Er trägt keine Asche, sondern Flamme: Der Autor Tim Pröse liest zum Welttag des Buches am 23. April in der Stadtbibliothek Cuxhaven aus seinem Buch „Jahrhundertzeugen".
Er trägt keine Asche, sondern Flamme: Der Autor Tim Pröse liest zum Welttag des Buches am 23. April in der Stadtbibliothek Cuxhaven aus seinem Buch „Jahrhundertzeugen".
Welttag des Buches 2026

Tim Pröse enthüllt Geschichten von Zivilcourage und Überleben

von Jens Potschka | 18.04.2026

Tim Pröse kehrt nach Cuxhaven zurück, um von Menschen zu erzählen, die in den dunkelsten Zeiten des 20. Jahrhunderts mit außergewöhnlicher Zivilcourage glänzten. Seine Geschichten versprechen Einblicke in unvergessene Momente der Menschlichkeit.

"Jahrhundertzeugen" - in diesem Buch gibt Tim Pröse Menschen das Wort, die das Unfassbare erlebt und überlebt haben.

Im Januar 2023 füllte Tim Pröse die Stadtbibliothek mit seiner Lesung über Jan Fedder. Nun kehrt der Münchner Autor und Journalist zurück - diesmal mit Geschichten, die noch tiefer reichen: in die dunkelsten Jahre des 20. Jahrhunderts und zugleich in die hellsten Momente menschlicher Zivilcourage. Jens Jürgen Potschka hat Tim Pröse im Vorfeld des Welttages des Buches 2026 befragt.

Herr Pröse, Sie kommen wieder nach Cuxhaven. Was verbinden Sie mit dieser Stadt?

Das lässt mich immer ein wenig schmunzeln, weil ich ja meine Wahlheimat in München habe. Und es ist ja kein kurzer Weg von München nach Cuxhaven. Und doch war ich so häufig in dieser wunderbaren Stadt wie in kaum einer anderen. Das liegt an dem wunderbaren Team der Stadtbibliothek und an Katja Bruns-Cordes, die mich immer wieder in die Gegend lotsen. Ich fühle mich dort immer sehr willkommen.

Ihre erste Lesung hier war Jan Fedder gewidmet. Was ist Ihnen von diesem Abend geblieben?

Die Lesung passte natürlich wie die Faust aufs Auge in diese Stadt. Und was für einen besseren Ort kann es geben, als über diesen Mann zu erzählen, der so nah am Wasser gebaut war, der mit dem Wasser der Elbe aufgewachsen ist - St. Pauli. Dass ich über sein Leben in Cuxhaven erzählen konnte, das ist eine wunderschöne Erinnerung. Und diesmal komme ich zurück mit einem anderen Thema.

Diesmal geht es um Hans Rosenthal, Jurek Rotenberg und Yehuda Bacon. Was haben diese drei Männer gemeinsam - außer dem Überleben?

Das Wunderbare, was ich als Erstes über sie sagen möchte, ist, mit welcher Herzlichkeit, mit welchem Strahlen sie dem Schrecken, den sie erlebt haben, ihr ganzes Leben lang begegneten. Sie sind alle als Überlebende angetreten, um dieser schlimmen Zeit etwas Gutes entgegenzusetzen. Hans Rosenthal, mit dem sind wir alle aufgewachsen, er steht im Zentrum meiner Lesung. Aber die beiden anderen stehen für unser Gestern, das sie in ein wunderbares Heute verwandelt haben. Kraft ihrer Persönlichkeit.

Drei Berliner Frauen haben Rosenthal versteckt und damit gerettet. Wer waren diese Frauen?

Das waren ganz einfache, arme Berliner Frauen, die in der Kriegszeit in ihren Schrebergartenhäuschen lebten und die ihn aufgenommen haben, die mit ihm das bisschen Essen geteilt haben, die ihn versteckt haben, die ihr Leben riskiert haben für den jungen Hans.

Was war die erschütterndste Szene, die Sie bei Ihrer Recherche entdeckt haben?

Die erschütterndste Szene war jene, als gegen Ende des Krieges die Kreisleitung in diesen Berliner Schrebergarten kam und das Häuschen inspizierte, in dem Hans versteckt war. Er verschwand unter dem Sofa, auf dem sich dieser NSDAP-Kreisleiter setzte. Er hielt den Atem an und wurde nicht entdeckt. Diese Minuten, sagte Hans Rosenthal, haben mich um Jahre älter werden lassen. So erzählte es mir sein Sohn Gerd Rosenthal, den ich befragen durfte.

Rosenthal wurde zum Fernsehstar, aber er hat alle Spielgewinne aus "Dalli Dalli" gespendet. Hat Sie das überrascht?

Das hat mich nicht überrascht. Er hat ja immer am Ende der Sendung gesagt, wofür die Einnahmen gespendet werden. Und einmal erzählte er ganz kurz, was er selbst erlebt hatte, dass er selbst auf die Hilfe von Menschen angewiesen war. Daraufhin fragte ich meine Mutter vor dem Fernseher (ich war damals auch ein Junge): Was meint er damit? Und sie erzählte mir, dass Hans Rosenthal Jude war und um sein Leben fürchtete. Daraus entwickelte sich damals mein großes Interesse, meine Leidenschaft für die Geschichte der Überlebenden. Hans Rosenthal ist praktisch die Initialzündung gewesen in meinem Leben.

Hat ihn diese Erfahrung zu einem anderen Menschen gemacht als seine Kollegen?

Sehr. Es hat ihn sehr zu einem anderen Menschen gemacht. Man muss sich das vorstellen: Dieser Mann hat sich in seiner Biografie von allen anderen unterschieden. Aber er hat niemanden gegeneinander ausgespielt. Er hat alles auf Versöhnung gesetzt. Er hat sein eigenes Schicksal kaum thematisiert. Er wollte uns immer nur große Freude bereiten. Woher nahm dieser Mann die Kraft dazu?

Wie lange haben Sie an diesem Kapitel über Rosenthal gearbeitet?

Diese Geschichte über Hans Rosenthal ist eines der 18 Kapitel meines Buches "Jahrhundertzeugen". Für dieses Buch habe ich 20 Jahre lang recherchiert. Ich habe lauter Überlebende porträtieren dürfen - Männer rund um Graf Stauffenberg, die Schwester von Hans und Sophie Scholl, die letzten Verwandten von Anne Frank, Menschen, die Juden gerettet haben.

Haben Sie Angst, dass diese Zeugen bald alle tot sind?

Ja, natürlich habe ich Angst, dass diese Zeugen bald nicht mehr sind. Margot Friedländer hat ja kurz vor ihrem Tod mit 102 Jahren noch gesagt, was wir heute brauchen: Nachfolger. Wir brauchen Menschen, die diese Flamme weitertragen. Das ist mein Publikum in Cuxhaven, das sind die Menschen, die zu dieser Lesung kommen. Das ist meine Hoffnung.

Jurek Rotenberg nennen Sie Ihren Freund. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Jurek Rotenberg hat auch mich einen Freund genannt. Ich habe ihn in Israel besucht und er mich in München. Ich durfte ihn kennenlernen, weil sein Retter der unbekannte Oscar Schindler war: Berthold Beitz, der ehemalige Krupp-Patriarch aus meiner Heimatstadt Essen. Den durfte ich einmal interviewen zu seiner Rettungsaktion. Und über diesen Mann wurden Jurek und ich zusammengeführt, weil wir diesen Mann so sehr verehrten.

Was meinen Sie, wenn Sie seine Rettung als "wundersam" bezeichnen?

Wundersam ist jede Rettung eines Juden damals im Nazi-Deutschland gewesen, denn man hat sein Leben riskiert, wenn man einen Juden retten wollte. Und es war immer ein Wunder, wenn jemand dem Tod entkam. An diesem Wunder freue ich mich bis heute.

Yehuda Bacon hat Auschwitz als Kind erlebt und später als Künstler verarbeitet. Was hat seine Kunst mit Ihnen gemacht?

Sein berühmtestes Bild ist das, was er in Auschwitz gemalt hatte, mit einem Stück Kohle in seiner Hand. Da hat er das Krematorium von Auschwitz gemalt. Und er hat imaginiert, wie das Bild seines Vaters in dem Qualm zu sehen ist, der aus dem Krematorium aufsteigt. Er hat das gemalt, weil er sich vorstellte, wie sein Vater gerade verbrannt wird.

Szenische Lesungen sind aufwendiger als klassische Autorenabende. Warum tun Sie sich das an?

Eine szenische Lesung versucht dem, was ich mit diesen Menschen erlebt habe, gerecht zu werden. Ich versuche, sie aufleben zu lassen, diese Geschichten der Menschen. Ich versuche, sie wieder gegenwärtig sein zu lassen. Und nur aus dem Buch zu lesen, das wäre mir zu einfach. Ich möchte gerne ein Gefühl entstehen lassen, ein Gefühl, dass diese Menschen nicht vergessen sind, sondern dass sie an diesem Abend wieder bei uns sind.

Antisemitismus ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Verändert das, wie Sie Ihre Bücher schreiben?

Ja, ich spüre diesen neuen Antisemitismus vorwiegend in den Schulen, in denen ich auftrete. Ich habe bisher ungefähr 250 Schulen besucht. Da spüre ich bei einigen der jungen Leute diesen neuen Antisemitismus, vor allem auch gegenüber Israel. Der neue Antisemitismus ist wieder salonfähig. Und deswegen erzähle ich von der Shoah, vom Holocaust, in den Schulen.

Was soll ein Zuschauer nach Ihrem Cuxhavener Abend mit nach Hause nehmen?

Vielleicht darf ich da Udo Lindenberg zitieren. Udo Lindenberg ist ein Freund geworden im Laufe der Jahre. Er hat gesagt: Tim, die Menschen in deinen Büchern, die sind ein Feuer in sich. Wir sollen nicht deren Asche anbieten, sondern dieses Feuer, diese Flamme weitertragen. Darüber würde ich mich freuen, wenn die Menschen diese Flamme weitertragen.

Sie arbeiten gerade an einem neuen Buch. Darf man fragen, worum es geht?

Das neue Buch kommt gerade heraus. Es heißt: "Doch noch ein neuer Tag - Wie Alexandra den Tod wählte und das Leben wiederfand." Ich habe eine junge Frau zwei Jahre lang begleitet, die sich das Leben nehmen wollte, die gerettet wurde und die jetzt Mut machen will zum Überleben.

Was lesen Sie selbst gerade?

Ich las in den letzten Monaten immer wieder mein eigenes Manuskript, weil das in den Druck musste. Deswegen geriet das Lesen anderer Bücher ein wenig ins Hintertreffen. Aber es liegt auf meinem Nachttisch das letzte Buch von Konstantin Wecker. Darauf freue ich mich, wenn ich jetzt Zeit dafür habe.

Letzte Frage, Herr Pröse: Was bedeutet Ihnen der Welttag des Buches - ehrlich gesagt?

Wunderbar, wenn er so mit Leben erfüllt wird. Wenn das der Grund ist, dass ich nach Cuxhaven zurückkehre, dass ich mich wieder auf die lange Reise von München nach Cuxhaven begebe, dann hat der Welttag des Buches für mich ganz persönlich auch etwas Besonderes. Dann ist er ein großes Glück. Für mich ganz persönlich.

Auf einen Blick

Tim Pröse liest am kommenden Donnerstag, 23. April, um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Cuxhaven, Kapitän-Alexander-Straße 1.

Karten (15 Euro, ermäßigt 13 Euro, Schüler 5 Euro) sind in der Bibliothek sowie in der Kulturinformation im Schlossgarten erhältlich.

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Jens Potschka

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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