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„Das haben wir noch nie gemacht“: Kunsthistorikerin Stephanie Bunk führte in der Stadtscheune durch die neuen Editionen der Griffelkunst. Foto: Potschka
„Das haben wir noch nie gemacht“: Kunsthistorikerin Stephanie Bunk führte in der Stadtscheune durch die neuen Editionen der Griffelkunst. Foto: Potschka
Griffelkunst in der Stadtscheune

Druckgrafik trifft experimentelle Kunst in Otterndorf

von Jens Potschka | 30.10.2026

Moderne Kunst trifft auf klassische Technik: Wade Guyton nutzt Epson-Drucker für eindrucksvolle Werke aus Dürer-Motiven und stellt damit die Druckgrafiktradition auf den Kopf. Was steckt hinter seinen provokanten Streifen?

Ein Gerät, das bei vielen zu Hause steht und selten tut, was es soll, hat Wade Guyton zum Werkzeug der Kunst erhoben: den Epson-Tintenstrahldrucker. Der US-Amerikaner jagt gefaltete Leinwand und herausgerissene Seiten aus Kunstbänden durch die Maschine. Wo andere über Schlieren und Streifen fluchen, sieht er ein Bild. Für die Griffelkunst-Vereinigung hat er ein Buch über Albrecht Dürer zerrissen und durch seinen Drucker geschickt. Sechs Dürer-Motive voller Bildfehler hängen nun in der ersten Ausstellungsetage der Otterndorfer Stadtscheune, wo am zurückliegenden Sonntag die 403./404. Bilderwahl eröffnet wurde.

Kultivierter Druckfehler: Wade Guyton hat Dürer-Motive durch einen handelsüblichen Tintenstrahldrucker gejagt. Foto: Potschka

Warum ausgerechnet Dürer? Und warum erinnern die Streifen ein wenig an Schwarz-Rot-Gold? Kunsthistorikerin Stephanie Bunk sieht darin ein Nachdenken über die Geschichte der Druckgrafik. Dürer habe als Erster Kunst unter das Volk gebracht, er sei "der Godfather der Druckgrafik". Guyton, oft mit Andy Warhol verglichen, reihe sich in diese Tradition der Vervielfältigung ein. Für die Griffelkunst sei das ein Glücksfall, sagte Bunk, denn sie suche stets das Unbekannte: "Das haben wir noch nie gemacht. Wir wissen nicht, wie es geht. Es reizt uns."

Dreißig Vögel suchen ihren König

Neuland betrat der Verein auch mit Miriam Zadil. Die Künstlerin stickt ihre Bilder von Hand und verknüpft alte Sagen mit Gedanken von Hannah Arendt oder Sylvia Plath. Statt ihre Motive in Lithografie zu übersetzen, suchte die Griffelkunst eine Stickerei, die sonst Kappen und T-Shirts veredelt. Zadil reduzierte ihre Palette auf 15 Farben je Motiv, selbst die Maschine braucht für ein Bild einen halben Tag. Die beiden Arbeiten erzählen von der persischen "Konferenz der Vögel" aus dem 12. Jahrhundert: Angeführt vom Wiedehopf ziehen die Vögel durch sieben Täler der Erkenntnis, um einen König zu finden. Nur dreißig erreichen das Ziel und erkennen in ihrem Schatten einen einzigen großen Vogel. "Sie brauchen keinen fremden König, sie tragen das, was sie suchen, in sich", fasste Bunk die Botschaft zusammen.

Abstraktion mit einem Augenzwinkern

Viele Künstlerinnen der aktuellen Wahl bewegen sich zwischen Figur und Abstraktion. Sie greifen eine Tradition auf, die vor hundert Jahren vor allem Männer prägten, und nehmen sie "ein wenig auf den Arm". Die Österreicherin Ulrike Müller hat sich erstmals der Lithografie gewidmet und mit Gardinenstoff gedruckt, sodass Spitzenmuster entstehen. Ihr Blatt "Hobby Horse" lässt an Franz Marc denken und könnte doch eine Persiflage auf das klassische Reiterbild sein.

Anna Nero arbeitet geometrischer, mit optischen Täuschungen und räumlichen Unmöglichkeiten, als ironischer Kommentar auf den Ernst der abstrakten Kunst. Ganz still kommt dagegen Hans Hansen daher. Der Fotograf hat mit Aufnahmen für Lufthansa, Porsche und Volkswagen die Werbung des 20. Jahrhunderts geprägt. Statt ins Archiv zu greifen, sagte er sofort: "Ich mache etwas Neues. Und entweder Sie mögen das, dann ist es gut, und wenn nicht, dann ist es auch gut." Er sammelte junge Frühlingsblätter und fotografierte sie auf dem Leuchttisch im Gegenlicht. Beim zarten Kastanienblatt schimmert die Struktur durch, der robuste Ginkgo erscheint als Scherenschnitt. Für Stephanie Bunk ein Alterswerk, reduziert auf das Wesentliche.

Zur aktuellen Wahl gehören zudem Arbeiten von Henrik Eiben, Johannes Wohnseifer, Kaj Osteroth, Aneta Kajzer und Felipe Romero Beltrán. Organisiert wird die Schau seit Jahrzehnten von Klaus Wyzisk, Klaus Mildner und Jürgen Nowotni. Wyzisk wählt auch die Künstler der Sonderausstellungen aus: "Wenn ich einen Künstler der Griffelkunst frage, ob er Lust hätte, bei uns auszustellen, gibt es kein Nein."

2027 ist das Jahr der Jubiläen

Im kommenden Jahr steht ein dreifaches Jubiläum an: Seit 40 Jahren stellt die Gruppe in Otterndorf aus, seit 20 Jahren in der Stadtscheune, und vor 80 Jahren wurde sie in Cuxhaven gegründet. Wyzisk selbst ist seit über 60 Jahren Mitglied. Auch frühere Griffelkunst-Editionen von Johanna Tiedtke sind zu sehen, darunter sechs Glasarbeiten, die erst zusammen ein Ganzes ergeben, "wie ein Tuch von der Oma".

Die Ausstellung läuft bis zum 22. November in der Galerie in der Stadtscheune, Sackstraße 4, mittwochs und donnerstags von 15 bis 18 Uhr sowie sonntags von 10 bis 12.30 Uhr.

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Jens Potschka

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