Martina Buhlmann (l.), Ulrike Reiter (2.v.l.), Mirian Breuer (2.v.r.) und Fatma Akcun (r.) arbeiten beim Paritätischen Cuxhaven in den Frauenschutzprojekten. Foto: Brettschneider
Martina Buhlmann (l.), Ulrike Reiter (2.v.l.), Mirian Breuer (2.v.r.) und Fatma Akcun (r.) arbeiten beim Paritätischen Cuxhaven in den Frauenschutzprojekten. Foto: Brettschneider
Tag gegen Gewalt an Frauen

Gewalt beginnt nicht mit der Faust, sondern mit Liebe: Frauenschutz in Cuxhaven

von Bengta Brettschneider | 26.11.2024

Die Frauenschutzprojekte des Paritätischen in Cuxhaven verzeichnen steigende Zahlen bei häuslicher Gewalt. "Wie bekommen wir Männer in die Verantwortung", fragen sich die Leitungen von der Frauenberatung, dem Frauenhaus und der Beratungsstelle.

Seit fast 25 Jahren existiert die aktuelle Form der "Frauenberatung". Nach wie vor gilt diese Arbeit aber noch als Projekt und hat keine feste Finanzierung. Alle fünf Jahre muss sie neu verhandelt werden, führt Ulrike Reiter aus, Leitung der Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, kurz "Biss". Sie ist seit 17 Jahren dabei und verzeichnet rund 500 Meldungen häuslicher Gewalt pro Jahr und nahm im Jahr 2023 zu 420 betroffenen Personen Kontakt auf. Die Daten werden durch die Polizeiinspektion an sie weitergegeben, und sie nimmt dann proaktiv den Kontakt zu den Betroffenen auf. Die Beratung sei freiwillig und der Einsatz durch die Polizei sei häufig der erste Kontakt zur Öffentlichkeit in Bezug auf die häusliche Gewalt. Diese Form der Beratung sei nur eine Akut-Beratung, in der Ulrike Reiter den Frauen Informationen geben könne. Wie können sie Anzeige erstatten? Was ist eine richterliche Anordnung? Das Angebot umfasst bis zu drei Treffen. Innerhalb von fünf Jahren würde sie die Frauen häufig wiedersehen, da es erneut zu häuslicher Gewalt gekommen sei. Auch 441 Kinder und Jugendliche waren im Landkreis und in der Stadt Cuxhaven als Zeugen von Partnergewalt mittel- und unmittelbar betroffen.

Prozentuale Verteilung liegt bei über 80 Prozent weiblichen Opfern

Gewalt an Frauen findet dabei völlig unabhängig von der Bildungs- und Sozialschichtzugehörigkeit statt und nicht nur in Randgruppen der Gesellschaft, erläutert Reiter. Auch von häuslicher Gewalt betroffene Männer erhalten über die "Biss" ein Beratungsangebot, betont sie. Dabei solle aber nicht unerwähnt bleiben, dass die prozentuale Verteilung nach wie vor bei über 80 Prozent weiblichen Opfern liegt. Bei genauerer Betrachtung konnte dabei außerdem festgestellt werden, dass es sich bei dem überwiegenden Teil der Anzeigen durch Männer um gegenseitige Körperverletzung handelte. Die Männer wiesen kleinere Verletzungen wie Kratzer auf, während bei den Frauen Würgemale, Hämatome oder Brüche festgestellt werden konnten. Zusätzlich kommt es häufig auch zu Auseinandersetzungen zwischen überwiegend männlichen Familienangehörigen.

Frauen können nicht einfach die Tür öffnen und gehen

In der Frauen- und Mädchenberatung können sich Frauen freiwillig und kostenlos bei Mirian Breuer beraten lassen. Viele glauben, dass es besser wird, erläutert sie. Sie würden sich nicht von ihrem Mann trennen wollen, weil sie den Kindern nicht den Vater nehmen wollen. Erst durch die Gespräche würde Betroffenen dann häufig klar werden, wie lange sie schon der Gewalt ausgesetzt sind und welche Anpassungsstrategien sie entwickelt haben, um diese Gefahr zu minimieren. Das Selbstbewusstsein der Frauen würde immens sinken, beschreibt Mirian Breuer. Die Schuldgefühle seien groß. "Frauen können nicht einfach die Tür öffnen und gehen", sagt Breuer. Es hänge zu viel daran. Der Job, die Freunde, die Schule der Kinder. Außerdem würde sich häufig die Angstspirale in Gang setzen, die sie davon abhalten würde, wirklich zu gehen. "Was man kennt, macht einen sicher. Man glaubt, die Situation dadurch beherrschen zu können", führt sie aus.

Auch der Wohnungsmarkt hält viele Frauen von einer Trennung ab

Neue Handlungsmuster müssen erst erlernt werden. In den meisten Fällen hätten die Frauen nämlich bereits einen gewalttätigen Vater gehabt oder befinden sich in einer zweiten oder dritten gewalttätigen Beziehung. Diese Beziehungen würden nicht mit Gewalt beginnen, sondern mit Liebe führt Mirian Breuer aus. Die Sehnsucht nach jemandem, der sich kümmert und sorgt, sei häufig groß, sodass Kontrolle, Isolation von Freunden und auch emotionale Gewalt nicht sofort auffallen würden. 

Wenn es in der Beziehung Kinder gibt, würde es noch schwieriger werden. Auch der Wohnungsmarkt halte viele Frauen davon ab, sich zu trennen. Das Jobcenter zahle beispielsweise nur eine Wohnung und vielerorts müssten die Frauen auch einen Tagessatz für die Unterbringung im Frauenhaus bezahlen, erläutert Martina Buhlmann, Leitung des Frauenhauses. Je mehr Kinder die Frau hat, umso schwieriger sei es außerdem, eine Wohnung zu finden. Noch schwieriger würde es für die Frauen werden, wenn sie keinen deutschen Namen hätten oder ihre Sprachkenntnisse nicht ausreichen würden. Die Situation ließe sich nicht beschönigt darstellen, fügt Martina Buhlmann hinzu. Zudem müssten Frauen in der Umgebung bleiben, wenn sie Kinder haben. "Das Jugendamt gewährt einen Radius von 100 Kilometern, damit der Vater weiterhin Umgang zum Kind haben kann."

"Frauen müssen sich trennen, wenn ihr Partner gewalttätig ist. Frauen müssen die Kinder schützen. Frauen müssen sich mit ihrem Täter an einen Tisch setzen und vor den Kindern gut über ihn reden, sonst stellen sie ihn schlecht dar und beeinflussen die Kinder. Frauen gehen zur Beratungsstelle, wenn ihnen Gewalt angetan wurde. Warum heißt es an jedem zweiten Tag, dass eine Frau Opfer von Gewalt geworden ist, und nicht dass an jedem zweiten Tag ein Mann Täter geworden ist? Wie bekommen wir die Männer in die Verantwortung?", fragt sich Martina Buhlmann.

Aktionswoche zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Der 25. November ist der internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Bundesweit finden in der Woche bis zum 29. November landesweite Aktionen statt, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Laut dem Bericht des Bundeskriminalamts 2023 starben 360 Frauen oder Mädchen durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners in Deutschland.

Erst Anfang November war es in Buxtehude zu einem Femizid gekommen. Der Täter hatte seine Ex-Partnerin mit brennbarer Flüssigkeit übergossen und angezündet. Der Begriff "Femizid" bedeutet die Tötung von Frauen wegen ihres Geschlechts oder wegen bestimmter Vorstellungen von Weiblichkeit.

"Fast jeden Tag sehen wir einen Femizid in Deutschland. Alle drei Minuten erlebt eine Frau oder ein Mädchen in Deutschland häusliche Gewalt. Jeden Tag werden mehr als 140 Frauen und Mädchen in Deutschland Opfer einer Sexualstraftat", führte Bundesinnenministerin Nancy Faeser auf einer Pressekonferenz aus, in der sie erstmals das Lagebild zu "geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten" anlässlich des 25. Novembers veröffentlichte.

Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?

(1 Stern: Nicht gut | 5 Sterne: Sehr gut)

Feedback senden

CNV-Newsletter

Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.


Top Nachrichten



Bild von Bengta Brettschneider
Bengta Brettschneider

Volontärin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

bbrettschneider@no-spamcuxonline.de

Lesen Sie auch...
Für die Bundeswehr ausgebaut

Milliarden für Bremerhavens Hafen: Pistorius will Einigung im September verkünden

Die Milliarden-Investitionen in den Bremerhavener Hafen stehen. Mehr als 40 Projekte können starten. Ende September soll Verteidigungsminister Boris Pistorius die Einigung verkünden. Was geplant ist - und wo noch Millionen fehlen.

Rat muss entscheiden

Keine kollektive Begeisterung bei Wohnprojekt in der Stadt Hemmoor

von Egbert Schröder

Wohnraum ist knapp - auch in Hemmoor. Jetzt sollen im Stadtteil Basbeck ein größerer Gebäudekomplex und weitere Mehrfamilienhäuser entstehen. Die Planung stößt nicht bei jedem Anwohner auf Begeisterung.

Rettung oder Aus?

Jugendherberge Wingst: Rettungsplan mit dreijähriger Pacht zur Probe

von Wiebke Kramp

Die Jugendherberge Wingst steht vor der Schließung. Bürgermeister Pawlowski und die Tourismus GmbH kämpfen um die Rettung und erwägen eine dreijährige Pacht als Übergangslösung. Die Zukunft des Standorts steht auf dem Spiel.

725. Dorfjubiläum

Wingst-Oppeln feiert ein großes Dorffest

von Wiebke Kramp

Das Dorf Oppeln in Wingst lädt zum 725-jährigen Jubiläum ein. Am 29. August verwandelt sich die Dorfmitte in eine Feiermeile mit Gottesdienst, Mannschaftsspielen, Tanzshows und Musik der Oppeln Beats.