Der Auftrag ist vergeben, das Gerät soll noch im November eintreffen.
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