Zwangsversteigerung im Kreis Cuxhaven: Wenn das Wohnhaus unter den Hammer kommt
Die Zahl der Zwangsversteigerungen ist in Deutschland um acht Prozent steigen. Auch in Otterndorf gab es schon jetzt so viele Verfahren wie im gesamten Jahr 2023. Doch wie kommt es überhaupt dazu und wie läuft so eine Versteigerung eigentlich ab?
Nur wenige Leute versammelten sich im kleinen Saal im Nebengebäude des Otterndorfer Amtsgerichts. Das Objekt, ein Wohn- und Geschäftshaus in Otterndorf, um das es bei der Zwangsversteigerung ging, schien nicht viele Interessenten anzulocken. Lediglich ein Interessent war gekommen. Und trotzdem eröffnete Rechtspfleger Kai von Rönn um Punkt 10 Uhr das Verfahren. Denn auch wenn niemand gekommen wäre, hätte der Termin stattfinden müssen.
Zu Beginn der Versteigerung ging es sehr bürokratisch los. Das Objekt wurde nach Aktenlage vorgestellt, indem alle wichtigen Eckdaten zur Immobilie vorgetragen wurden. Unter anderem wurden auch der Verkehrswert, der von einem Gutachter festgesetzt wurde, und das Mindestgebot genannt. Im Fall der Otterndorfer Immobilie betrug der Verkehrswert 152.000 Euro, das Mindestgebot lag bei knapp 6.000 Euro.
Bietzeit muss eingehalten werden - auch wenn keiner kommt
Auf die Eröffnung folgte die Bieterstunde: Wobei es sich in Otterndorf gar nicht um eine Stunde handelte, sondern nur 30 Minuten andauerte. "Die müssen eingehalten werden, auch wenn niemand bietet oder erscheint", erklärt Rechtspfleger Kai von Rönn das Prozedere bei einer Zwangsversteigerung. Der gebürtige Nordkehdinger ist seit 2021 hauptsächlich für den Bereich Zwangsversteigerung und Grundbuchsachen im Otterndorfer Amtsgericht zuständig, hatte zuvor eine Ausbildung absolviert, war viele Jahre Soldat bei der Bundeswehr, ehe er sich 2017 für ein Studium in Hildesheim entschied.
Zurück zum Otterndorfer Objekt. Auf die Wohn- und Gewerbeimmobilie wurde vom einzigen Bieter im Saal, einem Inhaber eines Immobilien-Management-Unternehmes, ein Gebot abgegeben. Bieten darf übrigens nur, wer nachweisen kann, dass er über die finanziellen Mittel für einen Kauf verfügt. Dies kann über eine Bankbürgschaft oder einen Scheck in Höhe von zehn Prozent des Verkehrswerts der Immobilie geschehen.
70 Prozent des Verkehrswerts sollten geboten werden
Als die Bietzeit im Otterndorfer Saal ablief, wiederholte Rechtspfleger von Rönn drei Mal das höchste Gebot. In diesem Fall 98.000 Euro. Einen Hammerschlag gab es, anders als oft dargestellt, in diesem Fall nicht. Denn der Zuschlag wurde noch nicht erteilt. Den bekommt nämlich nicht einfach der Höchstbietende. "Der Zuschlag wird nur erteilt, wenn das höchste Gebot bei mindestens 50 Prozent des Verkehrswertes inklusive der dazugehörenden Rechte liegt - also 76.000 Euro", so von Rönn. Allerdings lag das Gebot bei weniger als 70 Prozent des Verkehrswerts (das wären 106.400 Euro). Der Gläubiger, in diesem Fall die Sparkasse, hätte den Zuschlag also verweigern können. Hat er aber nicht und erteilte den Zuschlag. Die Verhandlung wurde somit abgeschlossen, die Zwangsversteigerung beendet. In sechs bis acht Wochen später findet nun ein Verteilungstermin statt, bei dem der Erlös aus der Zwangsversteigerung auf die Gläubiger aufgeteilt wird.
Um Versteigerung zu verhindern, ziehen Schuldner alle Register
Was aber passiert, wenn der Zuschlag nicht erteilt wird oder kein Gebot abgegeben wird? "Dann wird innerhalb des nächsten halben Jahres ein zweiter Termin für die Zwangsversteigerung angesetzt", erklärt der Rechtspfleger, der trotz seiner noch kurzen Amtszeit schon auf ein paar besondere Momente zurückblicken kann: "Einmal kam ein Schuldner mit professioneller Hilfe, also einem Versteigerungsverhinderer zum Termin und hatte einen Stapel voller Anträge dabei, um die Versteigerung zu verhindern." Nicht selten werde von Seiten der Schuldner auch mit Selbstmord gedroht, wenn es zur Versteigerung komme. Manchmal würden sogar Bieter bedroht. Dabei sei eine Zwangsversteigerung häufig die Rettung, um Schulden zu begleichen, die durch die Immobilienfinanzierung entstanden sind. "Das Wort Zwang ist negativ behaftet. Aber wenn das Objekt über den Verkehrswert versteigert wird, dann bleibt für den Schuldner Geld über." Weitere Gründe für eine Zwangsversteigerung seien übrigens Ehescheidungen und auch Erbschaftsstreitigkeiten.
Immobilien in bestimmter Lage sind besonders beliebt
Kai von Rönn hat aber auch positive Versteigerungsbeispiele erlebt: "Als ich hier angefangen habe, hatten wir ein Otterndorfer Objekt, das einen Verkehrswert von 3.000 Euro hatte. Die Bieter haben sich gegenseitig hochgeboten. Und am Ende wurde es für 20.000 Euro versteigert." Auch bei einem Einfamilienhaus in Otterndorf machten sich viele Bieter auf den Weg nach Otterndorf: "Da kamen über 40 Leute und am Ende hatte ich über 150 Gebote. Das Interesse richtet sich eben oft auch nach der Lage." Besonders beliebt seien demnach Immobilien in Otterndorf, Cadenberge und Hemmoor.