Im Stadttheater Cuxhaven: Plattdeutsche Komödie startet mit ehrlicher Premiere
Ein Premierenabend voller Überraschungen im Stadttheater Cuxhaven: Neulinge auf der Bühne, plattdeutsche Dialoge und ein Regisseur, der um Nachsicht bittet. Doch was passiert, wenn der Vorhang sich hebt und das Lampenfieber seinen Höhepunkt erreicht?
Es war ein Premierenabend, der mehr verlangte als nur das übliche Wohlwollen des Publikums. Noch bevor der Vorhang sich öffnete, trat Regisseur Volker Kästner vor die Zuschauerinnen und Zuschauer im halb besetzten Saal des Stadttheaters Cuxhaven und bat um etwas, das im Theater selten ausgesprochen wird: Nachsicht. Drei der vier Darsteller, erklärte er offen, seien absolute Neulinge. Auf der Bühne. Und in der plattdeutschen Sprache. Was dann folgte, war kein makelloser Theaterabend. Aber es war ein ehrlicher und das hat seinen eigenen Wert.
"Glockenbimmeln", die Komödie von René Freund in der niederdeutschen Fassung von Heino Buerhoop, spielt direkt am Heiligabend. Dass dies von Beginn an spürbar war, verdankten die Gäste nicht nur dem stimmigen Bühnenbild von Detlev Ortmann, der eine schick eingerichtete Stadtwohnung auf die Bühne gestellt hatte, sondern auch dem charmanten Detail, dass die Damen vom Türdienst weihnachtlichen Kopfschmuck trugen. Die Kostüme von Irene Oeltermann taten ein Übriges, um die Stimmung zu setzen.
Origineller Einstieg mit Schwung
Der Beginn gelingt. Sandra und Thomas, das junge Paar, schmückt gemeinsam den Weihnachtsbaum. Ein stilles, warmherziges Bild, bevor das Chaos einsetzt. Volker Kästner lässt Leo und Elisabeth dann direkt aus dem Zuschauerraum aufstehen und über den linken Seiteneingang die Bühne betreten, als würden sie tatsächlich an einer fremden Tür klingeln. Es ist ein kluger, wirkungsvoller Einfall, der das Publikum unmittelbar in die Handlung zieht. Dass die beiden sich im Stockwerk geirrt haben und eigentlich auf der Suche nach einem aufgeschlossenen Pärchen für einen erotisch aufgeladenen Weihnachtsabend sind, davon ahnen Sandra und Thomas zunächst nichts. Die Komödie lebt von diesem Missverständnis, das sich Schicht für Schicht aufbaut.
Elisabeth, in schwarzem Kleid, rotem Jäckchen und mit rot lackierten Fingernägeln, entledigt sich beiläufig ihrer Lederstiefel und verhält sich, als wäre sie längst zu Hause. Tanja Maurer spielt diese Figur mit sichtlichem Vergnügen und einer Direktheit, die der Rolle gut steht. Gerhard Bucka gibt den geschiedenen Leo mit der ruhigen Souveränität eines erfahrenen Bühnenmannes. Er ist das Fundament, auf dem das Ensemble in schwierigen Momenten stabil bleibt. Und davon gibt es an diesem Abend einige.
Besonders der Running Gag um Leos Online-Handel mit Angelzubehör - wenn er von Klemmen, Gewichten, Ringen und Spiralen spricht und das Publikum zunächst ganz andere Assoziationen hegt - gehört zu den gelungenen Momenten des Abends. Hier sitzt der Witz, und er sitzt trocken.
Zwischen Lacher und Souffleuse
Britta Meyer zu Stieghorst als Religionslehrerin Sandra findet für ihre Figur eine klare Linie: Die geschockte Anständigkeit, mit der sie auf jede Zumutung des Abends reagiert, hat Komikpotenzial, und sie nutzt es. Ihr entgeistertes "Thomas!" beim pikanten Kerzenspiel im zweiten Akt, bei dem reihum Zettel mit höchstpersönlichen Fragen verlesen werden müssen, bringt den Saal zuverlässig zum Lachen. Ivan Dumbovic als ihr verkopfter, leicht verklemmter Ehemann Thomas wirkt sympathisch und bemüht. Man nimmt ihm die Figur durchaus ab. Dass ein Mann mit schwäbisch gefärbtem Akzent Plattdeutsch spricht, erzeugt bisweilen eine eigene, unfreiwillige Komik, die das Publikum durchaus goutiert.
Doch spätestens im letzten Drittel des zweiten Aktes gerät das Spiel stark ins Stocken. Dumbovic kämpft sichtbar mit seinem Text, und der Kampf ist keiner, den er allein gewinnt. Souffleuse Annemarie Beier rettet den Abend - laut, unerschrocken, unverzichtbar. Auch andere Darsteller greifen in dieser Phase auf ihre Hilfe zurück. Das ist kein Makel, den man verschweigen sollte, aber auch keiner, der das Gesamtbild nachhaltig trübt. Dumbovic spielt weiter, auch als es schwer wird. Das verdient Respekt.
Das Wagnis und seine Lehren
Hier darf auch ein nachdenklicher Blick auf die Regie erlaubt sein, nicht als Tadel, sondern als Reflexion. Volker Kästner ist ein erfahrener Mann des plattdeutschen Theaters. Sein Enthusiasmus für neues Ensemble-Blut ist so verständlich wie lobenswert. Dass er drei Neulinge gleichzeitig mit textintensiven Hauptrollen betraut hat - und das in einer Sprache, die keiner von ihnen mitgebracht hat -, war ein mutiger Schachzug. Vielleicht etwas zu mutig für einen einzigen Abend. Es ist eine Frage des Formats: Wer ohne Bühnenerfahrung und ohne plattdeutsche Sprachkompetenz ins kalte Wasser geworfen wird, schwimmt manchmal und tritt manchmal auch voll ins Wasser. Die Kunst des Regisseurs liegt künftig vielleicht auch darin, Neulinge behutsamer einzuführen, damit das Potenzial, das in allen dreien klar erkennbar ist, sich auf der Bühne entfalten kann.
Und dieses Potenzial ist real. Was an diesem Premierenabend noch holpert, wird sich glätten. Zwölf weitere Aufführungen stehen bevor. Zwölf Auftritte, in denen ein Ensemble wachsen kann und wird. Wer die Döser Speeldeel kennt, weiß: Auf der Bühne des Stadttheaters Cuxhaven reifen Darsteller. Das war früher so, das ist heute so.
"Glockenbimmeln" ist kein vollendeter Theaterabend geworden. Aber es ist ein lebendiger, herzlicher, manchmal sehr witziger Abend, der Lust macht auf das, was noch kommt. Hingehen lohnt sich. Gern auch beim zweiten Versuch.