Die Verbindungen des mutmaßlichen Serienmörders Kurt-Werner Wichmann ins Cuxland
Der mutmaßliche Serienmörder Kurt-Werner Wichmann ist 1970 immer wieder in die Region zwischen Cuxhaven und Bremerhaven gekommen - als Auslieferungsfahrer eines Lüneburger Unternehmens. Eine Mitarbeiterin von damals liefert interessante Einblicke.
Kurt Werner Wichmann dürfte den Landstrich zwischen Bremerhaven und Cuxhaven durchaus gekannt haben. Auch wenn die Äußerungen der Polizei dazu widersprüchlich ausfallen. Der mutmaßliche Serienmörder hat 1970 für die Lüneburger Firma Leppert gearbeitet, die produzierte unter anderem Senf und Essig - und lieferte die Ware bis ins Hadelner Land. "Er hat als Beifahrer Fahrten begleitet", erinnert sich eine ehemalige Mitarbeiterin, die damals ihre Ausbildung in der Firma durchlief. "Er hat Hilfsarbeiten erledigt." Dazu gehörte das Aufräumen des Lagers, Fässer reinigen und eben Ausfahrten erledigen. All das habe sie vor ein paar Jahren bereits der Polizei erzählt. Dort habe sie sich nach Presseartikeln im Zusammenhang mit den Göhrde-Morden und dem Fund der Leiche Birgit Meiers unter Wichmanns Garage im Herbst 2017 gemeldet.
Unklar, ob Wichmann etwas mit den "Disco-Morden" zu tun hatte
Es bleibt die Frage, ob Wichmann etwas mit dem mutmaßlichen Tod von sieben jungen Frauen zu tun haben könnte, die von Mitte der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre in der Region zwischen Elbe und Weser verschwanden. Nur in einem Fall wurde eine Leiche gefunden. Wie berichtet, geht der ehemalige Chef des Hamburger Landeskriminalamtes, Reinhard Chedor, den Schicksalen der Frauen nach.

Nach Berichten in der Nordsee-Zeitung haben sich zahlreiche Frauen aus dem Raum zwischen Bremerhaven und Cuxhaven gemeldet, die unheimliche Begegnungen geschildert haben. Ob es sich um Wichmann handelte, der sie verfolgte und bedrängte oder jemand anderen, bleibt Interpretationssache. Mindestens drei Frauen sind sich zu 100 Prozent sicher, dass Wichmann es war.
Hinweis in den Akten der Polizei auf Verbindung Wichmanns ins Cuxland
Interessant ist jedenfalls, dass sich sogar in den Akten der Polizei ein Hinweis auf die Verbindung Wichmanns ins Cuxland findet. Die ehemalige Mitarbeiterin der Firma Leppert hatte sich vor Jahren bei der Lüneburger Polizei gemeldet und ihre Erinnerungen geschildert. Es lief ähnlich wie jetzt: Berichte in der Landeszeitung Lüneburg hatten sie an den Kollegen Wichmann denken lassen.
Wieder zurück ins Jahr 1970. Anders als in der heutigen Zeit der großen Supermärkte gab es in den Orten kleine Lebensmittelgeschäfte, die bei anderen Betrieben ihre Ware orderten. Leppert beschäftigte Handelsreisende, die bei Kaufleuten für Produkte warben und Aufträge schrieben. Der Sohn eines Vertreters schildert es so: "Mein Vater war mehrere Tage unterwegs, um die Aufträge einzusammeln." Es habe zwei solcher Reisenden gegeben, die ein Gebiet von Schnackenburg an der Elbe über Dannenberg, Mölln, Uelzen, Stade bis an den Rand Cuxhavens und Ortschaften im Kehdinger oder Hadelner Land abdeckten.
Wichmann hatte "eine große Fresse"
"Dann hat ein Fahrer die Ware ausgeliefert", erinnert sich der Sohn. Er hatte einen Beifahrer dabeigehabt. Denn die Produkte seien nicht wie heute auf Paletten gestapelt gewesen, sondern in einzelnen Kartons. Die Fahrer, es habe zwei oder drei gegeben, hätten einen Helfer dabeigehabt. Man sei frühmorgens gestartet, habe 25 bis 30 Kaufleute "abgeklappert" und sei abends nach Lüneburg zurückgekehrt: "Eine Tour dauerte so lange, wie sie eben dauerte."
Er selber habe als Jugendlicher während der Ferien in der Firma gejobbt und so Wichmann kennengelernt: "Er war ein unangenehmer Zeitgenosse. Nicht unfreundlich, aber er hatte eine große Fresse. Er war sozial nicht kompatibel." Er erinnert sich daran, dass Wichmann einen "großen Mercedes" gefahren habe: "Das war ungewöhnlich, konnten sich die anderen nicht leisten - und dann so sein junger Mann." An dem Wagen habe Wichmann "herumgeschweißt", mit einem "Kumpel", so habe er es erzählt. Das Auto sei goldfarben lackiert gewesen, die Front habe an eine S-Klasse erinnert.
Kündigung, nachdem Vergewaltigung bekannt wird
Eines Tages sei sein Vater nach Hause gekommen und habe gesagt, der Chef, Joachim Leppert, habe Wichmann gekündigt. "Das war, als die Vergewaltigung bekannt wurde." Leppert habe gesagt, so einen Mann könne man nicht beschäftigen.
Zur Erinnerung: Wichmann hatte 1970 eine junge Frau als Anhalterin mitgenommen, sich an ihr vergangen. Er hatte sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Das Landgericht Lüneburg ging später davon aus, dass er sie töten wollte. Doch der Frau war es gelungen, Wichmann zu überreden, sie laufen zu lassen. Sie erstattete Anzeige, die Polizei schaltete die Öffentlichkeit ein. Wichmann fand sich im Zeitungsartikel nicht richtig dargestellt - er meldete sich bei der Kripo. Die nahm ihn fest.
Auch die ehemalige Auszubildende, damals 17 Jahre alt, kann noch einiges erzählen. Auf sie machte Wichmann einen anderen Eindruck: "Er war sehr höflich und freundlich. So haben sich Mütter damals ihre Schwiegersöhne vorgestellt." Einmal habe er angeboten, sie nach Hause zu fahren. Eigentlich sei das für sie unüblich gewesen, es habe damals gegolten: "Mit Fremden fährt man nicht mit." Fremd scheint Wichmann, damals Anfang 20, ihr geblieben zu sein.
Wagen in der Nähe der Firma bei einer Autowerkstatt geparkt
Die Firma Leppert lag am Sand, mitten in Lüneburg. Sie selber wohnte an der Schützenstraße, ein paar Kilometer entfernt. Einmal habe Wichmann sie mitgenommen, sie sei aber an einer Straßenecke ausgestiegen: "Ich wollte nicht, dass er weiß, wo ich wohne." Sie interessierte, wie er sich so einen Wagen leisten konnte: "Er habe ihn von seinem Onkel, hat er gesagt." Geparkt habe er seinen Wagen in der Nähe der Firma Leppert bei einer Autowerkstatt.
Wichmann habe auch eine andere Kollegin gefragt, ob er sie nach Hause bringen sollte. "Die wohnte in Neu Darchau, die wollte das aber nicht." Das Dorf an der Elbe liegt eine knappe Dreiviertelstunde mit dem Auto von Lüneburg entfernt.
500 bis 600 Kunden wurden angesteuert
Wichmann habe ein halbes Jahr oder etwas länger für Leppert gearbeitet. Die ehemalige Angestellte berichtet ebenfalls von den Touren in Richtung Bremerhaven und Cuxhaven, die Wichmann begleitet habe. Insgesamt habe die Senf- und Essigfabrik wohl so 500 bis 600 Kunden besessen, die regelmäßig angesteuert wurden. Auch von Wichmann.
Die Kollegen von damals, die mit Wichmann zu tun hatten, dürften größtenteils nicht mehr leben: "Die waren damals 30, 40 Jahre alt, rechnen Sie die Zeit dazu." Von mehreren wisse sie, dass sie gestorben seien. Das gelte auch für die Fahrer, die Wichmann begleitet habe. Die Firma Leppert sei später an das Hamburger Unternehmen Kühne verkauft worden. Heute existiert sie nicht mehr.
Kaum Unterlagen im Stadtarchiv zur Firma Leppert
Eine Nachfrage im Stadtarchiv ergibt: Man besitze kaum Unterlagen zu dem Betrieb, auch keine Korrespondenz, aus der man schließen könnte, wen Leppert beliefert hat. Was sich allerdings ergibt: Wichmann hat den Bereich vom Wendland über Stade, Drochtersen bis Cuxhaven und Bremerhaven im Wortsinne erfahren. Vor allem eben auch die Orte, die abseits der Bundesstraßen lagen. Solche Orte, wo es zu unheimlichen Begegnungen kam.
Von Carlo Eggeling