Wie der Cuxhavener Arzt Jens Dreyßig einen Garten Eden in der Stadt geschaffen hat
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist in 20 Jahren die Obstsortenerhaltungsanlage "Bien Galgenberg" herangewachsen. Auf einer Fläche von rund 6,4 Hektar stehen allein rund 1200 Apfelbäume - von jedem nur ein einziges Exemplar.
"Paderborner Seidenhemdchen", "Hadelner Sommerprinz", "Grasblümchen", "Wohlschmecker aus Vierlanden" oder schlicht "Der Leckerbissen" - allein schon diese poetisch klingenden Namen verlocken dazu, sich in diesem scheinbar unendlichen Garten zu verlieren.
Insgesamt rund 1400 Obstbäume
Im Jahr 2003 kaufte der Cuxhavener Arzt Jens Dreyßig die ersten Flächen. Nach und nach sind außer der Apfelbaum-Sammlung rund 200 weiteren Obstbäume hinzugekommen: Pfirsiche, Birnen, Kirschen, Zwetschgen/Pflaumen, Nüsse, Aprikosen, Quitten, Nashis, Maulbeeren, Feigen und andere. "Ich möchte behaupten, alle Obstsorten, die bei uns wachsen können, stehen hier auch", überlegt Jens Dreyßig. Dazu kommen noch rund 100 Beerensorten, ein Traum in der Erntezeit. Das alles hat er fast ganz allein angelegt.
Apfelfest bringt die Generationen zusammen
Er betreibt die Anlage zusammen mit seiner Frau Jutta und einer Gruppe freiwilliger Helfer. Viele von ihnen sowie Freunde, Bekannte und Kindergarteneltern trafen sich am 3. Oktober zur großen Apfelernte. Zwischen den Mienen der Kinder und Erwachsenen war kein großer Unterschied auszumachen, als sie sich mit leuchtenden Augen die Sammelkörbe unter den Arm klemmten. Auf diesen Moment freut sich Jens Dreyßig immer am meisten: "Für die Kinder ist das wie eine Schatzsuche", sagt er lachend.
Schnatternd und aufgeregt ging es auch in die entlegensten Ecken. Kinder ließen sich von ihren Eltern hochheben oder auf die Schulter setzen, um an die Früchte zu gelangen, und quittierten jede Entdeckung wie etwa die wuschelig anmutenden Maronen mit Gejubel. Äpfel durften natürlich hemmungslos probiert werden.
Saftpresse verarbeitet die Äpfel an Ort und Stelle
An der Scheune hatte eine mobile Saftpresse Position bezogen. Die folgende Prozedur ist eine Sache von Minuten: Schaufelweise wandern die Äpfel in die Maschine, werden gewaschen, zerkleinert und gepresst. Während der Trester (gepresster Fruchtrest) kompostiert wird, wird der Saft erhitzt und noch dampfend in Kunststoffschläuche abgefüllt und durch einen Karton verhüllt. Frischer geht es nicht.
Mit einem breiten Grinsen nahmen die Familien ihren bestellten noch warmen Apfelsaft entgegen. Herrlich aromatisch ist der durch die Mischung der Apfelsorten. Einen Teil verarbeitet ein Produzent daher auch gern zu Cider.
Anlage hat sich auch zu einem sozialen Projekt entwickelt
Die Kinder - viele aus dem Waldkindergarten und anderen Kitas - kannten sich auf dem Gelände bestens aus, denn seit einigen Jahren hat sich diese Anlage auch zu einem sozialen Projekt entwickelt. Das Ehepaar Dreyßig empfängt hier Angehörige aller Altersgruppen. Wenn beide mit einem bis zwei Kindern an jedem Arm durch das Gras stapfen, dann erzeugt das Glücksgefühle: "Es ist ein Privileg, so etwas erleben zu dürfen", sagt Jens Dreyßig.
Auch am Dienstag war diese Stimmung greifbar, als sich Jung und Alt Seite an Seite in Gummistiefeln und mit schmutzigen Händen begegneten, dazwischen als Stargast das von den Kindern mit Blumen geschmückte Pony Fritzi von Sonja Weidhase.
Es sollte als Ausgleich zur Arbeit anfangen
Vorauszuahnen war das noch nicht, als er - damals noch voll im Arbeitsleben - die ersten Bäume pflanzte. Inzwischen bewirtschaftet er im 21. Jahr eine Fläche von 6,4 Hektar, davon 5,7 Hektar im Eigentum. "So richtig geplant war das nicht", erinnert er sich, "es hat eine Eigendynamik entwickelt."
Er suchte einen Ausgleich zu seiner Arbeit als Hausarzt, wollte etwas wachsen sehen und etwas für die Natur tun. Inzwischen ist die biozertifizierte Anlage mitsamt ihren Wallhecken und einer unbewirtschafteten Fläche ein Musterbeispiel für den Erhalt von Biodiversität. Rundherum summen rund 20 Bienenvölker; das Ehepaar stellt seinen eigenen Honig her. Vor allem in der Dämmerung ist zu hören, was dort noch alles kreucht und fleucht.
Stellenwert hat sich europaweit herumgesprochen
Der Stellenwert hat sich europaweit herumgesprochen. Jens Dreyßig ist Mitglied im Pomologenverein Deutschland, Erhalternetzwerk Obstsortenvielfalt; bei Mellifera - Initiative für Bienen, Menschen und Natur; bei Fructus, Vereinigung zur Förderung alter Obstsorten in der Schweiz und in der schweizerischen Stiftung "Prospecierara", die sich für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren einsetzt. Sein Exemplar des "Totenapfels von Hellikon" dürfte das nördlichste außerhalb der Schweiz sein und bewog Gäste aus der Schweiz schon zu einer Reise nach Cuxhaven.
Ein heimischer Apfel wie der Rotfranch kann immer noch begeistern
"Der Schwerpunkt liegt aber auf den norddeutschen Sorten", verrät der Mediziner. Und so taucht zwischen all den klangvollen Bezeichnungen auch mal eine Tafel mit der Aufschrift "Sahlenburg, Wattwagenauffahrt" auf (selbst vermehrt). Die alten Sorten aus Hadeln haben es ihm auch angetan, so gehört der bei den Älteren noch bekannte kleine rote Rotfranch zu seinen Lieblingsäpfeln. Er mag auch dessen Bezeichnung, sicherlich wie auch beim "Gelbfranch" oder "Wittfranch" ein Überbleibsel der Franzosenzeit. Die Entwicklung der Apfelsorten bedeutet eben auch ein ganzes Stück Kulturgeschichte.
Vermehrungsmaterial geht nach ganz Deutschland und Europa
Einige Sorten gibt es nur bei ihm. Weil es sich ja um eine Erhaltungsanlage handelt, ist der Austausch erwünscht. In einem Internetportal geben die Betreiber an, welche Sorten bei ihnen verfügbar sind. Rund 800 Anfragen erreichen den Cuxhavener so jedes Jahr. Die aus dem einjährigen Holz geschnittenen Triebe gehen dann als Vermehrungsmaterial nach ganz Deutschland und Europa.
1200 Apfelbäume bedeuten im Winter allerdings auch 1200-mal Apfelbaumschnitt. Dreyßig hat dafür extra eine mehrjährige Ausbildung absolviert. "Das geht langsam nicht mehr", gesteht er ein. Natürlich haben seine Frau und er sich schon länger Gedanken gemacht, wie es weitergehen kann, möglicherweise als Stiftung.
Wie geht es weiter?
Am liebsten wäre ihnen, wenn die Stadt Cuxhaven den Stellenwert dieser Anlage erkennen und das Fortbestehen unterstützen würde. "Das hier darf nicht aufgegeben werden": Dieser Gedanke erfasst jeden, der hier nur einen Tag miterlebt. So wie Sahlenburgs Ortsbürgermeister Herbert Kihm, der als ehemaliger Biologielehrer sofort den Wert erkannt hat und das Thema in die Lokalpolitik tragen will.
Ein außerschulischer Lernort - gerade im Hinblick auf die Ganztagsschule -, ein Garten für die Kindergärten oder sogar ein Ort für Genussführungen: Jens Dreyßig könnte sich all diese Perspektiven vorstellen, sofern es bloß kein Bauland mit Blick aufs nahe Duhnen wird.



