Jens Dreyßig hat mit der Obstsortenerhaltungsanlage "Bien Galgenberg" ein Paradies geschaffen, das Pflanzen und Menschen guttut und das Überleben seltener Sorten sichern soll. Foto: Reese-Winne
Jens Dreyßig hat mit der Obstsortenerhaltungsanlage "Bien Galgenberg" ein Paradies geschaffen, das Pflanzen und Menschen guttut und das Überleben seltener Sorten sichern soll. Foto: Reese-Winne
Menschen in unserer Stadt 

Wie ein Arzt aus Cuxhaven zum Retter der seltenen Obstsorten wurde

von Maren Reese-Winne | 25.04.2026

Als Facharzt für Innere Medizin und  Hausarzt hatte Jens Dreyßig eigentlich genug zu tun. Aber da war dieser Wunsch, noch einmal etwas Neues zu machen. Das hieraus entstandene Werk von europäischer Dimension kann an diesem Sonntag besichtigt werden.

Jens Dreyßig wollte etwas mit Pflanzen und Natur schaffen. Inspiriert durch einen Patienten mit eigener Baumschule ging er das Projekt an und kaufte 2003 das erste Stück Land in Sahlenburg, um dort Obstbäume anzupflanzen.

Blühendes Paradies und Schlaraffenland

Was auf 3000 Quadratmetern begann, bildet heute die europaweit beachtete, sechs Hektar große  Obstsortenerhaltungsanlage "Bien Galgenberg". Rund 1300 Obstbäume und 3000 weitere Pflanzen wie Wildobst- und Beerensträucher bilden im Frühjahr ein blühendes Paradies und werden in der Erntezeit zum Schlaraffenland. Der Europäische Tag der Streuobstwiese gibt interessierten Besucherinnen und Besuchern am morgigen Sonntag von 10 bis 16 Uhr Gelegenheit, sich durch die Anlage treiben zu lassen und darüber ins Gespräch zu kommen.

Jedes Jahr kamen mindestens 100 Bäume hinzu

Alles, was dort zu sehen ist, hat Jens Dreyßig zu 90 Prozent allein mit seinen Händen geschaffen, anfangs noch neben dem Beruf. Hilfe bekam er durch Einzelpersonen und viele Feuerwehrleute, die er durch seine Tätigkeit als Feuerwehrarzt kannte. Beim Aussuchen der ersten Sorten half der besagte Patient. "Dabei habe ich bemerkt, dass ich ein Sammler bin", bemerkt Jens Dreyßig lächelnd. Jedes Jahr pflanzte er rund 100 Bäume dazu. Beim Pomologenverein Deutschland absolvierte er eine Ausbildung in der Obstgehölzpflege.

Seine Wurzeln liegen in Sahlenburg

Unweit der Anlage, in Sahlenburg, wo er 1953 geboren wurde, liegen auch Jens Dreyßigs Wurzeln. Nach dem Abitur im Jahr 1972 am Gymnasium für Jungen zog es ihn erstmal weg. In Marburg schloss er ein Psychologie- und ein zeitlich zum Teil parallel laufendes Medizinstudium ab. Das Cuxhavener Stadtkrankenhaus war die letzte Etappe seiner Kliniktätigkeit, bevor er 1989/90 in die eigene Praxis in der Bahnhofstraß wechselte.

Seit 2020 ist die Pflege der Obstsortenanlage sein Tagwerk - Lust und Last gleichzeitig, denn die Hauptarbeit - jedes Jahr von Hand 1300 Obstbäume zu beschneiden - fällt im Winter an.

Genpool sichern, seltene Sorten retten

Doch das Ergebnis wiegt vieles auf: Kirschen, die es nur kurze Zeit im Sommer gibt und die so aromatisch sind wie in der Kindheit. Kinder, die juchzend durch den Garten laufen und Obstsorten probieren, die sie zu Hause nicht anrühren würden. Apfelallergiker, die mit Tränen in den Augen nach Jahren wieder in einen Apfel beißen, auf den sie nicht allergisch reagieren. Und der vielleicht wichtigste Zweck: Die Anlage dient dazu, Vermehrungsmaterial zu gewinnen und weiterzugeben. Als kooperierendes Mitglied der Deutschen Genbank Obst hilft Jens Dreyßig, einen vielfältigen Genpool zu sichern und seltene Sorten zu retten.

Offiziell sind in der Anlage 560 verschiedene Apfelsorten bestätigt, Jens Dreyßig schätzt die tatsächliche Anzahl  auf rund 800. Hinzu kommen rund 50 Kirschen- und 100 Pflaumensorten, eine Vielfalt an Pfirsichen, Mirabellen, Kakis, Nüssen, Maronen, Nashis, Birnen und Sanddorn, Kornelkirschen, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Blaubeeren, Himbeeren und  Kamtschatka-Beeren (Maibeeren), von denen Dreyßig allein 20 Sorten hat. Die Heidelbeeren ähnelnden länglichen Früchte sind die ersten, die im Frühjahr reif werden. Sie sind so reich an Vitamin C, dass sie in östlichen Ländern als Ersatz für Zitrusfrüchte benutzt wurden, wenn diese nicht verfügbar waren.

Natur bringt Menschen zusammen

Die Anlage hat dem Cuxhavener schon viele tolle Kontakte vermittelt, meist verbunden mit dem Austausch von Pflanzen. Auf diese Weise kamen zum Beispiel schon Gäste aus der Schweiz, Holland und Polen, aber auch sechs bulgarische und eine ukrainische Aprikosensorte an die Nordsee. "Die ganze Anlage hat etwas Europäisches", sagt Jens Dreyßig. Das wird auch bei dem durch den Verein "Hochstamm Deutschland" initiierten Europäischen Tag der Streuobstwiese deutlich: Natur verbindet Menschen,  unabhängig von politischen Strukturen.

Eine Inspiration für Experimente in der Küche

Als Imker kümmert sich Jens Dreyßig um 15 Bienenvölker, die unter anderem einen seltenen Maronen-Honig produzieren. Die wimmelnden Insekten üben große Faszination vor allem auf Kinder aus. Doch die Umgebung ermuntert auch zum Austausch von Kochrezepten und Küchenexperimenten, zum Beispiel wenn Familie Brandes vom Café Löwenzahn aus Altenbruch aufs Gelände kommt. So wurdeten auch Mispeln aus Dreyßigs Garten zum ersten Mal in einem Kuchen verwertet. 

Der jüngste Bereich der Anlage ist dem Klimawandel gewidmet. Hier kultiviert Jens Dreyßig, was früher im Süden verortet war, aber inzwischen auch hier gut zurecht kommt: Aprikosen, Pfirsiche und Oliven zum Beispiel. Nutzpflanzen im Klimawandel, das ist in der Wissenschaft gerade ein Riesenthema. Ein Grund mehr, um zu erkennen, wie diese Anlage über Cuxhaven hinaus wirkt.

Selig und mit vollen Bäuchen davon

Doch der Ort tut auch der Seele gut. "Die Leute werden direkt in die Kindheit zurückgeführt", so Jens Dreyßig, der sich am Anblick erfreut, wenn Menschen an Erntetagen selig und mit vollen Bäuchen von der Anlage wanken: "Die Freude, die man bereiten kann, springt über", sagt er. 

Ein Gefühl, das sich auch einstellt, wenn er etwas mit den Händen schafft. Seine Liebe für Formen und Holzarbeiten lebte er zu Hause in seiner Drechslerwerkstatt und beim Gestalten von Möbeln und Gestaltungselementen aus. Seit kurzem kann sich Jens Dreyßig, der verheiratet ist und eine Tochter hat, außerdem über eine neue Aufgabe, nämlich die als Großvater, freuen.

Hier geht es zur Anlage

Zur Anlage "Bien Galgenberg" geht es von der Sahlenburger Chaussee aus über die Straße "Am Grooten Kamp" (gegenüber dem Restaurant Zimdars). Diese geht in einen Feldweg über und führt bis an die Anlage heran. Bitte ohne Pkw kommen, denn Parkplätze stehen nicht zur Verfügung.

Jens Dreyßig hat mit der Obstsortenerhaltungsanlage "Bien Galgenberg" ein Paradies geschaffen, das Pflanzen und Menschen guttut und das Überleben seltener Sorten sichern soll. Foto: Reese-Winne

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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