"23.000 Leben" auf Netflix: Ex-Iuventa-Kapitän von der Wurster Nordseeküste erzählt
Im Netflix-Film "23.000 Leben" steckt auch seine Geschichte: Kai Kaltegärtner war Kapitän der "Iuventa" & rettete Menschen im Mittelmeer. Heute lebt er an der Wurster Nordseeküste und blickt zurück auf dramatische Einsätze & das jahrelange Verfahren.
23.000 gerettete Menschen, jahrelange Ermittlungen und ein Verfahren, das mit einem Freispruch endete: Die Geschichte der "Iuventa" zählt zu den bekanntesten Fällen ziviler Seenotrettung in Europa. Jetzt erzählt der Film "23.000 Leben" diese Ereignisse einem Millionenpublikum. Einer der Menschen, deren Erfahrungen in den Film eingeflossen sind, ist der Kapitän Kai Kaltegärtner. Sein Kapitänspatent bekam er von der Staatlichen Seefahrtschule Cuxhaven. Heute lebt er an der Wurster Nordseeküste.
Als Kaltegärtner den Film bei der Premiere zum ersten Mal sah, war er erleichtert. Er war nervös, wie diese komplexen Ereignisse und auch persönlichen Geschichten dargestellt werden würden. Filmisch sei es aber insgesamt sehr gelungen und dicht an der Realität.
"Ich war positiv überrascht, wie detailgetreu und präzise viele Abläufe dargestellt sind", erinnert sich Kaltegärtner. Vor allem aber freue ihn, dass der Film ein Thema auf Millionen Bildschirme bringe, das seit mehr als zehn Jahren harte Realität im Mittelmeer sei. Seine Hoffnung ist, dass dadurch Menschen erreicht werden, die sich bislang kaum mit ziviler Seenotrettung beschäftigt haben.

Zwischen Rettung und Anklage
Ein Spielfilm kann naturgemäß nicht alle Facetten dieser Realität zeigen. Die dauerhafte körperliche und psychische Belastung, die Hitze, der Schlafmangel oder die Momente, in denen Menschen starben und nur noch Tote geborgen werden konnten, ließen sich kaum vollständig abbilden, so der ehemalige Kapitän. Dennoch vermittle der Film einen authentischen Eindruck von den Rettungseinsätzen und den Gefühlen der Crew.
Die Rettungsmissionen endeten 2017 abrupt. Italienische Behörden beschlagnahmten die "Iuventa" und leiteten Ermittlungen gegen mehrere Crewmitglieder wegen des Verdachts der Beihilfe zur unerlaubten Einreise ein. Für Kaltegärtner und viele andere aus der Seenotrettung steht fest, dass die Strafverfolgung vor allem der Abschreckung dienen sollte, da die zivile Seenotrettung immer wieder ein Problem für europäische Abschottungspolitik darstellt.

"Wir haben schnell gemerkt, dass es hier um Einschüchterung ging", betont er. Vielen Beteiligten sei bewusst gewesen, dass die Vorwürfe rechtlich nicht haltbar seien. Gleichzeitig habe sich die politische Stimmung verändert. Die Debatte um zivile Seenotrettung sei zunehmend aufgeheizt worden. Auch die rechtsextreme Identitäre Bewegung habe versucht, auf dem Mittelmeer Präsenz zu zeigen.
Besonders eine Nacht habe sich tief eingeprägt. Sie ist auch im Film zu sehen. Damals geriet die "Iuventa" bei einem Rettungsversuch in einer Sturmnacht selbst in Seenot. Kaltegärtner musste einen Mayday-Ruf absetzen. Während die Crew um das eigene Überleben kämpfte, starben gleichzeitig Menschen im Wasser. Andere Schiffe hätten nur verzögert oder gar nicht auf die Notrufe reagiert.
"Die eigene Lebensgefahr zu spüren und gleichzeitig zusehen zu müssen, wie andere Menschen sterben, das bleibt eine lebenslange Erinnerung", schildert er.

Die Folgen des Verfahrens
Nach Jahren der Ermittlungen und Prozesstagen endete das Verfahren gegen die Crew der "Iuventa" 2024. Für Kaltegärtner war der Ausgang weit mehr als eine persönliche Erleichterung. "Nothilfe auf See ist rechtens", hebt er hervor. Hilfeleistung könne kein Verbrechen sein. Der Ausgang zeige aus seiner Sicht zudem, dass sich Durchhaltevermögen und Zusammenhalt auszahlen können.
Die Folgen des Verfahrens reichten jedoch weit über den Gerichtssaal hinaus. Kaltegärtner wurde unter anderem von einer Crewing-Agentur infolge seines Engagements auf der Iuventa nicht weiter beauftragt und ging deshalb juristisch gegen die Benachteiligung vor.
Das Meer bleibt Teil seines Lebens
Trotz dieser Erfahrungen bereut er seinen Einsatz nicht. Auf die Frage, ob eine Initiative wie "Jugend Rettet" heute noch einmal entstehen könnte, antwortet Kaltegärtner ohne Zögern mit Ja. Weltweit würden junge Menschen zeigen, dass sie nicht resignieren.
Den Zuschauerinnen und Zuschauern des Films wünscht er vor allem Offenheit. Auf See gehe es zunächst nicht um Parteipolitik, sondern um internationales Seerecht und menschliche Grundprinzipien. "Wenn Menschen in Seenot geraten, dann hilft man."
Der Seefahrt ist er bis heute treu geblieben. Er arbeitet als Kapitän und Offizier, unterrichtet Schiffssicherheit an der Mayday Academy auf Rügen und studiert Politikwissenschaft im Master an der Fernuniversität Hagen. Heute engagiert er sich für nachhaltige Schifffahrt, grüne Häfen und den Küstenschutz.
Das Meer habe ihn nie losgelassen. Den Ausgleich finde er inzwischen allerdings nicht mehr nur auf dem Wasser, sondern auch beim Wandern in den Bergen.
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