Angespannte Stimmung im Otterndorfer Amtsgericht: Landwirt gesteht 153 Straftaten
In insgesamt 153 Fällen des Bankrotts musste sich ein 53-jähriger Ostener vor dem Otterndorfer Amtsgericht verantworten. Der Angeklagte sagte während der gesamten Verhandlung vorerst kein Wort. Doch zum Ende wurde es unerwartet emotional.
Als der Staatsanwalt die Anklage vorlas, nahm die Liste kein Ende. Jeder einzelne der 153 Schecks im Wert zwischen 40 und 6000 Euro wurde als Straftat gewertet. Insgesamt hat der 53-Jährige so 169.000 Euro dem Insolvenzverwalter verheimlicht. Der Angeklagte hat das Geld nicht für sich behalten, sondern bezahlte damit seine Mitarbeiter und die Reparaturen seiner landwirtschaftlichen Maschinen. Nachdem die Anklage verlesen wurde, forderte der Verteidiger des Osteners vorerst ein Rechtsgespräch mit Richterin Sabine Deutschmann, den zwei Schöffen und dem Staatsanwalt. Nach diesem Gespräch stand im Raum, dass der Landwirt eine Freiheitsstrafe auf Bewährung bekommt und die 169.000 Euro zurückzahlen muss. "Für mich ist die Bewährungsstrafe zwar ein Freispruch zweiter Klasse, aber ich bin damit einverstanden", so der Staatsanwalt. Richterin Deutschmann entgegnet: "Es spricht für den Angeklagten, dass er das Geld nicht für sich, sondern zum Erhalt des Betriebs genutzt hat." Das Gericht verstand, weshalb der Landwirt so gehandelt hat - allerdings sei es immer noch eine Straftat.
16 Jahre ohne ein Einkommen
"Es gibt nicht mehr viel zu sagen. Mein Mandant hat alle Taten eingestanden. Er wollte nur den Betrieb erhalten, den er ein Leben lang kennt und führt. Wenn es den Betrieb nicht mehr gäbe, wüsste er nicht, wo er hin soll", erklärt der Verteidiger des Landwirts.
Als der Landwirt selbst das Wort bekam, herrschte im Gerichtssaal eine angespannte Stimmung. "Ich habe bis heute morgen überlegt, ob ich zur Verhandlung erscheine", begann der Angeklagte seine Rede. Er und seine Familie hätten in den vergangenen 16 Jahren besser gelebt, wenn sie den Hof aufgegeben und Bürgergeld beantragt hätten. Er erbte den Bauernhof damals von seinen Eltern und habe seitdem den Insolvenzverwalter "im Nacken sitzen". "Ich habe 16 Jahre Arbeit in diesen Hof gesteckt, ohne dafür irgendetwas zu bekommen. Man muss verrückt sein, wenn man diese lange Zeit ohne ein festes Einkommen arbeitet - ich habe nicht einmal in meine Rente einbezahlen können. Durch diese ganze Sache habe ich jetzt auch noch meine Frau verloren, sie hat die Scheidung eingereicht", sagt der Landwirt unter Tränen. Er versinke in Arbeit und wisse nicht, wie er all die Rechnungen noch bezahlen soll. Der 53-Jährige wurde immer lauter: "Wie soll ich denn jetzt auch noch die 169.000 Euro zurückzahlen? Ich habe nichts Wertvolles mehr, außer meinem Leben." Im Gerichtssaal wurde es still und es herrschte eine bedrückende Stimmung. Nachdem der Angeklagte seine Rede beendet hatte, zog sich das Gericht für eine Beratung zurück. Rund 30 Minuten später wurde das Urteil gesprochen: Der Angeklagte wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er die 169.000 Euro, die er der Insolvenzmasse entzogen hat, wieder zurückzahlen.