Vom Werkhof zum Arbeitsvertrag bei Siemens Gamesa: (v.l.) Tamer Pilak in der Logistik, Franz Schuster im Team Instandhaltung und Maximilian Wächter in der Fertigungsvorbereitung. Foto: Larschow
Vom Werkhof zum Arbeitsvertrag bei Siemens Gamesa: (v.l.) Tamer Pilak in der Logistik, Franz Schuster im Team Instandhaltung und Maximilian Wächter in der Fertigungsvorbereitung. Foto: Larschow
Budget für Arbeit

Vom Praktikum ins Arbeitsleben: Wie behinderte Menschen Cuxhavens Betriebe bereichern

von Tim Larschow | 08.12.2025

Manche Unternehmen setzen in Cuxhaven von Beginn an auf gelebte Inklusion - mit Basar, lila Turbinen und vor allem mit echten Jobchancen für Menschen mit Behinderungen. Wie das gemeinsam mit der Lebenshilfe gelingt und welche Erfolge es bereits gibt.

Jedes Jahr am 3. Dezember wird weltweit der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen begangen. Auch Siemens Gamesa setzt seit vier Jahren ein sichtbares Zeichen für Inklusion: Gemeinsam mit der Lebenshilfe Cuxhaven und Hemmoor wird im Werk ein Basar mit Produkten aus den Werkstätten veranstaltet. Zudem erstrahlen zwei Windturbinen des Herstellers in leuchtendem Lila - ein Symbol dafür, dass Inklusion hier keine Eintagsfliege ist.

In Cuxhaven erstrahlen zwei Offshore-Windturbinen in Lila. Durch die Aktion "Positively Purple" soll auf die Rechte, Anliegen und Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderungen aufmerksam gemacht werden. Foto: Larschow

Seit dem 1. Februar 2024 ist Franz Schuster fest im Siemens-Gamesa-Werk Cuxhaven angestellt. Durch das Projekt "Budget für Arbeit" der Lebenshilfe fand er den Weg ins Unternehmen. In der Wartung und Instandhaltung verantwortet er die Ausgabe von persönlicher Schutzausrüstung (PSA), Anschlagmitteln und weiterem Equipment, welches von den verschiedenen Fertigungslinien oder der Logistik nachgefragt wird.

Ein Garant für gute Laune im Betrieb

"Ich habe inzwischen einen Laptop und ein Handy. Ich bekomme die Bestellungen über Mail oder Teams", erklärt er. "Morgens hole ich als Erstes die Post. Dann schaue ich die Bestellungen an und bringe auch Sachen direkt in die Linie." Nach seinem Praktikum war damals im Team schnell klar: Er soll bleiben.

"Menschen mit Beeinträchtigungen zu beschäftigen, muss gut überlegt sein. Man hat einen höheren Fürsorgeaufwand. Das bedeutet mehr Einsatz und Arbeit. Die Arbeitsfreude von Franz und die gute Stimmung im Team mit den Kollegen wiegen diese intensive Einarbeitung und Betreuung aber mehr als auf", sagt Sonja Brouwers vom Werkhof & Wohnstätten der Lebenshilfe in Cuxhaven. Sie kennt ihn schon seit etlichen Jahren und ist seine persönliche Assistenz im Projekt "Das Budget für Arbeit". Dieses Projekt ermöglicht Menschen mit Behinderungen, aus einer Werkstatt für behinderte Menschen in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis zu wechseln.

Für Unternehmen wie für Beschäftigte ist das Programm eine "Win-Win-Situation": Firmen gewinnen motivierte Mitarbeitende und erhalten finanzielle Unterstützung, während die Beschäftigten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß fassen können.

Bereits seit 2018 gibt es dieses Programm, aber viele Betriebe trauen sich noch nicht, erklärt Brouwers. So erging es erst auch Franz Schuster. Seit etwa zehn Jahren hatte er zwar einen "Außenarbeitsplatz", das heißt, er war zwar noch bei der Lebenshilfe angestellt, arbeitete aber bei einem anderen Arbeitgeber. Aber ihn trotz jahrelanger Mitarbeit wirklich selbst anzustellen - dazu reichte es dann doch nie. "Nicht so bei Siemens Gamesa", freut sich Sonja Brouwers.

(v.l.n.r.) Tamer Pilak, Tanja Baake-Heer, Maximilian Wächter, Sonja Brouwers, Franz Schuster, Michaela Finnie (Büroleitung Siemens Gamesa) und Jörg Bulko. Foto: Larschow

Die Lebenshilfe bleibt der Fallschirm

Schuster hat im Arbeitsalltag stets Mentorinnen und Mentoren an seiner Seite und steht im engen Austausch mit der Schwerbehindertenvertretung im Werk, Tanja Baake-Heer, und Stellvertreter Jörg Bulko. Täglich fährt er mit dem E-Bike aus Cuxhaven zur Arbeit und arbeitet von 8 bis 16 Uhr in der Warenausgabe der Instandhaltung.

Neben ihm sind weitere Mitarbeitende über Inklusionsprogramme beschäftigt, Maximilian Wächter in der Fertigungsvorbereitung der Backend-Linie sowie Tamer Pilak in der Logistik. Pilak kam über die Elbe-Weser-Welten in Bremerhaven zu Siemens nach Cuxhaven. "Was auch gut ist, ist, dass, wenn es mal nicht funktionieren sollte, niemand auf der Straße landet, sondern von der Lebenshilfe wieder aufgefangen wird", sagt Tanja Baake-Heer.

Jedes Jahr am 3. Dezember organisiert die Lebenshilfe Cuxhaven und Hemmoor einen Basar im Gamesa-Werk in Cuxhaven. Foto: Larschow

"Es gibt im ganzen Landkreis tolle Unternehmen. Insgesamt haben wir mit der Lebenshilfe Cuxhaven und Hemmoor 16 Leute im 'Budget für Arbeit‘ und 40 im 'BIAP‘", erklärt Brouwers. Der Weg führt meist über ein Praktikum in das BIAP und von dort - im besten Fall - in das Budget für Arbeit. Die Lebenshilfe bleibt dabei zunächst Arbeitgeber und übernimmt Entgelt und Sozialversicherung. "Um dieses Potenzial zu nutzen, brauchen wir die Unterstützung der Arbeitgeber aus der Region Cuxhaven", betont Brouwers.

Zusatzinfo: Aktion "Positively Purple"

Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember wird jedes Jahr weltweit begangen, um auf die Rechte, Bedürfnisse und Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderungen aufmerksam zu machen. Dieser Tag existiert bereits seit 1993. Sein zentrales Ziel ist es vor allem, Bewusstsein zu schaffen und Inklusion zu fördern, damit Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben können. Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen beteiligen sich mit Aktionen in Lila, wie etwa dem Beleuchten von Gebäuden oder eben zwei 14-MW-Offshore-Windturbinen.

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Tim Larschow

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

tlarschow@no-spamcuxonline.de

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