Eröffnung des Johann Heinrich Voß-Jubiläumsjahres in Otterndorf
Ernestine Voß, die oft im Schatten ihres berühmten Mannes Johann Heinrich Voß stand, wird nun ins Rampenlicht gerückt. Ihre Briefe und ihr Einfluss auf das Werk ihres Mannes sind im Zentrum besonderer Jubiläumsfeierlichkeiten in Otterndorf.
von Ilse Cordes
Wenn Otterndorf in diesem Jahr den Blick vor allem auf Johann Heinrich Voß richtet, so ist das kein Wunder. Der Homer-Übersetzer, der im 18. Jahrhundert vier Jahre an der dortigen altehrwürdigen Lateinschule wirkte, feiert 2026 gleich ein doppeltes Jubiläum: sein Geburtstag jährt sich zum 275. Mal, sein Todestag zum 200. Mal.
Die kürzlich in Otterndorfs Voß-Haus veranstaltete Eröffnung des Jubiläumsjahres jedoch hatte Vossens Ehefrau Ernestine im Blick. Ihr 270. Geburtstag am 22. Februar war der Tag des Startschusses für die kommenden Voß-Jubiläumsveranstaltungen und das nicht ohne Grund. Denn Ernestine Voß, geborene Boie (1756 - 1834) war die Frau, die unendlich vieles im Leben ihres durchaus nicht einfachen Ehemannes zusammenhielt, die ihm für sein Wirken als Dichter, Philologe und Übersetzer Homers tagtäglich den Rücken freihielt.
Mutter von fünf Söhnen und "treue Gehilfin"
Als Mutter von fünf Söhnen und "treue Gehilfin" ihres Mannes entsprach sie zum einen dem Bild, das sich die Gesellschaft jener Zeit von der Frau eines solchen Gelehrten machte. Aber Ernestine Voß war noch viel mehr, wie ihre biografischen, pädagogischen und literarischen Texte zeigen und ganz besonders ihre umfangreiche Briefkorrespondenz, mit der sie in späteren Jahren so manches Mal Vossens Part übernahm. Eine Korrespondenz, die in ihrer Gesamtheit erst noch wissenschaftlichen aufgearbeitet werden muss.
Im Vorwort zu seiner in der Reihe "Voß-Materialien" der Johann Heinrich Voß-Gesellschaft erschienenen Publikation über Ernestine Voß (mit dem Untertitel "Eine Dichterfrau und Schriftstellerin der Spätaufklärung") verweist Axel E. Walter auf deren Bekanntheitsgrad als Autorin der "Mitteilungen aus dem Leben von Johann Heinrich Voß", erstmals erschienen in der zwischen 1829 und 1833 herausgegebenen vierbändigen Ausgabe seiner "Briefe nebst erläuternden Beilagen".

Berühmtheit erlangt habe Ernestine Voß, so Walter, "vor allem als weiblicher Part der geradezu sprichwörtlich gewordenen 'Vossischen Hausidylle‘, in der das bürgerliche Familienmodell und literarische Idealisierung (in Gestalt der 'Luise‘ von Johann Heinrich Voß) deckungsgleich geworden sind." Das "Gesamtbild" Ernestine Voß, vor allem auch das der Schriftstellerin um 1800, hat Walter bekanntlich mit seiner 2016 erschienenen Untersuchung nachgeliefert.
Wenn Clarissa Ross und Kerstin von Schwerin für ihre Lesung anlässlich des 270. Geburtstages von Ernestine Voß eines ihrer Briefzitate ("Die Lebensgefährtin eines berühmten Mannes hat einen hohen Beruf!") gewählt haben, nimmt das nur scheinbar den einen entscheidenden Aspekt im Leben von Ernestine Voß in den Fokus - den des hausfraulich-gesellschaftlichen Daseins.
Die Tochter eines
Flensburger Pastors
Dabei sollte man stets die Herkunft der Ehefrau Johann Heinrich Voßs im Blick haben. Die Tochter des Flensburger Pastors und späteren Probstes Johann Friedrich Boie entstammt einem bildungsbewussten Haus. Der Vater ist ein gebildeter Mann, ein Gelehrter, der - wie Kerstin Gräfin von Schwerin in ihrer Voß-Biografie schreibt - "die geistige Ausbildung seiner Tochter unterstützte".
Dass es der Brief ist, der am Anfang der Beziehung von Voß und Ernestine steht, mag man mit Blick auf Ernestines‘ lebenslange umfangreiche Korrespondenz als schicksalshaft werten. Nachdem erste Briefe von Voß an die ältere Schwester seines Göttinger Studienfreundes Christian Boie von deren Mann nicht mehr gewünscht werden, schreibt Voß an die jüngere Schwester. Ein reger Briefwechsel schließt sich, bei einem Besuch in Flensburg lernt Voß Ernestine kennen.

Man weiß von der langen Verlobungszeit der beiden und vom entschiedenen Widerstand der Mutter gegen eine Heirat mit dem mittellosen jungen Dichter und Gelehrten. Als Voß im April 1775 nach Wandsbek übersiedelt und im gleichen Jahr Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs wird, scheinen sich die Chancen zu verbessern. Fürsprache kommt aus berufenem Munde, vom Dichter Klopstock zum Beispiel. Am 15. Juli 1777 dann endlich die Heirat.
Im Jahr darauf, am 12. Juli, wird der erste Sohn geboren. Im Oktober geht Voß als Rektor an die Lateinschule in Otterndorf. Vier Jahre bleibt die sich vergrößernde Familie dort - bis zum Wechsel nach Eutin. Briefe Ernestines, auch bislang noch nicht veröffentlichte, gelesen von Clarissa Ross, sind der eine, entscheidende Part der Geburtstags-Lesung im Otterndorfer Voß-Haus, der andere das Biografische und Historische zu Voß und Ernestine, erläutert von Kerstin von Schwerin. So berichtet Ernestine in einem ihrer Briefe vom "neuen Rektorhaus in der Domstraße" (heute in der Johann-Heinrich-Voß-Straße). Zwar sei "die Küche ein bischen dunkel", aber es sei auch "ein kleiner Garten" am Haus. Sie schreibt von "fetten Gänsen", eine oder zwei müsse jeder Schüler ihnen geben.
Das Marschenfieber sorgte für Schicksalsschläge
Zwei Söhne werden in Otterndorf geboren. Dass Voß seine Mutter nach Otterndorf holt, die dann 21 Jahre im Hause Voß leben wird, macht die Sache für Ernestine bald nicht einfacher. Wichtigster Gesprächspartner für Voß in Otterndorf wird Heinrich Wilhelm Schmeelke, mit ihm zusammen besucht das Voß-Ehepaar die Rathauskonzerte, tauscht sich über vieles aus. Das Marschenfieber, das ein Grund für Vossens Weggang von Otterndorf war, ereilt die Familie 1783 auch in Eutin, Voß‘ Mutter erkrankt, einer der Söhne stirbt.

Das Verhältnis zwischen dem oft reizbaren Voß und seiner Frau Ernestine ist durchaus nicht immer spannungsfrei, wie Ernestine in ihren Erinnerungen schreibt. Doch seien sie beide "bestrebt, Grundfehler an uns zu verbessern". Zu den "Klagen der Hausfrau", so Ernestine in einem Brief, gehöre, dass im Hause "jeglicher Tisch … mit Büchern bedeckt (ist)" und die Söhne sich nicht trauen, "die Füße zu regen". Alles nur, um den gelehrten Vater nicht zu stören.
Dass abgesehen von derartigen häuslichen Situationen Ernestines Briefe, wie Kerstin von Schwerin betont, "durchaus als Bilder der Zeit gelten (können)", beweisen nicht zuletzt ihre Schilderungen zur Bekanntschaft mit Goethe, zu dem eher freundschaftlichen Verhältnis zu Schiller, später dann zum Bruch mit seinem einstigen Freund und Förderer Stolberg.
Jubiläumsschrift ist
jetzt erschienen
Otterndorfs Bürgermeister Claus Johannßen konnte kürzlich zur Eröffnung des Voß-Jubiläumsjahres neben der Kulturausschussvorsitzenden Ursula Holthausen, der Kulturbeauftragten der Stadt Otterndorf, Julia Heuer, und Hans-Volker Feldmann, der vor Jahren den Anstoß zur Sanierung des Voß-Hauses gab, auch die Vorsitzende der Johann Heinrich Voß-Gesellschaft Silke Gehring, ihren Stellvertreter Martin Grieger und Prof. Dr. Axel E. Walter, den Leiter der Landesbibliothek Eutin begrüßen. Die zum Voß-Jubiläum erschienene Jubiläumsschrift gibt einen vielseitigen Einblick Voß-Pflege der Stadt Otterndorf.
Google News
Wenn Sie etwas googeln, bekommen Sie neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt. Wenn Sie CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinterlegen, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für Sie auf. Hier CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinzufügen.
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.