Millionen Deutsche flüchteten seit den letzten Kriegsmonaten aus den Gebieten Mittel- und Osteuropas in den Westen, wo sie mit ihren wenigen Habseligkeiten ankamen und - wie in Kehdingbruch - Obdach fanden. Alle Vertriebenen aus Schlesien waren durch weiße Armbinden gekennzeichnet. Foto: Dokumentationszentrum Flucht-Vertreibung-Versöhnung
Millionen Deutsche flüchteten seit den letzten Kriegsmonaten aus den Gebieten Mittel- und Osteuropas in den Westen, wo sie mit ihren wenigen Habseligkeiten ankamen und - wie in Kehdingbruch - Obdach fanden. Alle Vertriebenen aus Schlesien waren durch weiße Armbinden gekennzeichnet. Foto: Dokumentationszentrum Flucht-Vertreibung-Versöhnung
Flucht und Vertreibung

Kriegsende 1945: Ankommen in Kehdingbruch

von Redaktion | 27.03.2026

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges und den Jahren danach hat sich die Einwohnerzahl in Kehdingbruch durch Zuzug der Flüchtlinge, wie in anderen Orten, mehr als verdoppelt. Ab Ende 1944 trafen die ersten aus den Gebieten  im Osten ein.

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach hat sich die Einwohnerzahl in Kehdingbruch durch Zuzug der Flüchtlinge, wie wohl auch in den anderen Orten, mehr als verdoppelt. Ab Ende 1944, also schon vor Kriegsende, kamen die ersten Flüchtlinge aus den am weitesten im Osten liegenden Gebieten nach Kehdingbruch.
Flüchtlinge aus Litauen mussten bereits 1942 das erste Mal ihre Häuser verlassen, konnten aber zurück, bevor sie etwas später endgültig ihre Heimat verlassen mussten. Einige hatten den langen Weg mit Pferd und Wagen, teils über 1000 Kilometer, zurückgelegt. Zeitzeugen erinnern sich über das Ankommen in Kehdingbruch. So waren für zwei Pferde vorgesehene Fuhrwerke oft nur von einem Pferd gezogen worden. Dann lief das Pferd neben der Deichsel. Rundbögen gingen von dem einen Seitenbrett des Wagens zum anderen. Darüber wurde eine Plane gespannt. Teils wurde die Plane auch über einer längs über den Ackerwagen fixierten Stange gespannt. Das ergab dann ein Spitzdach. Im Innenraum saßen neben den geborgenen Habseligkeiten die Kinder. So wurde der Weg von Litauen, Samland, Ostpreußen, Westpreußen und Pommern bis nach Kehdingbruch zurückgelegt. 
Oft ging es über das zugefrorene Frische Haff, weil der direkte Landweg bereits von der Sowjetarmee abgeschnitten war, denn die Menschen durften erst viel zu spät die Flucht antreten. Doch nicht alle Flüchtlinge hatten eigene Gespanne, oft mussten sie unterwegs zurückgelassen werden. Sie legten den Weg in überfüllten Zügen, per Schiff über die Ostsee oder auch über weite Strecken zu Fuß zurück. Größere Gruppen kamen teils mit voll beladenen Handwagen an. 
Zählte Kehdingbruch im Jahr 1939 noch 333 Einwohner, waren es 1950, dem Jahr des größten Bevölkerungszuwachses, bereits 683. Nicht alle registrierten Flüchtlinge blieb länger im Ort. Nach 1950 ging die Zahl der Einwohner kontinuierlich zurück, weil viele Flüchtlinge woanders Arbeit und Brot fanden. Das war in der Regel das Ruhrgebiet. So sank die Einwohnerzahl bis 1960 auf 435. 
Die Sammelstelle der Flüchtlinge war auf dem Saal Schwanemann, heute "Dörphuus an de Eck". War ein größerer Treck angekommen, standen auf dem Platz östlich der Gaststätte die Gespanne dicht an dicht. Auf dem Saal gab es für alle Neuankömmlinge erst mal was zu essen. Dann ging es an die Verteilung auf die einzelnen Wohnhäuser und Höfe. Die älteren Jugendlichen des Dorfes brachten die Flüchtlingsfamilien zu ihrer neuen Wohnstatt. Die Enttäuschung bei den Familien, aber auch bei den Jugendlichen, war groß, wenn ihnen die neue Bleibe von den Hauseigentümern verweigert wurde. Familien mit großen und schon arbeitsfähigen Kindern wurden am liebsten genommen. Doch auch von fürsorglicher Aufnahme und Betreuung wurde berichtet. 

Einmal wurde die Aufnahmestelle bei Schwanemann für die Flüchtlinge des Passagierschiffes "Wilhelm Gustloff" vorbereitet. Doch die Flüchtlinge kamen nie an. Das Schiff war auf der Ostsee von einem sowjetischen U-Boot torpediert worden und gesunken. 9000 Menschen ertranken dabei. 
Die Familie von Georg Bonacker musste bereits 1942 ihren Hof in Litauen verlassen. Nach Zurückdrängen der Roten Armee konnte sie zuerst wieder zurück auf ihren Besitz. Ihre endgültige Flucht begann 1944 und endete in der späteren DDR. Vor der endgültigen Schließung der Zonengrenze verließ die Familie die DDR bei "Nacht und Nebel". Auf Umwegen kam sie nach Kehdingbruch und erwarb zuerst eine Wohnbaracke, die später durch ein Wohnhaus ersetzt wurde. 
Ausführlich schildert Horst Kerschies die Flucht seiner Familie aus dem Samlamd. Auch sie musste zweimal die Flucht antreten. Die ganze Strecke von gut 1000 Kilometer bis Kehdingbruch legte sie mit ihrem Fuhrwerk zurück. Ein polnischer Mitarbeiter begleitete sie. Nach dessen Rückführung in seine Heimat hörte man nie wieder etwas von ihm. Womöglich ist er, wie viele andere, gleich nach Sibirien verschleppt worden. Horst Kerschies hat in Kehdingbruch seine weitere Jugend verbracht und hier später Irma, die Tochter des Dorfschmieds Richard Stüven, geheiratet. 
Umfangreich schildert auch Elisabeth Spionek handschriftlich ihre Flucht aus Ostpreußen, das sie 1944 mit ihrer Familie verlassen musste. Ihr Mann blieb zur Verteidigung von Heiligenbeil zurück und kam dabei ums Leben. Da sie auch, wie viele andere, viel zu spät die Flucht antreten durfte und die Sowjets den Landweg schon abgeschnitten hatten, musste sie über das gefrorene Frische Haff. Viele Menschen, Pferde und Wagen brachen im Eis ein, teils durch Bombardierungen. Zahlreiche Menschen und Pferde kamen ums Leben. 
Von Danzig aus ging es über Land in Güterzügen weiter in Richtung Westen. Irgendwann endete die Flucht in Otterndorf. Nach mehreren Jahren auf verschiedenen Steinauer Höfen und in Neuhaus fand sie ihr endgültiges Heim in Kehdingbruch, im eigenen kleinen Haus. 
Der Weg von Loni Drescher ging auf dem Fuhrwerk ihrer Verwandten von Westpreußen über die gefrorene Weichsel. Sie verloren das Fuhrwerk und hatten den Tod ihrer Tante zu beklagen. Nach schwierigem Weg erreichten sie Gotenhafen (ursprünglich Gdingen, heute Gdynia). Ein Walfang-Mutterschiff brachte sie schließlich nach Dänemark. Dort durchliefen sie und ihre Mutter mehrere Flüchtlingslager, bewacht von Briten, Dänen sowie internierter Wehrmacht. Endlich, 1948, durften sie zurück nach Deutschland, zu ihrem bereits in Geversdorf angekommenen Vater. Hier lernte sie Horst Drescher kennen und lieben. Drescher stammt aus dem Erzgebirge, wollte aber nach französischen Kriegsgefangenschaft wegen der Gefahr, in Sibirien zu landen, nicht zurück in seine Heimat. Er fand in Kehdingbruch eine Bleibe. Sie übernahmen später die Poststelle sowie den Zustelldienst und errichteten ihr eigenes Wohnhaus. 
Meta Kohla wurde 1946 aus Schlesien vertrieben. Sie kam mit ihren fünf kleinen Kindern in Otterndorf an und fand sich hier in einer "stehengebliebenen" Welt wieder. "Ich sah Kühe und Schafe auf den Weiden grasen, aber ich sah keine Trümmer, keine Tränen, nur ernste Gesichter." Eine Mutter mit fünf kleinen Kindern hatte es schwer, eine Bleibe zu finden. Sie wurde schließlich mit Hilfe der Polizei auf einem Kehdingbrucher Bauernhof eingewiesen. Viele Jahre später konnte sie ihr eigenes Haus übernehmen. Meta Kohla musste noch kurz vor der Vertreibung ihre Mutter beerdigen. 
Allmählich wohnten in jedem Wohnhaus des Ortes nach dem Krieg mehrere Familien. Alle Häuser waren überbelegt. Nicht immer verlief das Zusammenleben auf engem Raum friedlich. Der Schiedsmann Georg Müller wurde des Öfteren zur Schlichtung benötigt, teils ohne Erfolg. Doch auch von fürsorglicher Aufnahme, friedlichem Miteinander und Hilfsbereitschaft wird berichtet. Es war ein stetiger Wechsel der Unterkünfte zu verzeichnen. 
Da durch den weiteren Zuzug der Wohnraum bei weitem nicht mehr ausreichte, versuchte die Gemeinde durch Teilung der Wohnungen oder Ausbau von Bodenräumen neuen Wohnraum zu schaffen. In Gemeindeakten wurde der Materialaufwand sowie der dadurch zu schaffende Wohnraum dokumentiert.
Um die Ernährungslage zu verbessern, wurde den Flüchtlingsfamilien bei den Bauern Gartenland, das "Grabeland", zugeteilt, je nach Größe der Familie. 

Bei schulärztlichen Untersuchungen wurde 1946 bei etwa 30 Kindern Unterernährung festgestellt, diese Zahl sank aber 1948 deutlich. Auch einige "einheimische" Kinder litten unter Unterernährung. Die Gemeinde schrieb die sogenannten "Vollselbstversorger"an, die für etwa drei Monate ein Kind zum Mittagstisch zu sich nehmen sollten, teils wiederholt für weitere Monate. 
In den Gemeindeakten wurden Schulspeisungen dokumentiert, die sogenannten "Hoover-Speisungen". Es wurden auf Initiative des früheren US-Präsidenten Hoover 40.000 Tonnen Lebensmittel in der britischen und amerikanischen Zone an Kinder im Alter von sechs bis 18 Jahren verteilt. Ob hier tatsächlich Essen zubereitet und verteilt worden ist, konnte den Akten nicht entnommen werden. 
Um die Feuerung für den kommenden Winter sicher zu stellen, beantragte 1951 der Ortsvorstand des "Zentralverbandes der vertriebenen Deutschen", ZvB, bei der Gemeinde eine "Torfaktion". Es sollten alle Einwohner, auch mit geringem Einkommen, über eine Ansparregelung die Möglichkeit erhalten, Brennstoff für den Winter zu erhalten. Im Vorsommer gingen die Männer geschlossen in das Gebiet von Stinstedt, um Torf zu stechen. Schon vorher war im Dorf jeder schlagfähige Baum zu Brennholz gemacht und unter den Flüchtlingen verteilt worden. Zur Begutachtung der Bäume kam eigens ein Förster aus der Wingst. Auch die Wurzeln der gefällten Bäume waren als Brennholz sehr begehrt. Sie wurden in mühevoller Arbeit freigelegt und Stück für Stück mit Axt, Keil und schwerem Hammer aus dem Boden geholt. 
Bei Wahlen zum Gemeinderat haben sich die Flüchtlinge von Beginn an in den herkömmlichen Parteien integriert. Bereits 1946 saß mit Gustav Deuter ein Flüchtling über die Liste der Niedersächsischen Landespartei-NLP im Gemeinderat. Lediglich 1952 ist in einem gemeinsamen Wahlvorschlag mit CDU und FDP der BHE vertreten. Die Partei "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten-BHE" löste sich in den 1950-er Jahren auf und integrierte sich in den anderen Parteien, wie CDU und SPD. In Kehdingbruch gab es politisch keine Trennung zwischen Eingesessenen und Flüchtlingen. Im Laufe der Zeit war es ohnehin kein Thema mehr. 
Da auf Grund der starken Zunahme an Schülern der Klassenraum nicht ausreichte, musste anfangs nach dem Krieg Schichtunterricht erteilt werden - morgens die Jahrgänge 5 bis 8 und nachmittags 1 bis 4. Ab 1947 gab es in der Kehdingbrucher Schule zwei Klassenräume und es wurde eine zweite Lehrerstelle eingerichtet. Mit Lehrer Schnurkowski, selbst Flüchtling, baute sich eine kleine Kulturszene auf. Er stellte einen Chor auf und bildete eine Sportgruppe, den "Sport- u. Kulturverein". Mit dem "TTC Kehdingbruch", einer Tischtennisgruppe, baute sich ein weiterer Sportclub auf. Es waren ebenfalls überwiegend Flüchtlinge. Der TTC spielte sogar in der Bezirksliga. Nach einigen Jahren löste sich der Verein wieder auf. Die jungen Spieler der Anfangsjahre mussten sich nun um Beruf und Familie kümmern. Für die Jugendlichen gab es außerdem zwei Pfadfindergruppen. Die "Freien Pfadfinder" leitete der Flüchtling Jochen Samland. Außerdem gab es in Kehdingbruch eine Gruppe Christlicher Pfadfinder. Beide Gruppen lösten sich nach einigen Jahren wieder auf. 

Die meisten Flüchtlinge gehörten dem "Bund der Vertriebenen - BdV" an. Vereinszweck des Dachverbandes der deutschen Vertriebenenverbände war es, die Interessen der von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung betroffenen Deutschen wahrzunehmen, für sie "gleiches Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags" zu erreichen und für eine "gerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des letzten Krieges auf das ganze Volk und eine ehrliche Durchführung dieses Grundsatzes" zu sorgen. (von Hartwig von Seht)

Im Januar und Februar 1945 fliehen Tausende Deutsche über das vereiste Frische Haff aus dem eingeschlossenen Ostpreußen. Foto: Ullstein Bild
Die Wilhelm Gustloff war ein deutsches KdF-Schiff, das am 30. Januar 1945 in der Ostsee nach Torpedotreffern eines sowjetischen U-Boots sank. Mit über 9000 Todesopfern, überwiegend Flüchtlinge aus Ostpreußen, gilt dies als die größte Schiffskatastrophe der Geschichte. Nur etwa 1200 Menschen konnten aus der eiskalten See gerettet werden. Reproduktion: von Seht
Nach Kriegsende wurden zahllose Flüchtlinge aus dem Osten aufgrund des Chaos in Deutschland in dänischen Lagern interniert. Foto: Archiv von Seht

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