Darum spaziert ein Mann nackt durch den Kreis Cuxhaven
Nackt durch den Wald? Bernd Braker (Name geändert) schwört darauf. Nur mit Nordic-Walking-Stöcken "bekleidet", ist der 59-Jährige hinterm Sieverner See unterwegs. Warum im Adamskostüm? Und wie reagieren Menschen auf den textilfreien Wanderer?
Es ist ein Morgen im frühen Herbst. Das Licht des Tages durchflutet den Wald hinterm Sieverner See. Bernd Braker hat sein Auto an einem Wirtschaftsweg geparkt. Kofferraumklappe auf, T-Shirt ausgezogen, Schuhe aus, Hose runter - der Geestländer steht da, wie Gott ihn dereinst erschuf. Sein Spaziergang kann beginnen. "Es ist ein Gefühl von Freiheit", meint der 1,90-Meter-Mann und bricht auf - nackt durch die Natur.
Schritt für Schritt tiefer in den Sieverner Forst hinein
Vor einigen Jahren hat Bernd Braker das Nacktwandern - englisch: Nude Walking - für sich entdeckt. "Nacktheit wird überbewertet - da ist nichts dabei", sagt er, während er unbekümmert zwischen Wiesen und Maisfeldern Schritt für Schritt tiefer eindringt in den Forst. Ehe seine Arbeit beginnt, nutzt der 59-Jährige "zwei bis dreimal in der Woche" die Gelegenheit, auf diese Weise in freier Natur zu entspannen. ",Nudic Walking‘, abgeleitet von Nordic Walking, ist Bewegung an frischer Luft", erklärt er, während die Stöcke zu seiner Rechten und Linken auf den Asphalt klackern. "Ich kann dabei loslassen, buchstäblich alles fallen lassen und den Alltag für mich ordnen."
"Mir ist das irgendwie schon unangenehm"
Spaziergänger sind zu dieser Stunde nicht zahlreich unterwegs. Nur ein paar Herrchen und Frauchen, die ihre Hunde pflichtgemäß zum morgendlichen "Geschäft" ausführen. Eine von ihnen nähert sich aus der Ferne. Bernd Braker lässt sich nicht beirren, blickt geradeaus, spaziert voran, Wind streicht um seinen nackten Körper.
"Mir ist das irgendwie schon unangenehm", sagt die Frau, als sie den splitternackten Wanderer passiert hat. Namentlich will sie nicht genannt werden. "Ich habe diesen Mann hier schon öfter gesehen", sagt sie, "ich gucke nicht hin, wenn er kommt, sondern senke den Blick." Die Dame aus dem Ort empfindet Nacktwandern in aller Öffentlichkeit als unpassend. "Muss das wirklich sein?"
"Hat nichts mit Erotik oder Pornografie zu tun"
Für Bernd Braker muss Nacktwandern sein. Der hochgewachsene Mann ist mittlerweile in einen Waldweg abgebogen. Herbstlaub raschelt unter seinen nackten Füßen. Es geht munter voran. Insgesamt rund drei Kilometer. "Ich habe ein Hobby, dass hierzulande eher selten ausgeübt wird", sagt er und betont immer wieder, dass Nude Walking nichts mit Erregung öffentlichen Ärgernisses zu tun habe, mit Erotik oder gar mit Pornografie, wie es ihm so mancher unterstellen könnte. "Ich führe keine sexuellen Handlungen aus", betont der Geestländer ganz entschieden, "ich will doch einfach nur nackt spazieren, weil es sich für mich gut anfühlt."
Das besondere Naturerlebnis, dieses Eins-Werden mit der Umgebung, sei für ihn dabei eher zweitrangig. "Nacktwandern ist gesund, das härtet ab", sagt Braker, der bei Wind und Wetter unterwegs ist. Im Sommer wie im Winter. "Ich bin so gut wie nie erkältet."
Von wüsten Attacken im Wald und dem Besuch von Polizisten
Die meisten Leute, denen er bei seinen Spaziergängen begegne, reagierten positiv, unterstreicht der Nackt-Wanderer von Sievern. "Viele grüßen freundlich." Mit manchen sei er auch schon ins Gespräch gekommen. Bernd Braker hat nach eigenen Angaben großes Verständnis für all jene, "die das nicht so toll finden". Dennoch erinnert sich der Geestländer ungern an einen Vorfall vor wenigen Wochen, als ihn ein älterer Herr beschimpft habe, nachdem er von seiner "Sieverner Route" zum Auto zurückgekehrt sei. "Dieser Mann war aggressiv, hat mich übel beschimpft, hat mit Anzeige gedroht und sogar die Polizei verständigt."
Und tatsächlich hätten Beamte wenig später vor seiner Tür gestanden, erzählt Braker. Sie seien nach einem kurzen Gespräch wieder gegangen. Keine Verwarnung, keine Anzeige, sagt der Nacktwanderer. Die Polizei in Cuxhaven hat das bestätigt. "Dem Mann wurde mitgeteilt, dass eine abgelegene Örtlichkeit geeignet wäre, um sein Hobby auszuüben", sagt Polizeisprecher Stephan Hertz.
"...damit diese Art der Fortbewegung ein wenig bekannter wird"
Der 59-jährige Geestländer setzt im Grundsatz auf die Toleranz der Menschen. "Wenn mich die Leute fragen, warum ich das mache, frage ich zurück: Warum nicht?", sagt er. Sein Motto: Leben und leben lassen. "Vielleicht kann ich durch mein Tun ja auch dazu beitragen, dass diese Art der Fortbewegung ein wenig bekannter wird."
Nach dem Spaziergang nackt in den Sieverner See
Wieder am Auto angekommen, zieht sich der Geestländer erst einmal wieder an. Noch muss er nicht zur Arbeit. Zeit für eine Runde im Sieverner See. Während er sich zum Nackt-Spaziergang eher spontan entscheide, gehöre Schwimmen für ihn zur täglichen Routine. Auch an diesem Morgen taucht Bernd Braker gern ins noch menschenleere Gewässer am Rande der Ortschaft ein. Natürlich nackt. "Einfach ein gutes Gefühl", sagt er und zieht mit kräftigen Zügen hinaus.
In Undeloh ist Nacktwandern offiziell erlaubt
Nicht nur Bernd Braker findet gefallen am Nacktwandern. Im Landkreis Harburg haben gibt es einen 10 Kilometer langen Rundweg eigens für Naturisten. Der "Naturistenweg Undeloh" führt duch ein Naturschutzgebiet in der Lüneburger Heide. Hier darf seit 2012 offiziell nackt gewandert werden, auch Fahrradfahrer dürfen dort unbekleidet unterwegs sein.
An einem Parkplatz zwischen Wesel und Wehlen beginnt und endet der Wanderweg. Die Strecke ist durch ein gelbes "N" gekennzeichnet. Natürlich darf der Rundweg auch von bekleideten Wanderen beschritten werden.
Von Andreas Schoener
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