Ein Blick in die Vergangenheit: Die Ausstellung im Natureum Balje erinnert an die verheerende Sturmflut von 1976 und führt einen direkt in ein typisches Wohnzimmer der 70er Jahre. Foto: Brettschneider
Ein Blick in die Vergangenheit: Die Ausstellung im Natureum Balje erinnert an die verheerende Sturmflut von 1976 und führt einen direkt in ein typisches Wohnzimmer der 70er Jahre. Foto: Brettschneider
Historische Sturmflut

Als die Sturmflut auf den Kreis Cuxhaven traf: Ausstellung macht Katastrophe greifbar

von Bengta Brettschneider | 10.04.2026

Die Sturmflut 1976 trifft die Region Cuxhaven und Stade mit voller Wucht. Eine Ausstellung im Natureum Balje zeigt eindringlich, was damals geschah - mit Zeitzeugenberichten, Originalaufnahmen und bewegenden Erinnerungen an die Katastrophe.

Noch wirkt alles ruhig. In den Wohnzimmern im Kreis Stade und Cuxhaven flackern am 2. Januar 1976 noch die Lichter der Weihnachtsbäume. Die ersten Tage des neuen Jahres verlaufen unspektakulär. Draußen zieht ein Wind auf - nichts, was an der Küste sofort beunruhigt. Doch dieser Wind bleibt nicht einfach ein Wintersturm.

An die Ereignisse der Sturmflut-Katastrophe 1976 wird in einer Sonderausstellung im Natureum Niederelbe in Balje erinnert. Anlass ist das 50. Jubiläum der Sturmflut.

Am Abend des 2. Januar 1976 verdichteten sich die Zeichen auf einen stärker werdenden Sturm. Böen nahmen zu, Straßen wurden unsicher, erste Bäume stürzten um. Was zunächst vertraut erschien, gewann Stunde um Stunde an Kraft. Am Morgen des 3. Januar war die Lage nicht mehr zu übersehen. Im Radio liefen Warnungen vor einer schweren Sturmflut mit Pegelständen von bis zu 3,50 Metern über dem mittleren Hochwasser. Noch gab es keine Evakuierungsanordnungen. Dann kippte die Situation.

Der Nachbau eines Deichs mit Sandsäcken in der Ausstellung zur Sturmflut 1976. Die Säcke haben in etwa das Originalgewicht. Foto: Brettschneider

Gegen 12.30 Uhr lief das Wasser über den Deich. Kurz darauf brachen die Verbindungen ab. Telefone verstummten. Um 13.07 Uhr löste der Landkreis Stade den Katastrophenalarm aus. Das Orkantief "Capella" traf mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde auf die Nordseeküste - ausgerechnet während einer Springtide.

Gewaltige Wassermassen wurden in die Elbmündung gedrückt. Deiche hielten dem Druck vielerorts nicht stand. Um 15.15 Uhr brach der Deich in Grauensiek. Wassermassen strömten ins Hinterland und hinterließen Verwüstung. Zeitzeugen berichten von Angst, Überforderung und Eindrücken, die bleiben: der Geruch von Diesel und Fäkalien, zerstörte Häuser, erschöpfte Menschen.

Die Schlagzeilen der Niederelbe-Zeitung vom 5. Januar 1976 erinnern an die verheerende Sturmflut und ihre Auswirkungen auf die Region. Foto: Brettschneider

Mitten hinein in die Katastrophe

Die Ausstellung führt Besucher direkt in die damalige Situation. Vom Wohnzimmer mit Weihnachtsbaum und Bleikristallgläsern geht es weiter zum Seewetteramt und in die dramatischen Stunden der Sturmflut.

Auf großen Bildschirmen ist die Sicht von Bord eines Schiffes im Sturm zu sehen, auch der Untergang der MS Capella wird thematisiert. Videoaufnahmen zeigen die Lage in Altenbruch, an der Alten Liebe, an der Kugelbake und im Hafengebiet von Cuxhaven. Luftbilder und Karten dokumentieren das Ausmaß der Schäden. Über ein altes Telefon lassen sich Originalaufnahmen des Krisenstabs abhören.

Erinnerungen werden hörbar

Für den Geschäftsführer des Natureums, Lars Lichtenberg, ist das Thema auch persönlich. Als Vierjähriger erlebte er die Katastrophe selbst mit. "Die Bilder bleiben im Kopf", sagt er. Erinnerungen an Wasser über dem Deich, an Soldaten mit Sandsäcken - Szenen, die sich eingebrannt haben. Auch seine Großmutter führte Tagebuch. Teile davon wurden eingesprochen und lassen sich per QR-Code anhören. So werden persönliche Erinnerungen wieder lebendig. Auch für Kinder wird das Thema in der Ausstellung zugänglich gemacht. Leni die Möwe und Hans das Schaf erläutern auf Plakaten kindgerecht, was bei einer Sturmflut passiert.
Rund zwei Jahre dauerte die Planung der Ausstellung von der ersten Idee bis zur Eröffnung, erläutert Pressesprecherin Katharina Jothe.

Auch ein historisches Feuerwehrfahrzeug aus der Wingst ist in der Ausstellung im Natureum Niederelbe ausgestellt und erinnert an den Einsatz während der Sturmflut 1976. Foto: Brettschneider

Zahlen, die das Ausmaß zeigen

300.000 Sandsäcke, 7286 Feuerwehrleute, 900 Soldaten - Zahlen, die die Dimension des Einsatzes deutlich machen. Auch originale Ausrüstung ist zu sehen, darunter ein Feuerwehrfahrzeug aus der Wingst, ein Feldtelefon ("Ackerschnacker") sowie Pumpen und Scheinwerfer.

Die Ausstellung schlägt schließlich den Bogen in die Gegenwart - zum Deichbau sowie zum Natur- und Küstenschutz. Und zur Frage, wie gut die Region heute auf solche Ereignisse vorbereitet ist.

Das Natureum Niederelbe in Balje hat von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene 11 Euro (ermäßigt 6 Euro). Der Eintritt für Kinder bis 16 Jahre kostet 6 Euro. Auch Familienkarten für 28 Euro sind erhältlich, sowie Gruppenkarten für 10 Euro (ermäßigt 5 Euro). Der Eintritt für Hunde kostet 1 Euro.
Das Begleitbuch "Eine Region erinnert sich", erschienen im Isensee Verlag Oldenburg, kann im Natureum-Shop erworben werden, sowie auch ein Heft für Kinder, das Sturmfluten erklärt.

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Bengta Brettschneider

Volontärin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

bbrettschneider@no-spamcuxonline.de

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