Der erste Edelmann "Deutschlands"¶
Ernst August verlieh dem Hof in Hannover Glanz - und mit seiner Gemahlin Sophie Geist und Bildung. Er wusste das Leben zu genießen und fand Gefallen am Karneval in Venedig, auf dem zu seiner Zeit manche Freizügigkeiten herrschten.
Ernst August von Braunschweig-Lüneburg gilt als einer der größten Aufsteiger unter den barocken Fürsten des Alten Reiches. Der im Jahr 1628 geborene jüngste Sohn eines durch Erbteilungen zersplitterten Herrscherhauses hat er zunächst keine Ansprüche auf ein eigenes Territorium. Er wird jedoch protestantischer Regent des Bistums Osnabrück und erbt nach dem Tod zweier Brüder das Herzogtum Calenberg mit der Residenzstadt Hannover.
Brauttausch mit seinem
Bruder Georg Wilhelm
Nach dem Brauttausch mit seinem Bruder Georg Wilhelm heiratet er prestigeträchtig Sophie von der Pfalz, die Tochter eines - allerdings ins Exil vertriebenen - Kurfürsten und einer britischen Prinzessin. Ein Mitglied der britischen Gesandtschaft vermerkt im Jahr 1689: "Der Hof in Hannover lebt mit einem solchen Glanz wie nur einer in Deutschland, und man kann sagen, dass Geist und Bildung dort regieren." Geist und Bildung sind besonders bei Sophie anzutreffen, während Ernst August entschlossen seinen politischen Zielen nachgeht.
Mit seiner Frau reist der Herzog oft monatelang nach Italien und insbesondere zum Karneval nach Venedig, was immense Kosten verursacht. Die Stadt ist im 17. Jahrhundert ein Zentrum für Kunst, Vergnügen und eine weltoffene Atmosphäre, die viele Adlige, darunter auch die Welfen, anzieht.
Begeisterung für freizügige Atmosphäre Venedigs
Sophie teilt in gewissem Umfang die Begeisterung für die freizügige Atmosphäre Venedigs, besonders während des Karnevals. Sie ist selbst von den dortigen Vergnügungen fasziniert. Allerdings müssen die Reisen im Kontext des 17. Jahrhunderts und der herzoglichen Hofkultur gesehen werden, nicht als moderne Familienurlaube im heutigen Sinne. Ihre Reisen nach Venedig sind Teil des höfischen Lebens und der kulturellen Vernetzung der fürstlichen Familie. Dabei spielen die Vergnügungen und die lockere Atmosphäre eine Rolle. Auch Sophie empfindet, wie aus ihren Briefen hervorgeht, eine Anziehungskraft auf Venedig und seine Feste.
Begeisterter Opernliebhaber in Italien geworden
Aus den Aufenthalten in der Lagunenstadt resultiert eine uneheliche Tochter von Ernst August namens Laura de Montecalvo (= Calenberg), die 1684 den hannoverschen Hofjunker Hans Christoph von Stubenvol heiratet, jedoch bereits 1692 stirbt.
Ernst August wird in Italien zu einem begeisterten Opernliebhaber. In Hannover erwirbt er direkt neben dem Leineschloss ein Grundstück, auf dem er innerhalb eines Jahres ein Opern- und Theaterhaus errichtet. Die Landstände bewilligen ihm dafür eine erhebliche Summe - in der Hoffnung, er möge von weiteren teuren Lustreisen nach Italien absehen. Das Schlossopernhaus, auch Schlosstheater genannt, ist mit seinen 1.300 Sitzplätzen bis zu seinem Abriss in der Mitte des 19. Jahrhunderts eines der größten und prunkvollsten Theater Europas. Eröffnet wird es im Januar 1689 mit der Uraufführung der Oper "Enrico Leone" ("Heinrich der Löwe"), die der neue herzogliche Kapellmeister Agostino Steffani eigens für diesen Anlass komponiert. Die Oper soll an die ruhmreiche Geschichte der Welfen erinnern.
Aufwendigstes Bauprojekt zur Repräsentation
Im Jahr 1692 gelingt es Ernst August, sich die Kurwürde, das Recht zur Kaiserwahl, von Kaiser Leopold I. zu erwirken. Das Kurfürstenpaar realisiert sein aufwendigstes Bauprojekt zur Repräsentation: den Großen Garten in Hannover. Ein schottischer Beobachter bezeichnet Ernst August als den "ersten Edelmann Deutschlands". Durch die Vereinigung der Fürstentümer Calenberg und Lüneburg per Heirat schafft Ernst August die Grundlagen für den neuen Staat Hannover.
