Bürgerlotse für den Kreis Cuxhaven: Auch mit Suizidgedanken von Menschen konfrontiert
Der Wingster Michael Schlobohm (SPD) ist "Bürgerlotse" des Kreistages. Er hat viele Fälle bearbeitet. Dazu zählte auch ein Gespräch mit einer Frau, die ihren Selbstmord ankündigte. Unser Redakteur Egbert Schröder führte ein Interview mit Schlobohm.
Was steckt eigentlich hinter der Funktion "Bürgerlotse"? Gibt es eine Art Arbeitsplatzbeschreibung?
Der Bürgerlotse soll die Stellung des Bürgers gegenüber der Kreisverwaltung stärken und als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und vermitteln.
Klingt abstrakt. Nennen sie doch einmal konkrete Beispiele.
Zum Portfolio zählen unter anderem Widerspruchsverfahren, die Grundsicherung und soziale Leistungen. Das deckt schon viele Fälle ab. Die Bearbeitungszeit ist in vielen Fällen ganz schön lang. Das führt dann natürlich auch zu Unzufriedenheit. Bei einzelnen Bürgerinnen und Bürgern geht es tatsächlich um den letzten Euro - und noch mehr. Auch drohende Wohnungslosigkeit wegen fehlender finanzieller Mittel ist ein Thema.
Also hat man es oft mit sehr verzweifelten Menschen zu tun, die Rat von außen benötigen?
Ja. Manche Menschen warten seit Wochen oder Monaten auf ihren Bescheid seitens der Verwaltung, was natürlich mit der Gewährung finanzieller Leistungen verbunden ist. Da ist es dann meine Aufgabe, auch einmal in der Verwaltung anzurufen und zu fragen, woher die anscheinend schleppende Bearbeitung eigentlich rührt. Ich bin auch in Einzelfällen bei Widerspruchsverfahren oder Anhörungen direkt dabei. Natürlich gibt es auch Kontakte zur Dezernentenriege, die ich auf den einen oder anderen Fall hinweise. Vieles hat sich binnen weniger Tage dann erledigt.
Also fehlt in manchen Fällen einfach auch nur der Anschub, um einen Fall zum Abschluss zu bringen?
Ja.
Ist es eigentlich einfach für den Betroffenen, die Zuständigkeiten der Verwaltung - ob Landes-, Kommunal- oder Kreisvorgaben - zu unterscheiden?
Nein. Es gibt viele Dinge, für die der Kreistag und ich als der von ihm beauftragte Bürgerlotse nicht zuständig sind. Da geht es dann um Parkuhren in der Stadt Cuxhaven oder auch um den Hahn in Otterndorf, der morgens um 5 Uhr zu krähen beginnt. Das tut mir zwar leid für die Anwohner, aber dafür ist das Ordnungsamt der Samtgemeinde Land Hadeln oder die Polizei zuständig.
Gab es bislang einen besonders krassen Fall, in den Sie sich eingeschaltet haben?
Ja. Der heftigste Fall war, als eine junge Frau bei mir zu Hause angerufen hat und mir ihren Suizid angekündigte, weil sie keine Sozialleistungen mehr bekommen sollte. Sie war völlig am Ende. Das war am frühen Abend und ich habe in der Verwaltung niemanden mehr erreicht
Aber in solchen Fällen sind Sie als Bürgerlotse ja überhaupt nicht geschult, oder? Wie haben Sie reagiert?
Ich habe ihr gesagt, dass ich mich unverzüglich noch um eine Kontaktaufnahme kümmern würde und ihr versichert, dass diese Angelegenheit spätestens am nächsten Morgen im Kreishaus geklärt wird. Ich habe ihr zusätzlich geraten, sich umgehend mit der Telefonseelsorge oder anderen ähnlichen professionellen Organisationen in Verbindung zu setzen. Am Abend hatte ich sie dann noch einmal direkt angerufen und ihr versichert, dass sich etwas abseits der Öffnungszeiten der Verwaltung bewegen würde. Morgens gab es auch einen Lösungsansatz, den ich ihr mitteilte. Das war ein krasser Fall.
Ich erinnere mich aber auch an den Anruf einer älteren Frau, deren Mann zwei Tage vor Weihnachten aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Die Seniorin war mit der gesamten Situation komplett überfordert. Direkt konnte ich da auch keine Lösung finden, aber habe versucht, das Problem über andere Institutionen zu lösen. Ich kann auch nicht von heute auf morgen einen Heimplatz organisieren.