Generation Z im Kreis Cuxhaven: Wollen junge Menschen wirklich weniger arbeiten?
Arbeitsscheu, anspruchsvoll, wenig loyal? Über die Generation Z kursieren viele Vorurteile. IAB-Forscher Timon Hellwagner erklärt, was die Arbeitsmarktdaten tatsächlich zeigen und warum die Debatte auch für Betriebe im Kreis Cuxhaven relevant ist.
Will die Generation Z wirklich nicht mehr arbeiten? Dieser Vorwurf hält sich hartnäckig. Anlass ist unter anderem eine aktuelle Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die das Arbeitsmarktverhalten junger Menschen genauer untersucht. Was an den gängigen Klischees dran ist, wie sich die Generation Z tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt verhält und was das für Arbeitgeber - auch im Kreis Cuxhaven - bedeutet, erklärt IAB-Forscher Timon Hellwagner im CNV-Medien-Interview mit Redakteurin Tamina Francke.
Herr Hellwagner, "die jungen Leute wollen nicht mehr arbeiten" - diesen Satz hört man derzeit häufig. Was sagen die Zahlen zu diesem Vorwurf?
Debatten zu vermeintlichen oder tatsächlichen Unterschieden zwischen jüngeren und älteren Generationen gab es schon immer, insofern ist das nicht neu. Die uns vorliegenden Arbeitsmarktstatistiken stützen die Klischees einer mangelnden Arbeitsbereitschaft der Gen Z jedenfalls nicht.
Gleichzeitig werden die Vier-Tage-Woche, Work-Life-Balance oder Sabbaticals häufig mit der Generation Z verbunden. Hat sich die Einstellung junger Menschen zur Arbeit tatsächlich verändert?
Viele dieser Themen lassen sich nur schwer messen, gerade zwischen Generationen. Denn für solche Vergleiche benötigen wir statistische Daten, die über viele Jahrzehnte gesammelt werden und die liegen oftmals nicht vor. Wir können aber auf Daten für jüngere und ältere Erwerbstätige heutzutage blicken. Dort sehen wir, dass etwa die Vier-Tage-Woche in allen Altersgruppen auf Zuspruch stößt.
Was ist jungen Menschen bei der Arbeit heute wichtig? Und lassen sich dabei überhaupt Unterschiede zu älteren Beschäftigten feststellen?
Umfragen zeigen auch, dass junge Menschen mehr als ältere Wert darauf legen, im Homeoffice arbeiten zu können. Gleichzeitig kann man davon nicht auf einen systematischen Unterschied zwischen Generationen schließen. Denn als andere Generationen im Alter der heutigen Gen Z waren, da gab es Homeoffice in der Form schlicht noch nicht.
Wenn solche Einstellungen nur schwer über Generationen hinweg vergleichbar sind: Was lässt sich anhand von Arbeitsmarktdaten tatsächlich über die Arbeitsbereitschaft junger Menschen sagen?
Aussagekräftige Analysen stützen sich auf Arbeitsmarktdaten zur Erwerbsbeteiligung oder auch zu den wöchentlichen Arbeitszeiten. Daran lässt sich gut und über lange Zeiträume messen, ob und in welchem Umfang junge Menschen am Arbeitsmarkt teilnehmen.
Wie hat sich diese Erwerbsbeteiligung in den vergangenen Jahren entwickelt?
Wir haben uns die Entwicklung unter den 20- bis 24-Jährigen über die letzten Jahrzehnte angesehen. Dabei zeigt sich: Die Erwerbsbeteiligung ist von knapp unter 70 Prozent im Jahr 2015 auf 76,8 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Einen solchen Wert gab es unter den 20- bis 24-Jährigen zuletzt Mitte der 1990er Jahre. Das ist gerade deswegen spannend, weil 2015 das Jahr war, in dem der erste Jahrgang aus der Gen Z in diese Altersgruppe vorgerückt ist - und zwar jene, die 1995 geboren wurden. Anders ausgedrückt: Seit die Gen Z in den Arbeitsmarkt eingetreten ist, kletterte die Erwerbsbeteiligung unter den 20- bis 24-Jährigen auf den höchsten Stand seit knapp drei Jahrzehnten. Das widerspricht klar den gängigen Klischees zur Gen Z. Ein genauerer Blick in die Daten zeigt außerdem, dass diese Entwicklung vor allem bei Studierenden zu beobachten ist, da diese immer häufiger Nebenjobs ausüben.
Nun sagt die Erwerbsbeteiligung zunächst nur, ob jemand arbeitet. Wie sieht es aus, wenn man betrachtet, wie viel junge Menschen arbeiten wollen?
Es gilt zu bedenken, dass viele im Alter von 20 bis 24 Jahren noch studieren. Hier steht das Studium im Fokus, nicht der Nebenjob, weshalb die wöchentliche Arbeitszeit niedriger liegt. Wenn man aber Studierende und geringfügig Beschäftigte ausklammert, sehen wir, dass sich die gewünschte wöchentliche Arbeitszeit bei jungen Männern nicht vom Durchschnitt unter Männern aller Altersgruppen unterscheidet. Bei jungen Frauen liegt die gewünschte wöchentliche Arbeitszeit sogar höher.

Ein weiteres Vorurteil lautet, junge Beschäftigte seien weniger loyal und wechselten schneller den Arbeitgeber. Lässt sich das in den Daten beobachten?
Tatsächlich zeigt die Arbeitsmarktstatistik, dass jüngere Beschäftigte öfter den Job wechseln. Wichtig ist aber, dass das keine neue Entwicklung und keine Besonderheit der Gen Z ist. Jüngere haben auch in der Vergangenheit, also in den Generationen vor der Gen Z, schon häufiger den Job gewechselt als Ältere. Das mag daran liegen, dass der erste Job vielleicht noch nicht der richtige ist, oder aber auch daran, dass Jüngere noch deutlich öfter befristet beschäftigt sind.
Wenn man Erwerbsbeteiligung, Arbeitszeit und Jobwechsel zusammennimmt: Wie viel bleibt dann vom Bild der "arbeitsunwilligen Gen Z" übrig?
Angesichts der steigenden Erwerbsbeteiligung, gerade unter Studierenden, oder auch mit Blick auf die Arbeitszeitwünsche von Jüngeren, die ähnlich oder sogar höher liegen als bei den Älteren, bleibt davon tatsächlich wenig übrig.
Wie erklären Sie sich dann, dass die öffentliche Wahrnehmung teilweise eine ganz andere ist?
Einerseits hatten Generationsvergleiche schon immer Konjunktur. Die Diskussion, ob die jüngere Generation fauler sei als die ältere, ist also nichts Neues. Andererseits mögen auch neue Kommunikationsformen eine Rolle spielen. Heute werden Arbeitsbedingungen und -wünsche in sozialen Medien diskutiert, mit großer Reichweite. Auch das kann die öffentliche Wahrnehmung prägen.
Für Betriebe stellt sich allerdings unabhängig von solchen Klischees ein ganz praktisches Problem: Auch im Kreis Cuxhaven wird es schwieriger, junge Arbeitskräfte zu finden. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Gründe dafür?
Ein Hauptgrund ist sicher die demografische Entwicklung. Jene Jahrgänge, die aktuell und in den kommenden Jahren in Rente gehen, sind viel größer als die, die jetzt in den Arbeitsmarkt nachrücken. Anfang bis Mitte der 1960er Jahre, dem Höhepunkt des Babybooms, gab es in Deutschland jährlich rund 1,3 Millionen Geburten. Die Jahrgänge der Gen Z sind viel kleiner, im Mittel etwa 700.000 Geburten pro Jahr. Das erzeugt ein demografisches Minus und es wird dadurch schwieriger, Stellen nachzubesetzen. Auch die Gen X und die Millenials, also die Generationen zwischen den Babyboomern und der Gen Z, waren noch etwas stärker besetzt. Es rücken also aus demografischen Gründen immer weniger Junge nach, das macht es für Betriebe schwieriger.
Besonders herausfordernd dürfte das für Branchen wie Pflege, Gastronomie oder Handwerk sein, in denen Homeoffice oder völlig flexible Arbeitszeiten kaum möglich sind. Haben sie im Wettbewerb um junge Menschen zunehmend einen Nachteil?
Auch den Jungen ist bewusst, dass Homeoffice und flexible Arbeitszeiten nicht in jedem Beruf gleichermaßen möglich sind. Entscheidend ist, dass Interessen und Berufswahl zusammenfallen. Dazu braucht es eine zielgerichtete Berufsberatung, die dafür sorgt, dass junge Menschen mit ihren Stärken in den entsprechenden Berufen landen, dort auch bleiben und sich weiterentwickeln.
Was können vor diesem Hintergrund gerade kleinere Arbeitgeber im Kreis Cuxhaven tun, um junge Menschen zu gewinnen und langfristig zu halten?
Es geht nicht darum, jeden vermeintlichen Trend aufzunehmen und umzusetzen. Wichtig ist, jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung aufzuzeigen und zu ermöglichen - wie auch bei anderen Generationen. Und schließlich können Veränderungen wie ein stärkerer Wunsch nach Homeoffice auch von der anderen Seite gedacht werden: Wer nicht jeden Tag in das Büro pendeln muss, nimmt womöglich längere Pendeldistanzen in Kauf. Der Kreis potenzieller künftiger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kann dadurch auch größer werden.
Viel gesprochen wird darüber, was Arbeitgeber verändern müssen. Was müssen umgekehrt junge Beschäftigte mitbringen, um sich auf eine Arbeitswelt einzustellen, die sich immer schneller verändert?
Hier lassen sich ähnliche Themen wie auch bei älteren Erwerbstätigen anführen. So ist etwa der Abschluss der Ausbildung oder des Studiums nicht auch das Ende des eigenen Bildungswegs. Grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt, wie zum Beispiel der großflächige Einsatz von künstlicher Intelligenz, erfordern stetiges Lernen und Weiterentwickeln.
Ist die Generation Z am Ende also tatsächlich eine besondere Arbeitnehmergeneration - oder erleben wir vor allem eine neue Variante der alten Klage über "die Jugend von heute"?
Vieles spricht dafür, dass das eine Neuauflage bekannter Debatten ist. Statt Unterschiede zwischen Generationen zu suchen, sollte es darum gehen, generationenübergreifend die Arbeitswelt von morgen zu gestalten. Der demografische Wandel ist eine große Herausforderung und die Tatsache, dass die Erwerbsbeteiligung unter Jüngeren so hoch liegt wie seit Jahrzehnten nicht mehr, ist eine ermutigende Beobachtung.
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