Gefährliche Flößerei auf der Niederelbe
In den fast baumlosen Marschen an der Unterelbe war Holz ein begehrtes Gut für den Bau der Kirchen und Fachwerkbauten (Teil 1)
Von Heiko Völker
Die Flößerei im Mündungsgebiet der Elbe mit Gezeiten und wechselnden Strömungen geht zwar nicht in biblische Zeiten zurück, hat jedoch eine alte Tradition. Dabei wird die Flößerei schon im Alten Testament erwähnt. Die Flößerei übers Meer wird dort im Zusammenhang mit der Holzlieferung für den Tempel Salomos vom Libanon nach Jaffa genannt.
In Könige 5.23 heißt es: "Und Hiram sandte zu Salomo und ließ ihm sagen: Ich habe gehört, was du zu mir gesandt hast. Ich will tun nach allem deinem Begehr mit Zedern und Tannenholz. Meine Knechte sollen die Stämme vom Libanon hinabbringen ans Meer, und will sie in Flöße legen lassen auf dem Meer bis an den Ort, den du mir wirst ansagen lassen, und will sie daselbst abbinden, und du sollst's holen lassen ..." "Die Flöße des Salomo sind wohl am Ziel angekommen."
Auf der Oberelbe von Böhmen bis Lauenburg ist Flößerei in der Literatur recht gut beschrieben und erzählt uns über die zahlreichen Zollstellen und Stapelplätze, die ein Floß zu passieren hatte, bevor es den Zielort erreichte. Nicht nur das, wir erfahren auch viel über die großen und kleinen Landesherren entlang der Elbe, wie sie eifersüchtig auf ihre Privilegien und die Einhaltung der geschlossenen Verträge achten. So gut die Verkehrsverhältnisse mit den Flößen auf dem Oberlauf der Elbe beschrieben werden, so wenig erfahren wir über die Flößerei auf der Unterelbe von Lauenburg oder Hamburg bis zu ihrer Mündung in die Nordsee.

Dabei war gerade in den nahezu baumlosen Elbmarschen Holz ein begehrtes Gut für den Bau der Kirchen und der stolzen Fachwerkbauten.
Vor allem nach dem Einfall des Bremer Erzbischofs Christoph (1487-1558) in die Marschenländer Wursten und Hadeln an der Weser- bzw. Elbmündung in die Nordsee im Jahr 1524 wurde für den Wiederaufbau der gebrandschatzten Dörfer viel Holz benötigt, das unmöglich aus den Waldungen der Geest beschafft werden konnte, die damals in erster Linie der Waldweide und Brennholzbeschaffung, oft auch der Futter- und Streuwirtschaft dienten.
Für den Bau der gewaltigen Bauernhäuser und Scheunen der Elbe- und Wesermarschen benötigte man beispielsweise sehr lange und kräftige Nadelhölzer. Das geforderte "Elbholz" musste also vom Oberlauf der Elbe, aus dem "Oberland", herbeigeschafft werden. Über den Transport dieser Hölzer wird leider nichts berichtet. Dennoch muss die Flößerei auf der Elbe gerade zu Beginn der Neuzeit eine enorme Bedeutung besessen haben. Es ist festzustellen, dass die gewaltigen Nadelholzbalken ebenso wie viele kleinere Fachwerkelemente und die Weichholzbohlen der Dielen, Decken und Scheunenwände aus Stämmen geschnitten worden sind, die sich zuvor in einem Floßverband befunden hatten. Die Merkmale von Floßhölzern sind vor allem die Bohrlöcher bestimmter Größe und Anordnung, die einer Wiedenbindung gedient hatten.
Die Flöße mit einer Länge von etwas mehr als 100 Meter wurden aus fünf Tafeln zusammengesetzt. Jede Tafel bestand aus 30 bis 60 Stämmen, die dünneren Enden wurden flussabwärts eingebunden. Als Verbindungselemente dienten über Jahrhunderte Holzseile, die sogenannten "Wieden". Diese waren nicht nur eine sehr haltbare, sondern auch eine flexible Verbindung, die sowohl die einzelnen Stämme einer Tafel als auch die Tafeln untereinander verbanden. Der Berufsstand der Wiedendreher war ein hoch geachtetes Gewerbe. Dünne, möglichst lange Weichholzäste oder junge Bäumchen wurden nach dem Wässern in steinernen Öfen am offenen Feuer erhitzt, bis die Holzsäfte zu kochen begannen. Anschließend wurden sie am "Wiedstock" auf einer Seite eingespannt und mit Stangen gedreht, bis sich die Fasern in Längsrichtung aufspalteten. Nach dem Erkalten blieben sie stabil in der vorgedrehten Lage.
Ebenso gab es die Möglichkeit, dünnere Äste oder Stämmchen nach dem Wässern kalt, also ohne thermische Behandlung, zu verdrillen, bis die Längsfasern aufrissen. Diese langen Fasern bildeten ein stabiles Holzseil und damit ein haltbares Verbindungselement für die einzelnen Stämme. Vor dem Floßbau wurden die Wieden im Wasser geschmeidig gemacht und damit die Stämme durch Einfädeln in vorgebohrte Löcher und mit eingeschlagenen Holzkeilen als Befestigungselemente verbunden.
Als Querstabilisierung wurden dünnere Stämme eingebunden, genannt die Klisten. Auf den etwas lebhafteren Flüssen wie der Moldau werden die Klisten durch Löcher am Kopf- und Fußende der Stämme gezogen, um den Zusammenhalt zu stärken; auf dem ruhigeren Elbwasser ab Schandau bis nach Hamburg werden sie nur auf die Stämme aufgelegt und mit verkeilten Wieden eingebunden.
Zur Steuerung dienten die Ruder, die "Pätschen". Vorn waren drei, hinten zwei angebracht. Vorn rechts stand der Steuermann, der das Floß führte. Elbflöße hatten eine Bremse, den Schrick. Dieser war auf der vorderen und hinteren Tafel eingebaut und bestand aus kurzen, zugespitzten Stämmen, die auf Widerlagern ruhten und zum Bremsen in den Grund der Elbe gerammt wurden. Zur Weiterfahrt wurden sie herausgezogen, dann setzte sich das Floß wieder in Bewegung. Ein Elbefloß hatte eine Besatzung von fünf Flößern. Für eine tagelange Fahrt baute diese eine Floßbude, die ihnen als Schlaf- und Essplatz diente. Jedes Floß musste als Kennung ein weithin sichtbares Schild mit den Namen der Verantwortlichen haben, entweder direkt auf die Floßbude geschrieben oder als Transparent angebracht. Darauf wurde mit roten Buchstaben der Name des Eigentümers und mit schwarzen Buchstaben der des Floßführers angegeben.
Die Elbflößerei zwischen Lauenburg und Ritzebüttel
Während die Flößer sich vom Oberlauf der Elbe in Böhmen und Sachsen bis nach Lauenburg der mehr oder weniger starken Strömung und Wasserstände des Flusses anpassen mussten, gerieten sie in Höhe von Geesthacht in den Tidestrom, das heißt, Ebbe und Flut bestimmten fortan Vorankommen und Geschwindigkeit ihres Gefährts.
Zu Beginn der Neuzeit war die Elbe nur an wenigen Stellen vertieft. Die sich ständig verändernde Lage von Untiefen, verbunden mit Stürmen und hohem Wellengang, barg die Gefahr der Strandung. Wiedenbindungen hielten oft nicht stand und die Flöße brachen auseinander.
Die sogenannten "Magdeburger Böden" wurden schon an der Oberelbe für relativ flaches Wasser gebaut. Sie mussten einer langen Talfahrt standhalten können. Sie bestanden aus mit Wieden verbundenen, ineinandergreifenden Tafeln, auf die Bretter genagelt wurden, denen eine Schicht quergelegter Balken folgte. Diese Schichtbauweise wurde solange fortgesetzt, bis der Boden etwa 1,75 Meter Dicke erreicht hatte. Solch ein schwimmendes Holzlager hatte einen Tiefgang von etwa 1,42 Meter. Größer durfte der Tiefgang bei dem seichten ungepflegten Fahrwasser der Elbe nicht sein. Die Flöße hatten eine Breite von 11,30 Meter und eine Länge von 112 Meter. Die Länge entstand dadurch, dass mehrere der Böden oder Tafeln aneinandergehängt wurden. Damit waren die Elbflöße bei weitem kleiner als die Rheinflöße.
Diese kompakten Flöße konnten sich in den Gezeitenbereich der Elbe mit ihren nicht kalkulierbaren Gefahren hineinwagen. Außerdem konnten sie, wie es 1526 in einem Bericht des Herzogs von Mecklenburg hieß, außer Brettern noch Mühlsteine als Oblast transportieren. Solche Mühlsteine stammten aus der Gegend von Pirna. Sie wurden bereits 1325 in der Pirnaer Zollrolle zusammen mit Holz als wichtiges Handelsgut erwähnt."

Vor allem Hamburg legte Wert auf die Einhaltung seiner Zoll- und Stapelrechte. Um den Zoll, den die Hamburger und Lübecker nach der Einnahme Bergedorfs und der Vierlande ab 1420 beim Zollenspieker gegenüber der Ilmenaumündung kassierten, zu umgehen, gruben die Lüneburger eine neue Elbeeinfahrt wenige Kilometer stromaufwärts und versuchten damit den Weg zum Stecknitzkanal zu verkürzen. Viele Schiffer und Flößer nutzten die neu geschaffene Verbindung zur Unterelbe fernab vom Hamburger Zwangsstapel. Das führte zu zahlreichen Klagen Hamburgs vor dem Reichskammergericht gegen das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg und das Bistum Bremen-Verden und erhielt schließlich Recht. Um dem Hamburger Zoll und Zwangsstapel trotzdem zu entgehen, wählten einige Flößer und Ewerführer bereits vor der Stadt eine der hier zahlreich vorhandenen Verzweigungen im Süden der Norderelbe. Wurden sie dabei erwischt, drohten ihnen die Wegnahme der Güter und das Versenken ihres Schiffes, indem ein Pflock in den Kielboden geschlagen wurde.
War man an Hamburg vorbei, war der Weg frei für den Rest der Strecke in Richtung Nordsee - doch hier begannen neue Gefahren. Um nur zwei Gefahren zu nennen: Unverhofft auftretende Sandbänke sowie starke westliche Stürme und sich auftürmender Wellengang. Sie ließen die Fahrzeuge auseinanderbrechen und das hölzerne Gut strandete dann irgendwo am Ufer beiderseits der Elbe und wurde zum Strandgut. Es gibt nur sehr wenige Berichte darüber, dass Flöße auf der Unterelbe verunglückten und dennoch kam es immer wieder vor.
So auch im Dezember 1681. Der Schiffer Imbert Busches - nähere persönliche Daten waren nicht zu erfahren - geriet mit seinem Ewer "Der Landschöpff von Hessen" auf der Fahrt von Hamburg in Richtung Nordsee in Höhe "Dikes Sant" zwischen Freiburg und Balje in einen schweren, aus westlicher Richtung kommenden Sturm. Der Ewer war mit Tannenstämmen, Balken und Brettern beladen. Die genannte Menge passte nicht auf einen Ewer. Ob Stämme Außenbords seitlich angebunden oder als Floß angehängt wurden, geht aus den Archivalien des Landesarchivs Stade nicht hervor. Die hochgehende See zerschlug den Ewer. Die so freigewordene Ladung und die Reste des Wracks trieben nunmehr im Elbwasser. Sturm und Strömung drückten die Hölzer gegen das südliche Elbufer auf einer Strecke von Freiburg/Elbe über Balje und Neuhaus hinaus bis zur Belumer Schleuse. Die schwere hochgehende Flut hatte auch die weitläufigen Außendeichsländereien überflutet, so dass das Treibgut bis an den Hauptdeich getrieben wurde.
Google News
Wenn Sie etwas googeln, bekommen Sie neben den normalen Ergebnissen auch eine Box mit aktuellen News angezeigt. Wenn Sie CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinterlegen, tauchen unsere Inhalte dort häufiger für Sie auf. Hier CNV-Medien als bevorzugte Quelle hinzufügen.
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.