"White Power"-Geste? Cuxhavener CDU-Kandidat erklärt Handzeichen auf altem Foto
Ein CDU-Kandidat für den Cuxhavener Stadtrat ist auf einem Gruppenfoto mit Deutschlandflagge und auffälligen Handzeichen zu sehen. Ein Experte erkennt mögliche Bezüge zu rechtsextremen Symbolwelten. Auch die CDU äußert sich.
Es ist dunkel. Im Schein einer starken Lampe steht eine größere Gruppe junger Männer dicht gedrängt am Rand eines Waldstücks. Einige tragen Kapuzen, andere Mützen, manche haben Teile ihres Gesichts verdeckt. Vor ihnen spannt sich eine große Deutschlandflagge fast über die gesamte Breite des Fotos. Zahlreiche Hände sind erhoben. Mehrere Männer formen mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis und strecken die übrigen drei Finger ab. Andere zeigen eine Geste mit ausgestrecktem Zeige- und kleinem Finger. Über der Aufnahme, die in den sozialen Netzwerken veröffentlicht wurde, ist als Musik "Happy Nation" von Ace of Base eingeblendet.
Unter den Männern auf dem Foto ist nach Informationen unseres Medienhauses auch ein CDU-Kandidat für den Rat der Stadt Cuxhaven. Sein Name ist der CN/NEZ-Redaktion bekannt. Entstanden sein soll das Foto vor etwa zwei Jahren. Fragen wirft die Aufnahme vor allem wegen der gezeigten Handzeichen auf: Einige von ihnen können, abhängig vom jeweiligen Kontext, rechtsextrem interpretiert werden. Die CN/NEZ-Redaktion hat daher sowohl den Kandidaten als auch die Cuxhavener CDU mit dem Foto konfrontiert und einen Rechtsextremismusforscher um eine Bewertung gebeten.

Rolf Frankenberger vom Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) an der Universität Tübingen erkennt auf dem Bild mehrere Gesten, die aus seiner Sicht zumindest auch Bezüge zu rechtsextremen Symbolwelten haben können. Die Geste, bei der Daumen und Zeigefinger einen Kreis bilden und die übrigen drei Finger ausgestreckt werden, stehe im rechtsextremen Kontext für "White Power". Die drei ausgestreckten Finger könnten dabei als "W", Daumen und Zeigefinger zusammen mit dem Unterarm als "P" gelesen werden. In diesem Zusammenhang stehe das Zeichen für die Vorstellung einer angeblichen Überlegenheit weißer Menschen.
Geste wird mit "Grauen Wölfen" in Verbindung gebracht
Auch eine zweite auf dem Foto erkennbare Geste sei doppeldeutig, erklärt Frankenberger. Dabei werden Mittel- und Ringfinger an den Daumen gelegt, während Zeige- und kleiner Finger abgespreizt bleiben. Vielen sei dieses Handzeichen als "Schweigefuchs" bekannt. Im Kontext des türkischen Rechtsextremismus werde eine entsprechende Geste jedoch mit den "Grauen Wölfen" in Verbindung gebracht.
Bei zwei Personen im Hintergrund hält Frankenberger es zudem für möglich, dass sie den Hitlergruß zeigen. Das sei auf dem Foto allerdings "nicht eindeutig zu erkennen", schränkt der Wissenschaftler ausdrücklich ein.
Entscheidend ist für Frankenberger deshalb weniger ein einzelnes Handzeichen als die Gesamtkomposition der Aufnahme. Auffällig sei, dass, soweit auf dem Bild erkennbar, nahezu alle Personen Gesten zeigten, die zwar jeweils mehrdeutig seien, zugleich aber auch eine Bedeutung im extrem rechten Kontext haben könnten. Hinzu kämen die nächtliche Szenerie im Wald, die Gruppe junger, teils vermummter Männer und die große Deutschlandflagge.

Eine solche Bildsprache ist nach Frankenbergers Einschätzung in jungen extrem rechten Milieus inzwischen häufiger zu beobachten und hat dort beinahe den Charakter eines Stilmittels. Auch die Verwendung des Songs "Happy Nation" von Ace of Base passe aus seiner Sicht in dieses Muster.
Aus einzelnen Gesten allein lasse sich damit keine eindeutige politische Einordnung der abgebildeten Personen ableiten. In der Zusammenschau der verschiedenen Elemente kommt der Politologe und Rechtsextremismusforscher jedoch zu dem Schluss: "Das alles zusammen legt zumindest nahe, dass es sich um einen extrem rechten Kontext handeln könnte."
CDU-Kandidat: "Würde eine solche Pose vermeiden"
Von CNV-Medien mit der Aufnahme konfrontiert, erklärt der CDU-Kandidat, mit seiner Geste weder eine rechtsextreme noch eine rassistische Botschaft verbunden zu haben. Das von ihm gezeigte Handzeichen, das je nach Kontext auch als "White-Power"-Symbol gelesen werden kann, habe für ihn diese Bedeutung nicht gehabt, erklärt er auf Anfrage von CNV-Medien. Eine entsprechende Gesinnung entspreche nicht seiner Haltung. Zugleich sei ihm bewusst, dass die Geste aufgrund ihrer Verwendung in rechtsextremen Zusammenhängen missverstanden werden könne. "Aus heutiger Sicht würde ich eine solche Pose deshalb vermeiden", sagt er.
Auch der CDU-Stadtverband Cuxhaven kennt das Foto inzwischen. Die Partei findet für die Handbewegung deutliche Worte: Die auf dem Foto gezeigte Geste sei "unangemessen" und vor dem Hintergrund ihrer Verwendung in rechtsextremen Kreisen "nicht akzeptabel", teilt Christoph Frauenpreiß, Vorsitzender des CDU‑Stadtverbands, mit.
Der Kandidat habe gegenüber der CDU erklärt, keinerlei politische oder rechtsextreme Aussage beabsichtigt zu haben und sich der Bedeutung der Geste damals nicht in vollem Umfang bewusst gewesen zu sein. Nach Angaben der Partei war der Vorfall bereits während seiner Schulzeit Thema und sei seinerzeit von der Schule "abschließend beurteilt" worden.
CDU hält Erklärung des Kandidaten für glaubwürdig
Konsequenzen für seine Kandidatur zur Kommunalwahl am 13. September 2026 will die CDU daraus nicht ziehen. Der Stadtverband hält die Erklärung des Kandidaten für glaubwürdig. Er habe gegenüber Parteimitgliedern und bei Veranstaltungen "nie auch nur ansatzweise rechtsextreme Tendenzen gezeigt", heißt es in der Stellungnahme. Frauenpreiß verweist zudem auf sein ehrenamtliches Engagement. Erkenntnisse darüber, ob andere Personen auf dem Foto Verbindungen in die rechtsextreme Szene hätten oder gehabt hätten, habe der Stadtverband nach eigenen Angaben nicht.
Grundsätzlich erwarte die CDU Cuxhaven von allen Kandidatinnen und Kandidaten eine "klare und unmissverständliche Abgrenzung" von Extremismus, Antisemitismus und Rassismus, so Frauenpreiß. Auf die Frage, ob sich sowohl der Kandidat als auch der Stadtverband ausdrücklich von rassistischen und rechtsextremen Bedeutungen des "White-Power"-Zeichens sowie von der Vorstellung einer Überlegenheit weißer Menschen distanzierten, antwortet die Partei mit einem eindeutigen "Ja".
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