Diskussionsveranstaltung in Cuxhaven: Seenotretter befürchten mehr Tote im Mittelmeer
Sichere und legale Fluchtwege seien der beste Weg, um Todesopfer auf hoher See zu vermeiden. Das war die klare Botschaft bei der Podiumsdiskussion zum Thema Seenotrettung im Mittelmeer die im Havenhostel vom Grünen Kreisverband veranstaltet wurde.
Immer noch versuchen Migranten bei lebensgefährlichen Überfahrten in oft seeuntauglichen Booten nach Europa zu gelangen. Den Seenotrettern werden im Falle von Rettungseinsätzen immer noch Steine in den Weg gelegt.
Darüber, wie es aktuell auf dem Mittelmeer aussieht und wie die Flucht aus Sicht eines Flüchtlings aussieht, war Thema bei der Diskussionsveranstaltung vom Grünen Kreisverband Cuxhaven. Auch 2023 kam es bereits immer wieder zu schweren Bootsunglücken. Mitte Juni waren etwa beim Untergang eines überfüllten Fischkutters rund 50 Seemeilen vor der griechischen Küste Hunderte Migranten ertrunken, die von Libyen nach Italien übersetzen wollten. Einer derjenigen, die gefährliche Flucht 2015 gewagt hat, war Saleh Khalil, der mittlerweile in Deutschland lebt und Kaufmann im Gesundheitswesen ist. Als Mitglied der Grünen ist er sogar politisch aktiv.
Die Fahrt ins Ungewisse
Khalil berichte von den Anfängen des Krieges 2011 und den Gründen, warum es für ihn keine andere Möglichkeit gab als zu fliehen. "Wir haben einen Film gedreht über Meinungsfreiheit und um zu erklären, warum Menschen im Land sterben", erzählte er. Daraufhin wurden Khalil und einige Mitstreiter verhaftet. Acht Monate saß er im Gefängnis. "Man muss sich für eine Seite entscheiden. Entweder für das Assad-Regime oder die Rebellen - beides war für Khalil keine Option. Er schaffte es in die Türkei, dann folgte die Fahrt ins Ungewisse in einem kleinen Schlauchboot mit 55 Flüchtenden. "Ich hatte Todesangst, noch zwei Jahre später hatte ich nachts Albträume", schildert der Syrier seine Erlebnisse.
"Das Thema ist leider immer noch aktuell"
Dafür, Menschen wie Khalil zu helfen, entschied sich Kai Kaltegärtner, der 2012 in Cuxhaven sein Kapitänspatent gemacht hatte. Als 2016 die NGO "Jugend Rettet" das Schiff "Iuventa" für Seenotrettungseinsätze im Mittelmeer anschafft, schließt er sich der neu gegründeten Gruppe an. Später arbeitet er für Sea Watch, kümmert sich dort auch um die technische Einsatzfähigkeit der Schiffe und bildet Crewmitglieder aus. Am eindrücklichsten sei für ihn der erste Kontakt mit einem der Flüchtlingsboote gewesen. Der Seenotretter meint, dass 2023 nach Jahren, in denen die Opferzahlen zurückgingen, eines der "tödlichsten" Jahre im Mittelmeer werden könnte. "Das Thema ist leider immer noch aktuell."
Zuweisen weit entfernter Häfen hat Methode
Das Problem: Seit März müssen zivile Seenotretter nach einer Rettungsaktion im italienischen Mittelmeer sofort einen ihnen zugewiesenen Hafen anfahren und dürfen keine weiteren Migranten auf offener See aufnehmen. Der Hafen Ancona in der nördlichen Hälfte Italiens liegt beispielsweise mehr als 1500 Kilometer entfernt von dem Seegebiet, in dem die Hilfsorganisation den Migrantinnen und Migranten in Not helfen. Das Zuweisen weit entfernter Häfen sei ein neues Vorgehen der italienischen Regierung, das Methode hat.
Dadurch seien die Organisationen vor den Küsten Süditaliens weniger präsent. Außerdem würden die langen Fahrtwege auch die Risiken für die physische und psychische Gesundheit der geretteten Menschen an Bord sowie die Treibstoffkosten der Seenotretter erhöhen, berichtet Kaltegärtner aus der Praxis.
Zwei Millionen Euro für Seenotrettung
Seit Herbst 2016 war auch der Bundestagsabgeordnete Julian Pahlke aktiv in der zivilen Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Seit 2021 ist er als Abgeordneter im Bundestag für die Grünen im Ausschuss für Inneres und Heimat, Angelegenheiten der Europäischen Union und stellvertretend im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Doch kann man im Bundestag überhaupt etwas bewegen? "Auf jeden Fall", meint Pahlke und ergänzt: "Es sind am Ende die kleinen Dinge, die mir zeigen, dass es der richtige Schritt war. Und sind es nur zwei Millionen Euro, die im Bundeshaushalt für Seenotrettung hinterlegt worden sind." Zwei Millionen seien nicht viel, aber das politische Signal sei deutlich mehr wert, gerade wenn die Organisationen aktuell große Probleme haben, an Spenden zu kommen, erzählte Pahlke. Auch in den Folgejahren soll diese Summe zur Verfügung stehen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Lena Gumnoir, Mitglied im Landesvorstand der Grünen.
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