Aus der Not geboren: Wie Ritter vor 200 Jahren eine eigene Bank in Stade gründeten
Was vor 200 Jahren aus der Geldnot eines Ritters entstand, entwickelte sich zu einem erfolgreichen Kreditinstitut. Das Ritterschaftliche Kreditinstitut Stade blickt auf eine Geschichte voller wirtschaftlicher Herausforderungen und neuer Ideen zurück.
Die Probleme der Ritter im Elbe-Weser-Dreieck vor 200 Jahren dürften Landwirten der heutigen Zeit vertraut vorkommen: Die wirtschaftliche Lage der Rittergüter war schwierig, die Preise für landwirtschaftliche Produkte fielen ins Bodenlose. Gleichzeitig boten technische Neuerungen bei Ackergeräten und die Abkehr von der Dreifelderwirtschaft die Chance, produktiver zu arbeiten und mehr Geld zu verdienen.
Ein Ritter, der vor dem wirtschaftlichen Abgrund stand, aber innovativ denken konnte, hatte eine zündende Idee: Oberhauptmann Heinrich Christian von Zesterfleth stand mit seinem Gut Wiegersen kurz vor dem Konkurs. Er brauchte Geld - und er wusste, wie er welches auftreiben könnte.
Arme Ritter mit starkem Netzwerk
Banken gab es damals nur in großen Städten. Wer Kredit brauchte, musste sich privat etwas leihen, oft zu Wucherzinsen. Weil er wusste, dass es anderen ähnlich ging, hatte er es nicht schwer, seine Ritterkollegen davon zu überzeugen, einen gemeinsamen Kreditverein zu gründen. Am 17. Januar 1826 erhielten sie von König Georg IV. die Erlaubnis dazu - und damit begann die Geschichte des Ritterschaftlichen Kreditinstituts Stade, das jetzt sein 200-jähriges Jubiläum feiert.
Ritter gab es im Herzogtum Bremen seit dem Mittelalter. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Ritterschaft 1397 bei einer Versammlung der Landstände. Davon gab es drei: die Geistlichkeit, die Städte, zu denen Stade und Buxtehude gehörten, und die Ritterschaft. Sie wurde Trägerin des neuen Ritterschaftlichen Kreditvereins.
"Wer zur Ritterschaft gehört, ist genau festgelegt", erklärt Thomas Fenner, der das Archiv der Ritterschaft leitet und schlägt ein schweres, ledergebundenes Buch auf: die Ritter-Matrikel. Seit 1698 werden die Mitglieder dort handschriftlich eingetragen - heutzutage von ihm.

2003: Die erste Ritterin
Die heutige Ritterschaft bilden die Eigentümer der 35 Rittergüter, die aktuell noch bewirtschaftet werden. Wer dazu gehört, muss heute nicht seit drei Generationen adlig sein. Doch ein Gutsbesitz, der eine gewisse Größe hat, etwas einbringt und auf dem ein "castrum nobile" steht, ein herrschaftliches Wohngebäude, gehört dazu. Dorothea von Rex-Gröning vom Dammgut Ritterhude war 2003 übrigens die erste Ritterin, die Thomas Fenner in die Matrikel eintrug.
Im Ritterschaftlichen Kreditinstitut (RKI) an der Archivstraße 1 in Stade erinnert eine Ahnengalerie an die alten Zeiten: Im Konferenzraum hängen Porträts der Präsidenten der Ritterschaft seit dem 17. Jahrhundert, angefangen mit Alexander Schulte von der Lühe, der auf der Esteburg in Moorende ansässig war, bis zu Georg von der Decken (Gut Döse bei Freiburg in Kehdingen), dem heutigen Präsidenten.
Matthias Schicke und Lukas Kraeft, die aktuellen Vorstände, erklären, wie sich das RKI seit seinen Anfängen entwickelt hat: Anfangs ging es darum, Rittergutsbesitzern langfristige Kredite zu günstigen Konditionen zu ermöglichen. Das gelang durch die Ausgabe von Pfandbriefen mit dem Grundbesitz als Sicherheit. Schon wenige Jahre später ermöglichte das RKI auch freien Bauern, auf diese Weise an Kredite zu kommen.

Welche Projekte das RKI heute finanziert
Mit diesem Modell überstand das RKI viele Umbrüche und zwei Weltkriege. In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts legte es neben der land- und forstwirtschaftlichen Finanzierung einen Schwerpunkt auf kommunale Projekte. In den 70er Jahren wurden verstärkt Wohn- und Gewerbeimmobilien finanziert. Die Wiedervereinigung brachte eine Investitionswelle: Frühere Eigentümer bekamen Güter im Osten zurück und investierten kräftig.
Aktuell liegt der Schwerpunkt auf Anlagen in Wohnimmobilien, vor allem in Großstädten wie Hamburg und Berlin. Die Refinanzierung erfolgt vor allem über Versicherungen und Pensionskassen. "Neben der Bundesanleihe ist das die sicherste Einlageform in Deutschland", sagt Matthias Schicke.
Seit Juni 2022 ist das RKI Stade keine Anstalt des öffentlichen Rechts mehr, sondern eine Aktiengesellschaft und 100-prozentige Tochter des Konzerns der Hannoverschen Volksbank. "Wir können jetzt ein größeres Portfolio anbieten", erklärt Lukas Kraeft. Möglich werden nun zum Beispiel gesplittete Finanzierungen, bei denen das RKI über Pfandbriefe einen Anteil abdeckt, ein Darlehen über die Muttergesellschaft einen anderen.
Jubiläumsspenden für Projekte vor Ort
"Vieles hat sich seit 1826 verändert, aber die Nähe zu unseren Kundinnen und Kunden und die Verantwortung für unser Umfeld sind geblieben", sagen Schicke und Kraeft.
Zum 200-jährigen Jubiläum wird das RKI regionale und soziale Projekte fördern: einen neuen Kühltransporter für die Stader Tafel, das Sozialmobil des Caritasverbandes für die Landkreise Stade und Rotenburg, die Sanierung des Heimatmuseums Stade durch den Landschaftsverband sowie das geplante stationäre Hospiz des DRK-Kreisverbands.
Von Anping Richter
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