So läuft ein Fahrsicherheitstraining mit dem ADAC in Bremen
Eine Fahrt auf glatter Strecke, plötzlich taucht etwas vor dem Auto auf: Zum Reagieren bleiben nur Sekundenbruchteile. Was soll man tun? Auf solche Fälle soll das ADAC-Fahrtraining in Bremen vorbereiten. Doch was bringt das wirklich? Der Test.
Sonntagmorgen, die Uhr zeigt halb zehn, das Thermometer zwei Grad über null. Regen prasselt auf Autos, die Schlange stehen. Was nach Schmuddelwetter klingt, sind perfekte Bedingungen für das Fahrsicherheitstraining des ADAC in Bremen. Gleich geht es in die erste Übung: Gefahrenbremsung.
Am Steuer warten Menschen, die so unterschiedlich sind wie ihre Autos. Darunter ein Notarzt im vollgepackten Notarztwagen, eine 50-jährige Italienerin in ihrem Peugeot 208, ein 23-Jähriger mit seinem BMW M2-Competition und ich, Reporterin, im guten alten Golf aus dem Fuhrpark. Wir alle wollen das Gleiche aus ganz unterschiedlichen Gründen. Am eigenen Leib erfahren, was im echten Leben nur theoretisch beackert und nicht geübt werden kann, um sicherer auf den Straßen unterwegs zu sein.
Fahrtraining fürs bessere Gefühl
In meinem Arbeitsalltag lege ich bei Wind und Wetter zig Kilometer auf den Landstraßen im Cuxland zurück. So manches Mal wurde mir mulmig: Wie reagiere ich und wie reagiert mein Auto, wenn es plötzlich glatt wird? Bei Aquaplaning? Wenn mir etwas vor das Auto läuft? Am Ende des Tages erhoffe ich mir, mit einem etwas besseren Gefühl unterwegs zu sein.
Die ersten Fahrer geben Gas und kommen plötzlich zum Stehen. Dann bin ich an der Reihe. Bremsen - so habe ich vorher gedacht - wird wohl die leichteste Übung sein. Mit Schmackes fahre ich auf die Hütchen zu. Steige richtig in die Eisen - dachte ich zumindest - und komme viel später zum Stehen als erwartet. Den meisten anderen geht es ähnlich. Im Container am Rande der Strecke gibt Trainer Ole Wohltmann das erste Feedback. Für die Gefahrenbremsung muss das Pedal so schnell und so doll wie möglich durchgedrückt werden, bis es nicht mehr geht. Dafür braucht es Kraft in den Beinen. Und die gibt's nicht, wer im Auto sitzt wie zu Hause auf dem Sofa.
Die richtige Sitzposition macht's
Statt auf die Bremse drücken wir jetzt alle erst mal an den Hebeln von Sitz und Lenkrad herum. Der Sitz sollte nahezu im 90-Grad-Winkel eingestellt werden und die Beine dürfen bei durchgetretenem Pedal nicht gestreckt sein. Das Gleiche gilt für die Arme. Mit dem Rücken am Sitz müssen die Handgelenke oben auf dem Lenkrad abgelegt werden können. Jetzt passt's - für den Trainer. Marlon, der seinen M2 vorher lässig im Liegen gesteuert hat, sitzt nun kerzengerade am Lenker. "Wenn ich meine Freundin so abhole, denkt die, ich habe 'nen Schaden", sagt der 23-Jährige und lacht. Auch ich fühle mich schon fast vorne zusammengeklappt. Ungewohnt - aber effektiv.
Es geht zurück auf die Piste. Mit 50, mit 60, und dann mit 70 Kilometern pro Stunde brettern wir auf das Hütchentor zu. Langsam habe ich den Dreh raus. Auf dem Weg zurück in die Schlange gibt Wohltmann Tipps und Anweisungen für die nächste Runde. Da geht noch mehr! Sowohl in Sachen Geschwindigkeit als auch in Bremskraft. Ein leichtes Kribbeln in der Magengegend kann ich jetzt nicht mehr ignorieren.
Das nächste Mal treibe ich den Golf auf der Beschleunigungsspur an die 90 Kilometer in der Stunde und springe im Tor förmlich in die Pedale. Meine Haare fliegen nach vorne, ich in den Gurt - dann falle ich grinsend zurück in den Sitz. Krasses Gefühl! Jetzt erklärt sich auch, warum wir vorher penibel alle losen Gegenstände aus dem Auto räumen sollten. Es riecht ganz leicht nach verbranntem Gummi, als ich mein Auto wenig später für den nächsten Theorieteil abstelle.
Sicherheit trotz Schleudergang
Wir wechseln vom herbstmäßigen Schmuddelwetter in den Winter. Dafür gibt es auf dem Übungsplatz eine Stahlgleitfläche, die ungefähr eine Qualität von festgefahrener Schneedecke hat, erklärt Wohltmann. Eine Vollbremsung bei 25 km/h geht noch recht unspektakulär über die Bühne, doch schon in der nächstschnelleren Runde entfährt mir ein ungläubiges "Waaaaas???". Ich komme furchtbar spät zum Stehen - und beginne zu ahnen, was gleich auf uns zukommen wird. Mehr Geschwindigkeit, mehr Bewegung, mehr Schlittern. Mit großen Augen beobachte ich in Warteposition, wie die Fahrer vor mir mit ihren Autos rutschen oder sich um die eigene Achse drehen. Ich bin keine geborene Stuntfrau und habe von mir ziemliche Zurückhaltung erwartet. Heute fühle ich mich selbst dann noch sicher, als ich auf der Stahlfläche mein Lenkrad bis zum Anschlag rumdrehe, mein Heck ausbricht und ich beinahe entgegengesetzt zur Fahrbahn zum Stehen komme. Das liegt nicht zuletzt am Trainer.
Ole Wohltmann leitet diese Tage aus Leidenschaft, wie er sagt. Wenn der 40-Jährige aus Bremen sagt: "Ich habe voll Bock, mit Menschen zu arbeiten", dann glaubt man es ihm. Als Feuerwehrbeamter an der Feuerwehrschule, mit Fahrschulausbildung und der Trainerausbildung vom ADAC hat er eine Menge Know-how im Gepäck. Das Ganze mit Spaß an die Menschen zu bringen, liegt ihm im Blut.
Trainer will mich aufs Glatteis führen
Nach der Mittagspause fahren wir Slalom, weichen auf rutschigem und griffigem Boden aus. Über das Funkgerät, das jeder Fahrer mit ins Auto bekommen hat, ruft der Trainer: "Links!" hinein, und der Notarzt zieht den Tiguan an den weichen Hütchen bei Tempo 70 vorbei. Als ich an der Reihe bin, ruft er "Steuerbord" in die Funke. Steuerbord? Ich ziehe rechts am Hindernis vorbei. "War das Glück oder gekonnt?", fragt er mich breit grinsend. Ich lass mich doch nicht aufs Glatteis führen!
An diesem Tag sind wir ungefähr 15 Kilometer gefahren, für die Verschleißteile am Auto waren es circa 80 Kilometer, erklärt Wohltmann. Was mich angeht: Ich bin nach den acht Stunden auch vollkommen im Eimer - aber hatte auch ziemlich viel Spaß. Was mindestens genau so wichtig ist wie Spaß: Ich habe auch eine Menge gelernt.
Die Macht der Gewohnheit
Das merke ich direkt auf dem Weg nach Hause. Mir rutscht auf der Autobahn aus Gewohnheit eine Hand am Lenkrad nach unten: "Ach nee", schießen mir die Worte des Trainers in den Kopf und bringe sie brav zurück auf 9 Uhr. Er hat uns versprochen, dass wir noch lange und oft seine Stimme im Kopf haben werden. Ach nee!
Auf dem Übungsplatz hatte ich viele Versuche, um rechtzeitig und richtig zu reagieren. In der echten Welt gibt es keine zweite Chance. Wenn ich durchs Training ein paar Meter oder einige Sekunden im Ernstfall gewonnen hab, hat sich der Tag in jedem Fall gelohnt.
Das sagen die Teilnehmer
Valeria Casagrandi, 50, aus Bremerhaven "Ich habe das Training von meinem Lebensgefährten geschenkt bekommen und bin begeistert. Ich fahre oft nach Italien und fühlte mich auf den eisigen Straßen in den Bergen unsicher. Jetzt habe ich ein viel besseres Gefühl. Das Training hat Spaß gemacht, war lehrreich und ich werde viele Tipps direkt auf dem Nachhauseweg umsetzen."
Henrik Beckschulze, 42, leitender Notarzt aus Bremen "Als leitender Notarzt fährt man selbst und das Unfallrisiko ist bei einer Signalfahrt um das 17-Fache erhöht. Wir sollen das Training mitmachen, aber ich halte das auch für richtig. Wann bekomme ich sonst die Gelegenheit, die mit Ausrüstung voll beladene Karre in Extremsituationen kennenzulernen? Ich hatte großen Spaß und nehme nicht nur für den Job, sondern auch privat eine Menge mit."
Marlon Brümmer, 23, aus Bremen "Mein Vater hat gesagt, wenn ich mir den M2 kaufe, muss ich so ein Training mitmachen. Ich musste schon mal eine Weile Fahrrad fahren… Es war cool, die Grenzen vom Auto kennenzulernen und ich werde sicherlich das eine oder andere mitnehmen. Mehr Abstand halten zum Beispiel. Den Sitz mach ich vielleicht auch nicht mehr ganz so weit zurück."
von Katja Gallas
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