Seemannsdiakon Martin Struwe (blauer Helm), hier bei einem früheren Einsatz, betreut zurzeit als psychosoziale Fachkraft die Seeleute der „Polesie“. Der Frachter war am Dienstagfrüh mit einem anderen Schiff kollidiert, das sank. Fünf Menschen starben. Foto: Tim Fischer
Seemannsdiakon Martin Struwe (blauer Helm), hier bei einem früheren Einsatz, betreut zurzeit als psychosoziale Fachkraft die Seeleute der „Polesie“. Der Frachter war am Dienstagfrüh mit einem anderen Schiff kollidiert, das sank. Fünf Menschen starben. Foto: Tim Fischer
Seemannsdiakon Martin Struwe

Seeleute der "Polesie" erhalten nach Schiffsunfall Unterstützung in Cuxhaven

27.10.2023

Sie sitzen nach dem Unglück auf ihrem Schiff. Zeit zum Nachdenken gibt es kaum. Die Familie ist Hunderte Kilometer entfernt. Doch ganz allein sind sie nicht. Seemannsdiakon Martin Struwe ist für die Seeleute der "Polesie" da. Doch was kann er tun?

Es ist ein dramatischer Einsatz, der Dienstagfrüh den Stab des Havariekommandos zusammenkommen lässt. Nach einer Schiffskollision zwischen Helgoland und Langeoog sinkt der Frachter "Verity". Nur zwei von sieben Besatzungsmitgliedern können bei einer dramatischen Aktion gerettet werden. Die "Polesie" bleibt schwimmfähig.

Einer, der mittendrin war: Seemannsdiakon Martin Struwe. Er ist als Fachberater für Psychosoziale Notfallversorgung Teil des Stabs beim Havariekommando gewesen und betreut die 22 Menschen mehrere Nationen auf dem Frachter "Polesie", der seit Mittwoch in Cuxhaven liegt.

Hohe Anspannung im Stab

Er kann sich nicht erinnern, wann vor der deutschen Küste zuletzt ein Schiff gesunken ist und Menschen dabei gestorben sind, sagt Struwe und überlegt. Der Einsatz sei auch deswegen so dramatisch gewesen, weil alle fieberhaft versucht hatten, die vier vermissten Seeleute doch noch zu retten. "Eine Suche mit allen Mitteln. Das ist eine außergewöhnliche Situation. Es herrschte im Stab eine besonders hohe Anspannung, weil alle überlegten: Was können wir noch tun?"

Zu den genauen Umständen darf der 52-Jährige sich nicht äußern, doch was in solchen Situationen geschehe, unterscheide sich nicht viel: Während Rettungskräfte ihre Arbeit machen, kann er sich mit einer Fachkraft des Havariekommandos einen Überblick verschaffen: Welche Menschen sind an welcher Stelle betroffen? Wo gibt es Unterstützungsbedarf? Und sie beraten die Einsatzleitung.

Menschen sind in der Schifffahrt die kleinsten Rädchen

In der Schifffahrt gehe es vor allem um die großen Beträge. "Seeleute sind nur kleine Rädchen. Aber bei der Arbeit im Havariekommando steht der Mensch im Mittelpunkt. Dafür bin ich sehr dankbar. Hier können wir unsere Arbeit machen, ohne das Gefühl zu haben, man ist nur lästig", sagt er mit Blick auf seine langjährige Erfahrung.

Als die "Polesie" im Cuxhavener Hafen festmacht, geht er an Bord. Auch hier bleibt er nur vage. Ermittlungsbehörden, Versicherungen, Reedereien - die unterschiedlichsten Menschen von Land treffen auf eine erschöpfte Besatzung an Bord, die vor allem eins eint: Sie funktioniert. "Das ist eine große Herausforderung, diese Kraft aufzubringen." Meistens haben die Seeleute keine Gelegenheit, von Bord zu gehen. Besonders nach einem Vorfall mit so einer Dramatik.

Das Klischee von den harten Kerlen

"Es fängt mit dem Ereignis an, dann der Stress über viele Tage. Da ist dieses Klischee von den harten Kerlen. Das sind natürlich Menschen, die Außergewöhnliches leisten und deutlich mehr Gefahren ausgesetzt sind als viele andere in ihrem Beruf. Doch so oft gehen Schiffe auch nicht unter und am Ende sind das auch nur Menschen, die genau sehen, was da passiert. Der Weg zu sich selbst ist dann nicht mehr so weit. Und zu der Frage: Wie schnell kann es gehen?"

Um nicht noch mehr Unruhe hereinzubringen, geht er allein an Bord. Struwe ist als Einziger in der Seemannsmission Cuxhaven als psychosoziale Fachkraft ausgebildet.

Er ist keine Polizei, keine Inspektion, er hat kein Interesse, irgendwelche Dinge zu erfahren - das ist das Erste, was Martin Struwe an Bord sagt. Und auch, dass alles, was sie ihm sagen, vertraulich behandelt wird. "Selbst, wenn ich von jemandem hören würde, dass er sich schuldig fühlt, könnte ich das nicht an das Havariekommando weitergeben."

Aufklärung statt schwerer Gespräche

Struwe ist da, um die Crew zu unterstützen. Das macht er mit den kleinen Fragen: Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Oder mit Handykarten ohne Limit, damit die Seeleute mit ihren Liebsten telefonieren können.

Viele verdrängten erst mal das Geschehene, um funktionieren zu können. Wenn die Tür erst einmal geöffnet werde, gehe sie vielleicht nicht so schnell wieder zu, erklärt Struwe. Deswegen gehe es in Gesprächen selten um das Ereignis an sich. Er versuche, aufzuklären. Wenn sie schlechter schlafen, Alpträume bekommen, versichert er ihnen: Du hast etwas Außergewöhnliches erlebt. Die Reaktion darauf sei ganz normal. Er versichere den Seeleuten jedoch: Wenn sie Zeit haben, ist er für ein vertrauliches Gespräch da.

Ruhe gibt es nach dem Unglück kaum

"Heute auf dem Schiff hatte ich mich gerade mit jemandem hingesetzt. Er erzählte ein bisschen über seine Familie und in dem Moment, als ich gerade dachte, wir sind ganz gut in Kontakt gekommen, kommt ein Funkspruch von einem Offizier. Genau das ist die Situation in den ersten Tagen nach so einem Unglück. Ein großes Gewusel."

Martin Struwe geht so lange an Bord, bis sich die "Polesie" zum nächsten Hafen aufmacht. Auch dort wird die Besatzung nicht allein gelassen. Die Seemannsmission Cuxhaven wird die Missionen der nächsten Häfen informieren, was mit dem Schiff passiert ist. "Und wir werden ihnen sagen: Bitte geht da rauf, seht nach, wie es der Besatzung geht und seid für sie da."

Von Katja Gallas

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