Was analoger Bluesrock mit unseren Smartwatches macht
Das war ja wie in der Jugendzeit", meint ein Besucher auf halbem Weg Richtung Saalausgang. Die Zugaben sind inzwischen verklungen, gut zwei Stunden lang haben die Musiker an diesem Abend gespielt.
Im Takt dazu wiegten sich im Publikum etliche silberne Häupter - in Erinnerung an längst vergangene Tage, in denen sich Alben wie "Machine Head" auf den Plattentellern (und noch nicht in der Streaming-Schleife) drehten: Deep Purple war im Kern eine Bluesband. Sie verschmolz zwei, drei Genres zu einer neuen Form, die von der Musikindustrie schließlich Hardrock getauft wurde.
Bei Danny Bryant hat das Kind einen anderen Namen. Die musikalische DNA ist trotzdem dieselbe geblieben. So ist zu erklären, dass die Dezibelmesser in der Health-Funktion einiger Smartwatches am vergangenen Sonnabend Alarm schlugen. Und dass sich ungeachtet der Lautstärke im Kuppelsaal ein Gefühl wohliger Wärme ausbreitete. Gitarren im Duell mit einer fauchenden Hammond-Orgel - wann, bitte, hat man so was zuletzt gehört?
Seit dem ersten Auftritt des englischen Bluesrockers in heimischen Breiten sind 19 Jahre vergangen. Trotzdem standen beim aktuellen Gastspiel bei Jazz & Folk Cuxhaven fünf gereifte, aber immer noch junge Musiker auf der Bühne: Danny Bryant und Bandkollegen sind alles andere als ein Nostalgie-Act.
Stimmgewaltig und
mit flinken Fingern
Ihr Umgang mit dem Songmaterial verrät einen modernen Blick auf das Genre, und kein Zufall ist es vor diesem Hintergrund, dass Co-Gitarrist Marc Raner im Laufe des Abends immer wieder zu einer weißen Gibson Explorer griff - ein Instrument, das gemeinhin vor allem mit dem Heavy-Bereich in Verbindung gebracht wird.
Der bluestypische Shuffle-Rhythmus erklang in solchen Momenten komprimiert und mit deutlich mehr Druck. Ein Fundament, das Bandleader Bryant nutzte, um ausgiebig in den Gesangsparts zu schwelgen. Der 45-Jährige ist das, was man einen Blues-Shouter nennt; beim Auftritt am Steubenhöft bewies er trotzdem ein Feingefühl für Dynamik, also auch für die leiseren Töne. Hinter der Stimmarbeit musste das Saitenspiel nicht zurückstehen, immer wieder streute Bryant mit flinken Fingern seine Gitarrenphrasen ein. Die passende Antwort kam von Jamie Pipe an den Tasten; im Laufe des Konzerts sicherte sich der Keyboarder zudem hinreichend Raum für ein paar epische Soli.
Das waren Minuten, die begeisterten. Sie offenbarten die Qualität einer Band, die in einem Bereich unterwegs ist, in dem man sich die musikalische Anerkennung längst hart erspielen muss. Denn so sehr man diese Musik auch schätzen mag: In 60 Jahren Popmusikgeschichte hat der streckenweise inflationär verbreitete Bluesrock einen natürlichen Abnutzungsprozess durchlaufen. Umso bemerkenswerter ist es, wenn eine Band, die sich diesem Genre verschreibt, in der Lage ist, einen Saal mit 300 Leuten unmittelbar zu erreichen. Danny Bryant und seinen Mitmusikern gelang am vergangenen Wochenende genau das. (kop)
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