Akustik oder Optik? Lärmschutzwände in Hemmoor und Hechthausen sind umstritten
"Wir machen Deutschland leiser": Die Bahn will Lärmschutzmaßnahmen an den Bahnstrecken umsetzen - so jetzt auch in Hemmoor und Hechthausen. Anwohner haben die Qual der Wahl: Hohe Schallschutzwände oder doch lieber der bekannte Zuglärm?
Sie müssen sich entscheiden: Wollen sie weiterhin dem Zuglärm ausgesetzt sein oder wird vor ihren Häusern eine meterhohe und weitgehend blickdichte Lärmschutzwand hochgezogen? In Hemmoor und Hechthausen sollten sich betroffene Anlieger zügig äußern, welche Alternative sie bevorzugen. Die Deutsche Bahn möchte dort die Geräuschbelästigung durch den Zugverkehr verringern. Aber der Preis ist so manchem Anwohner zu hoch. Es geht am Ende um optische oder akustische Beeinträchtigungen.
Zum Teil leben sie schon seit mehreren Jahrzehnten direkt an der Bahnlinie Cuxhaven-Hamburg, aber um die Lärmbelästigung der Anlieger hat sich die Deutsche Bahn in dieser Zeit wenig bis kaum gekümmert. Doch das ändert sich anscheinend nach und nach durch das Investitionsprogramm "Lärmsanierung an bestehenden Schienenwegen des Bundes".
Unter der Überschrift "Wir machen Deutschland leiser" sollen Anwohner lärmtechnisch entlastet werden, die entlang der Bahnstrecken ihre Häuser und Wohnungen haben: "Das heißt für uns, an die Menschen zu denken, die an der Schiene wohnen. Denn der Schienenverkehr ermöglicht kein geräuschloses Fahren. Zugleich benötigen wir als Deutsche Bahn aber die Akzeptanz der Anwohnenden. Nur so können wir mehr Verkehr auf die klimafreundliche Schiene verlagern", heißt es im Konzern.
Über zwei Milliarden Euro bereits investiert
Bundesweit seien seit dem Start des Programms mehr als 2,1 Milliarden Euro investiert worden. Ein Ende ist nicht in Sicht; das zeigt sich nun auch in Hemmoor und Hechthausen. Anwohnerinnen und Anwohner ausgewählter Streckenabschnitte hatten von der Bahn eine Einladung zu einem Info-Abend erhalten, da in ihrem Umfeld möglicherweise Lärmschutzmaßnahmen erfolgen sollen oder können. Externe Gutachter hatten zuvor in Berechnungsmodellen ermittelt, wo in Wohngebieten die sogenannten "Auslösewerte" überschritten werden und eigentlich angesichts des Lärms Handlungsbedarf besteht.
Schallschutz in zwei Varianten
Die Rechenmodelle haben ergeben, dass in Hechthausen ein rund 370 Meter langer Streifen in der Nähe der Waldstraße betroffen ist. Lärmschutzwände würden dort optisch kaum wahrnehmbar sein, da es zwischen Gleis und Wohngebiet dichten Baumbewuchs gäbe. Anders die Situation in Hemmoor: Dort wurden mehrere Hundert Meter vom Bahnhof in Richtung Basbeck ins Visier genommen, wobei zu beiden Seiten des Schienenweges drei Meter hohe Lärmschutzwände entlang von Wohnhäusern errichtet werden könnten.

Bei diesen Wänden handelt es sich um einen sogenannten "aktiven Schallschutz". Daneben gibt es noch einen "passiven Schallschutz" durch bauliche Maßnahmen an bestimmten Häusern (unter anderem Austausch von Fenstern, Türen und Rollladenkästen). Diese passiven Maßnahmen müssten die Immobilieneigentümer zu 25 Prozent selbst finanzieren müssen. Bei den ("aktiven") Schallschutzwänden würde der Bund über das Programm die Kosten komplett tragen.
Ob und was in Hemmoor und Hechthausen überhaupt angesagt ist, ist bislang aber nicht in Stein gemeißelt. "Wir befinden uns ganz am Anfang des Prozesses", erläuterte Projektleiterin Freya Sieger beim Info-Abend in Hemmoor. Nachdem der Gutachter die Bereiche für (mögliche) Maßnahmen zur Lärmreduzierung skizziert habe, gehe es jetzt darum, die weitere Vorgehensweise abzuklären. Sollte sich zeigen, dass der Großteil der betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner insbesondere angesichts der Sichtbeeinträchtigung kein Interesse am Bau einer Lärmschutzwand hätte, würde man das Thema zu den Akten legen. Doch gleichzeitig erläuterte sie, dass es in der Praxis problematisch sei, einen solchen Mehrheitswillen zu erkennen. Sie rief mehrfach dazu auf, sich im Verfahren deutlich zu äußern und möglicherweise auch Unterschriftenlisten zu starten: "Wir möchten nichts gegen den Willen der Bevölkerung umsetzen. Aber: Wir wissen leider manchmal auch nicht, was vor Ort tatsächlich gewünscht ist."
Baubeginn frühestens in drei Jahren
Als Beleg für ihre Aussage diente auch die Info-Veranstaltung in Hemmoor. Einzelne Stimmen wurden laut, dass der Bau einer Lärmschutzwand sinnvoll sei, um den Zuglärm endlich zu reduzieren. Andere Anlieger haben dagegen kein Interesse daran, dass ihnen "eine Wand vor die Nase gesetzt wird" und man künftig vom Balkon aus auf eine mindestens drei Meter hohe und möglicherweise durch Graffiti beschmierte Mauer in wenigen Metern Entfernung blicke.
Sollte es zu Lärmschutzmaßnahmen kommen, würden diese angesichts der dann notwendigen Baumaßnahmen und Teilsperrungen der Bahnstrecke frühestens in drei Jahren starten. Notwendig seien aber bereits in den nächsten Monaten eindeutige Rückmeldungen aus der Bevölkerung.