"Denen werden Preise auch mal auf die Hände geschrieben": Prostitution in Deutschland
Barbara Schmid ist Autorin. Im Interview spricht sie über Menschenhändler, den Puff Europas und welches System hinter der "freiwilligen" Arbeit der Prostitution steckt und damit ein Milliardengeschäft macht. Sie fordert das Nordische Modell.
Barbara Schmid ist Journalistin und Autorin. Sie arbeitete rund 20 Jahre für das Nachrichtenmagazin Spiegel. Schmid engagiert sich im Bundesverband Nordisches Modell sowie im Verein DIAKA gegen Menschenhandel. In ihrem Buch "Die (un)verborgene Gewalt gegen Frauen" zeichnet sie ein eindringliches Bild vom Ausmaß der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und macht deutlich, wie stark diese mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Prostitution verflochten ist. Im Interview spricht sie über Zahlen, drastische Schilderungen und einen politischen Appell.
Frau Schmid, zum Jahresende 2024 waren in Deutschland rund 32 300 Prostituierte angemeldet. Man geht jedoch von rund 200 000 bis 400 000 tatsächlichen Prostituierten aus. Rund ein Drittel soll die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Von welchen Zahlen gehen Sie aus?
Es gibt keine verlässlichen Zahlen, die Bundesregierung spricht mal von 200.000 mal von bis zu 400.000 Menschen in der Prostitution, meistens sind es Frauen. In meinem neuesten Buch "Die (un)verborgene Gewalt gegen Frauen" gehe ich von etwa 250 000 aus. Das halte ich für realistisch. Ein Drittel Deutsche ist viel zu hoch gegriffen und trifft vielleicht bei den angemeldeten Personen zu. Nach meinen Erfahrungen sind weniger als zehn Prozent Deutsche. Und die findet man meistens in den hochpreisigen Bereichen, also im Escort-Service oder als Dominas. Die Mehrheit der Prostituierten kommt aus den Armutsgebieten der Welt: Viele sind Roma-Frauen aus Bulgarien, Rumänien und Ungarn; sie kommen aus Lateinamerika, Asien und neuerdings auch aus China. Die meisten sprechen unsere Sprache nicht, ein Teil sind Analphabetinnen, denen werden Preise auch schon mal auf die Hände geschrieben.
Experten gehen davon aus, dass rund 90 bis 95 Prozent nicht freiwillig arbeiten. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Was sagen diese Zahlen über Prostitution?
Die allerwenigsten, höchstens zehn Prozent, machen das freiwillig. Wir haben es mit Zwangsprostitution, Menschenhandel und Armutsprostitution zu tun. Vielen werden Jobs als Kindermädchen oder Kellnerin versprochen, andere fallen auf die perfide Masche von Loverboys herein.
Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit dem Thema Prostitution zu beschäftigen? Gab es einen Schlüsselmoment?
Ich habe viele Jahre für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" gearbeitet. Bei einer Recherche zu einem Krankenhaus-Skandal in Bayreuth lernte ich Katharina, ein Loverboy-Opfer und Zwangsprostituierte, kennen. Das war 2014 und ich hatte mich zuvor nicht mit Prostitution beschäftigt. Klar, 2002 hatte ich mitbekommen, dass die damalige rot-grüne Bundesregierung die bis dahin sittenwidrige Prostitution liberalisiert hat und es ein Job wie jeder andere werden sollte. Mir kam das schon damals merkwürdig vor. Und dann traf ich diese schwer traumatisierte junge Frau, die sich für ihre vermeintliche große Liebe, einen Loverboy, über zehn Jahre prostituieren und in dieser Zeit mehr als 25 000 Freiern zur Verfügung stehen musste. Je mehr ich darüber erfuhr, wie Frauen in unserem Land gehandelt und misshandelt werden, desto wütender wurde ich. Und das Thema hat mich nicht mehr losgelassen.

Gesundheitsberatungen und Anmeldungen sollen den Frauen in der Prostitution helfen. Reicht das wirklich, oder verdeckt es die Probleme?
Also, einmal haben Menschenhändler und Zuhälter meistens gar kein Interesse, "ihre" Frauen anzumelden. Und wenn, dann sind sie oft bei der Anmeldung dabei, etwa, um bei Sprachproblemen zu "helfen". Dazu kommt, das Vertrauen von Frauen aus Afrika oder Osteuropa in staatliche Stellen ist gering, warum sollten sie dort Hilfe erwarten? Darum wenden sich auch so wenige an die Polizei. Anmeldung heißt nicht, dass etwa Polizei oder Ordnungsämter wüssten, wo sich die Frauen aufhalten und wie es ihnen geht. Sie melden sich in einer Stadt an und werden bald in der nächsten eingesetzt. Wir haben es hier mit einem gigantischen Dunkelfeld zu tun.
Wie kehrt das Nordische Modell dieses Ungleichgewicht um?
Seit Jahrhunderten, wahrscheinlich sogar seit Jahrtausenden sind Prostituierte immer die Leidtragenden. Sie waren und sind Ausgestoßene, rechtlos, wurden als gefallene Mädchen und Dirnen bezeichnet mussten sich früher zwangsweise auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen. Bei ihren Kunden wurde das nicht gemacht. Das Nordische- oder Gleichstellungsmodell kehrt die Verhältnisse um: Jetzt müssen die Männer die Konsequenzen tragen, die Käufer. In Schweden, das die Freierbestrafung schon 1999 eingeführt hat, gibt es kein schambehafteteres Verbrechen, als einen Frauenkörper zu kaufen. Prostitution ist dort nicht verboten, damit die Frauen nicht wieder benachteiligt werden, sie werden entkriminalisiert. Prostituierte haben endlich das Recht auf ihrer Seite, sie können etwa gewalttätige Freier anzeigen. Macht das heute in Deutschland eine Frau, die aus Afrika oder Asien bei uns ihren Körper verkaufen muss, dann droht ihr die Abschiebung. Nach dem Nordischen Modell bekommt sie Hilfen zum Ausstieg. Bei Polizeieinsätzen ist in Schweden darum immer ein Team von Sozialarbeiterinnen dabei.
Es wird behauptet, Legalität schütze Frauen und das Nordische Model würde die Prostitution in die Illegalität verdrängen. Die Zahlen zu Menschenhandel in Deutschland steigen jedoch und es ist die Rede vom "Puff Europas". Was sagen Sie dazu?
Die Illegalität und das Dunkelfeld haben wir doch in Deutschland, wenn nur 32 000 von schätzungsweise 250 000 Prostituierten angemeldet sind. Den "Puff Europas" können wir alle erleben, wenn wir mal Richtung Frankreich unterwegs sind. Bei unseren Nachbarn ist der Sexkauf seit 2016 verboten und die Männer suchen jetzt ihr Vergnügen auf der deutschen Seite, nach dem Motto: Wo geht es denn hier zum Puff? Ich habe das in Hotels in Grenznähe selbst erlebt, dass nachts viel los ist und die wenigsten Gäste bis zum Frühstück bleiben. Saarbrücken kommt einem fast schon wie ein großer Rotlichtbezirk vor. Und was den Schutz angeht: Selbst angemeldete Prostituierte berichten mir von gewalttätigen Freiern, gegen die sie sich nicht wehren können, aus Angst vor ihren Zuhältern. Alle Prostituierten, die ich kenne, haben Gewalt erfahren: Schläge, Würgen, ausgerissene Haare…
Schweden hat die Straßennachfrage um 50 Prozent gesenkt: Kunden werden bestraft, Frauen entkriminalisiert.
Warum ist das ein echter Schutzmechanismus für Frauen?
Ein Sexkaufverbot lässt den Markt mit Frauenkörpern zusammenbrechen. Es lohnt sich nicht mehr für Menschenhändler, ihre Ware Frau dort auf den Markt zu bringen. Ich habe mal einen Zuhälter in Deutschland gefragt, was er machen würde, wenn wir das Nordische Modell bekämen. Seine Antwort: er würde "seine" Frauen abziehen. Und den Käufern vergeht die Lust, wenn sie mit einem Bein im Gefängnis stehen oder hohe Geldstrafen befürchten müssen. Sexkauf wird in Schweden mit einem Monat Haft bestraft, beim ersten Mal meistens auf Bewährung, aber mit Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis und verbunden mit gesellschaftlicher Ächtung.
Frankreich berichtet seit 2016 von weniger Zwangsprostitution. Welche Schritte könnten Deutschland helfen, ähnliche Erfolge zu sehen?
Wir brauchen das Nordische Modell. Es muss klar sein: Frauenkörper sind keine Ware. Für mich kann es keine Gleichstellung geben, solange das bei uns der Fall ist. Außerdem fördert Prostitution die Gewalt gegen Frauen allgemein. Dazu habe ich für mein Buch Interviews mit Fachleuten geführt und wissenschaftliche Studien ausgewertet. Es geht uns alle an.

Die Lobby der Prostitution spricht oft von "freiwilliger" Arbeit, doch Gewalt bleibt, hinter der ein Milliardengeschäft steckt. Warum ist der Begriff Freiwilligkeit grundsätzlich schwierig? Wer profitiert finanziell vom bestehenden System?
Es gibt eine kleine Minderheit, bei der Freiwilligkeit zutrifft. Dominas zum Beispiel, die in der Regel keinen Körperkontakt zu ihren Kunden haben. Das heißt, sie erleiden keine körperlichen Schäden, von ausgeleierten Kiefergelenken wegen häufigem Oralverkehr bis hin zur Inkontinenz, wegen zu häufigem Analverkehr. In Bordellen, der Straßen- und Wohnungsprostitution sind zehn bis 20 Freier pro Tag die Regel, an Wochenenden auch mal 30. Es gibt nicht viele, die sich das freiwillig antun. Und finanziell profitieren nur die wenigsten Frauen. Viele haben hohe Schulden, sie müssen Wuchermieten von bis zu 180 Euro pro Tag für ihre Arbeitsplätze bezahlen. Katharina, deren Biografie ich geschrieben habe, hat ihrem Zuhälter und Loverboy weit mehr als eine Million eingebracht. Sie hatte am Ende nur Schulden, einen zerschundenen Körper und eine traumatisierte Psyche.
Ihr Buch fordert Veränderung. Welchen Appell richten Sie an Politiker und Leser, um Frauen wirklich zu schützen?
Mit der Reform 2002 sollte alles besser werden für Menschen in der Prostitution. Das war naiv und ist krachend gescheitert, den Frauen geht es heute schlechter als vorher. CDU/CSU haben das erkannt und fordern das Nordische Modell. In den Koalitionsverhandlungen ist eine grundlegende Lösung an der SPD gescheitert. Und an Gewerkschaften wie Verdi, die sich unbegreiflicherweise für die "Sexarbeit" einsetzen, die weder Arbeitsschutz, Mindestlohn, Arbeitszeitregelungen und nicht einmal Mutterschutz kennt. Sex mit hochschwangeren Frauen ist ein lukratives Geschäft für Zuhälter und viele dieser Babys verschwinden in dunklen Kanälen. Das ist unerträglich und eine Schande für ein Land wie Deutschland. Darum müssen wir als Gesellschaft Druck auf die Politik ausüben. Wir brauchen das Nordische Modell. Jetzt.