Der Blick auf das Voß-Haus in Otterndorf, das 1999 grundlegend saniert wurde. Rechts im Bild die Bronze-Büste Johann Heinrich Voß‘ von Bildhauer Frijo Müller-Belecke. Foto: Cordes
Der Blick auf das Voß-Haus in Otterndorf, das 1999 grundlegend saniert wurde. Rechts im Bild die Bronze-Büste Johann Heinrich Voß‘ von Bildhauer Frijo Müller-Belecke. Foto: Cordes
Briefe von Ernestine

Eröffnung des Johann Heinrich Voß-Jubiläumsjahres in Otterndorf

07.03.2026

Ernestine Voß, die oft im Schatten ihres berühmten Mannes Johann Heinrich Voß stand, wird nun ins Rampenlicht gerückt. Ihre Briefe und ihr Einfluss auf das Werk ihres Mannes sind im Zentrum besonderer Jubiläumsfeierlichkeiten in Otterndorf.

Von Ilse Cordes

Wenn Otterndorf in diesem Jahr den Blick vor allem auf Johann Heinrich Voß richtet, so ist das kein Wunder. Der Homer-Übersetzer, der im 18. Jahrhundert vier Jahre an der dortigen altehrwürdigen Lateinschule wirkte, feiert 2026 gleich ein doppeltes Jubiläum: sein Geburtstag jährt sich zum 275. Mal, sein Todestag zum 200. Mal.

Die kürzlich in Otterndorfs Voß-Haus veranstaltete Eröffnung des Jubiläumsjahres jedoch

hatte Vossens Ehefrau Ernestine im Blick. Ihr 270. Geburtstag am 22.

Februar war der Tag des Startschusses für die kommenden

Voß-Jubiläumsveranstaltungen und das nicht ohne Grund.

Denn Ernestine Voß, geborene Boie (1756 - 1834) war die Frau, die

unendlich vieles im Leben ihres durchaus nicht einfachen Ehemannes

zusammenhielt, die ihm für sein Wirken als Dichter, Philologe und

Übersetzer Homers tagtäglich den Rücken freihielt.

Dr. Kerstin von Schwerin (links) und Clarissa Ross bei der Lesung zu Ernestines 270. Geburtstag. Im Hintergrund die Porträts von Voß und Ernestine. Foto: Cordes

Als Mutter von fünf Söhnen und "treue Gehilfin" ihres Mannes entsprach sie zum einen dem

Bild, das sich die Gesellschaft jener Zeit von der Frau eines solchen

Gelehrten machte. Aber Ernestine Voß war noch viel mehr, wie ihre

biografischen, pädagogischen und literarischen Texte zeigen und ganz

besonders ihre umfangreiche Briefkorrespondenz, mit der sie in späteren

Jahren so manches Mal Vossens Part übernahm. Eine Korrespondenz, die in

ihrer Gesamtheit erst noch wissenschaftlichen aufgearbeitet werden muss.

Im Vorwort zu seiner in der Reihe "Voß-Materialien" der Johann Heinrich

Voß-Gesellschaft erschienenen Publikation über Ernestine Voß (mit dem

Untertitel "Eine Dichterfrau und Schriftstellerin der Spätaufklärung")

verweist Axel E. Walter auf deren Bekanntheitsgrad als Autorin der

"Mitteilungen aus dem Leben von Johann Heinrich Voß", erstmals

erschienen in der zwischen 1829 und 1833 herausgegebenen vierbändigen

Ausgabe seiner "Briefe nebst erläuternden Beilagen". Berühmtheit erlangt

habe Ernestine Voß, so Walter, "vor allem als weiblicher Part der

geradezu sprichwörtlich gewordenen 'Vossischen Hausidylle‘, in der das

bürgerliche Familienmodell und literarische Idealisierung (in Gestalt

der 'Luise‘ von Johann Heinrich Voß) deckungsgleich geworden sind." Das

"Gesamtbild" Ernestine Voß, vor allem auch das der Schriftstellerin um

1800, hat Walter bekanntlich mit seiner 2016 erschienenen Untersuchung

nachgeliefert.

Die Alte Lateinschule, an der Johann Heinrich Voß als Rektor von 1778 bis 1782 wirkte. Foto: Cordes

Wenn Clarissa Ross und Kerstin von Schwerin für ihre Lesung anlässlich

des 270. Geburtstages von Ernestine Voß eines ihrer Briefzitate ("Die

Lebensgefährtin eines berühmten Mannes hat einen hohen Beruf!") gewählt

haben, nimmt das nur scheinbar den einen entscheidenden Aspekt im Leben

von Ernestine Voß in den Fokus - den des hausfraulich-gesellschaftlichen

Daseins. Dabei sollte man stets die Herkunft der Ehefrau Johann Heinrich

Voßs im Blick haben. Die Tochter des Flensburger Pastors und späteren

Probstes Johann Friedrich Boie entstammt einem bildungsbewussten Haus.

Der Vater ist ein gebildeter Mann, ein Gelehrter, der - wie Kerstin

Gräfin von Schwerin in ihrer Voß-Biografie schreibt - "die geistige

Ausbildung seiner Tochter unterstützte".

Dass es der Brief ist, der am Anfang der Beziehung von Voß und Ernestine

steht, mag man mit Blick auf Ernestines‘ lebenslange umfangreiche

Korrespondenz als schicksalshaft werten. Nachdem erste Briefe von Voß an

die ältere Schwester seines Göttinger Studienfreundes Christian Boie von

deren Mann nicht mehr gewünscht werden, schreibt Voß an die jüngere

Schwester. Ein reger Briefwechsel schließt sich, bei einem Besuch in

Flensburg lernt Voß Ernestine kennen. Man weiß von der langen

Verlobungszeit der beiden und vom entschiedenen Widerstand der Mutter

gegen eine Heirat mit dem mittellosen jungen Dichter und Gelehrten. Als

Voß im April 1775 nach Wandsbek übersiedelt und im gleichen Jahr

Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs wird, scheinen sich die Chancen

zu verbessern. Fürsprache kommt aus berufenem Munde, vom Dichter

Klopstock zum Beispiel.

Am 15. Juli 1777 dann endlich die Heirat. Im

Jahr darauf, am 12. Juli, wird der erste Sohn geboren. Im Oktober geht

Voß als Rektor an die Lateinschule in Otterndorf. Vier Jahre bleibt die

sich vergrößernde Familie dort - bis zum Wechsel nach Eutin.

Briefe Ernestines, auch bislang noch nicht veröffentlichte, gelesen von

Clarissa Ross, sind der eine, entscheidende Part der Geburtstags-Lesung

im Otterndorfer Voß-Haus, der andere das Biografische und Historische zu

Voß und Ernestine, erläutert von Kerstin von Schwerin. So berichtet

Ernestine in einem ihrer Briefe vom "neuen Rektorhaus in der Domstraße"

(heute in der Johann-Heinrich-Voß-Straße). Zwar sei "die Küche ein

bischen dunkel", aber es sei auch "ein kleiner Garten" am Haus. Sie

schreibt von "fetten Gänsen", eine oder zwei müsse jeder Schüler ihnen

geben. Zwei Söhne werden in Otterndorf geboren.

Das Voß-Haus in Otterndorf beherbergt im Obergeschoss das Literaturmuseum und im Erdgeschoss die Altstadt-Buchhandlung. Es ist das einzige noch existierende originale Wohnhaus des Dichters, Philologen und Homer-Übersetzers.

Dass Voß seine Mutter nach Otterndorf holt, die dann 21 Jahre im Hause

Voß leben wird, macht die Sache für Ernestine bald nicht einfacher.

Wichtigster Gesprächspartner für Voß in Otterndorf wird Heinrich Wilhelm

Schmeelke, mit ihm zusammen besucht das Voß-Ehepaar die Rathauskonzerte,

tauscht sich über vieles aus. Das Marschenfieber, das ein Grund für

Vossens Weggang von Otterndorf war, ereilt die Familie 1783 auch in

Eutin, Voß‘ Mutter erkrankt, einer der Söhne stirbt.

Das Verhältnis zwischen dem oft reizbaren Voß und seiner Frau Ernestine

ist durchaus nicht immer spannungsfrei, wie Ernestine in ihren

Erinnerungen schreibt. Doch seien sie beide "bestrebt, Grundfehler an

uns zu verbessern". Zu den "Klagen der Hausfrau", so Ernestine in einem

Brief, gehöre, dass im Hause "jeglicher Tisch … mit Büchern bedeckt

(ist)" und die Söhne sich nicht trauen, "die Füße zu regen". Alles nur,

um den gelehrten Vater nicht zu stören. Dass abgesehen von derartigen

häuslichen Situationen Ernestines Briefe, wie Kerstin von Schwerin

betont, "durchaus als Bilder der Zeit gelten (können)", beweisen nicht

zuletzt ihre Schilderungen zur Bekanntschaft mit Goethe, zu dem eher

freundschaftlichen Verhältnis zu Schiller, später dann zum Bruch mit

seinem einstigen Freund und Förderer Stolberg.

Otterndorfs Bürgermeister Claus Johannßen konnte kürzlich zur Eröffnung

des Voß-Jubiläumsjahres neben der Kulturausschussvorsitzenden Ursula

Holthausen, der Kulturbeauftragten der Stadt Otterndorf, Julia Heuer,

und Hans-Volker Feldmann, der vor Jahren den Anstoß zur Sanierung des

Voß-Hauses gab, auch die Vorsitzende der Johann Heinrich

Voß-Gesellschaft Silke Gehring, ihren Stellvertreter Martin Grieger und

Prof. Dr. Axel E. Walter, den Leiter der Landesbibliothek Eutin

begrüßen. Die zum Voß-Jubiläum erschienene Jubiläumsschrift gibt einen

vielseitigen Einblick Voß-Pflege der Stadt Otterndorf.

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