Der Hemmoorer Kinder- und Jugendbeirat diskutiert über die Bürgermeisterwahl ab 18
Sollten Bürgermeister und Landräte schon mit 18 Jahren gewählt werden können? Der Kinder- und Jugendbeirat Hemmoor sieht Chancen, aber auch Herausforderungen. Im Interview sprechen die Mitglieder über Verantwortung, Beteiligung und ihre Projekte.
Die Niedersächsische Kinder- und Jugendkommission hat vorgeschlagen, das Mindestalter für Bürgermeisterinnen, Bürgermeister, wie auch für Landrätinnen und Landräte von derzeit 23 auf 18 Jahre zu senken. Die Kommission begründet ihren Vorstoß damit, dass junge Volljährige bereits für kommunale Vertretungen, Landtage, den Deutschen Bundestag und das Europäische Parlament kandidieren sowie theoretisch Ämter wie Ministerpräsidentin, Ministerpräsident, Bundesministerin, Bundesminister oder Bundeskanzlerin beziehungsweise Bundeskanzler übernehmen können. Für die Spitze einer Kommune bislang jedoch nicht.
Wie bewerten junge Menschen selbst diese Diskussion? Darüber haben der Vorsitzende des Kinder- und Jugendbeirats Leo Stelling, die stellvertretende Vorsitzende Fionna Diehr, Beiratsmitglied Yasmin Maag und Philipp Schultz vom Paritätischen im Interview mit Bengta Brettschneider gesprochen. Dabei ging es nicht nur um die Debatte auf Landesebene, sondern auch um die Arbeit des Kinder- und Jugendbeirats Hemmoor, aktuelle Projekte und die politische Beteiligung junger Menschen vor Ort. Im Vorfeld wurde sich darauf verständigt, im Gespräch das Du zu verwenden.
Welche Eigenschaften sind Eurer Meinung nach für einen Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin wichtiger als das Alter?
Leo Stelling: Mit Menschen reden und auf sie zugehen zu können. Ich glaube, es ist auch wichtig, Menschen einschätzen zu können. Fachliches Wissen gehört ebenfalls dazu, zum Beispiel beim Samtgemeindebürgermeister, der gleichzeitig Verwaltungschef ist. Das Zwischenmenschliche muss stimmen. Wichtig ist auch, andere Meinungen als die eigene einzuholen. Außerdem braucht man Pflichtbewusstsein, damit man die Aufgabe nicht einfach "larifari" macht.
Fionna Diehr: Die Person sollte vertrauenswürdig und verantwortungsbewusst sein.
Könnt ihr Euch vorstellen, später selbst einmal für ein politisches Amt zu kandidieren?
Yasmin Maag: Ja, aber erst später. Ich möchte zunächst mein Abitur machen, eine Ausbildung absolvieren und eine Familie gründen.
Leo Stelling: Mein Ziel ist es, später in der Verwaltung zu arbeiten und irgendwann auch Samtgemeindebürgermeister zu werden. Aktuell kann ich mir aber noch nicht vorstellen, ein so wichtiges Amt zu übernehmen. Mit 18 beginnt für viele ein neuer Lebensabschnitt. Man zieht vielleicht von zu Hause aus, sammelt neue Erfahrungen, lernt andere Menschen kennen und erweitert seinen Horizont. Bevor man die Verantwortung für eine ganze Kommune übernimmt, sollte man diese Erfahrungen erst einmal machen.
Fionna Diehr: Ich kann mir nicht vorstellen, Bürgermeisterin zu werden. Ich habe andere berufliche Vorstellungen.

Welche Herausforderungen könnte das Amt für 18-Jährige mit sich bringen?
Leo Stelling: Die Amtszeit wurde von vier auf acht Jahre verlängert. Wer mit 18 Jahren gewählt wird, würde das Amt also bis zum 26. Lebensjahr ausüben. Das ist eine lange Zeit und bringt viel Verantwortung mit sich. Viele junge Menschen möchten nach der Schule ins Ausland gehen, eine Ausbildung machen oder studieren. Das lässt sich nur schwer mit einem solchen Amt vereinbaren. Außerdem fehlt oft noch Lebenserfahrung. Ich weiß zum Beispiel selbst noch nicht, wie eine Steuererklärung funktioniert - soll aber gleichzeitig eine Kommune führen?
Yasmin Maag: Würde man solche Themen stärker in der Schule behandeln, würden sich sicher mehr Jugendliche zutrauen, ein solches Amt zu übernehmen.
Philipp Schultz: Die eigene berufliche Entwicklung wäre zunächst einmal aufgeschoben. Wir haben darüber schon viel diskutiert. Ich finde aber, dass jede und jeder die Möglichkeit dazu bekommen sollte, auch wenn die praktische Umsetzung schwierig sein kann.
Leo Stelling: Hinzu kommt, dass die Aufwandsentschädigung vergleichsweise gering ist. Im Landtag oder Bundestag ist sie deutlich höher. Gleichzeitig bleibt mit 18 Jahren wenig Zeit für einen Nebenjob oder eine Ausbildung.
Werden junge Menschen Eurer Meinung nach häufig unterschätzt?
Yasmin Maag: Es kommt häufiger vor, dass man junge Menschen für zu jung hält, als dass man ihnen vertraut. Mittlerweile hört man uns zu, aber das hat lange gedauert.
Fionna Diehr: So würde es wahrscheinlich auch einer jungen Bürgermeisterin oder einem jungen Bürgermeister gehen. Die Person bräuchte vermutlich ein oder zwei Jahre, bis sie wirklich anerkannt wird.

Welche Projekte plant der Kinder- und Jugendbeirat derzeit?
Leo Stelling: Wir wollen einen Podcast starten und haben dafür einen Antrag auf entsprechendes Equipment gestellt. Darin soll es auch um Kinder- und Jugendbeteiligung gehen. Wir möchten Menschen aus der Verwaltung, aus dem Jugendzentrum und aus der Politik einladen. Außerdem wollen wir berichten, woran der Beirat gerade arbeitet. So planen wir beispielsweise ein Jugendfestival am 19. September.
Fionna Diehr: Außerdem arbeiten wir am Projekt "Schutzengel". Wir haben Geschäfte angefragt, ob sie mitmachen möchten. Sie erhalten ein sichtbares Zeichen für ihr Schaufenster. Kinder und Jugendliche können dort hineingehen, wenn sie Hilfe brauchen oder dringend telefonieren müssen.
Leo Stelling: Wir haben viele Flyer verteilt, um auf unseren Instagram-Account aufmerksam zu machen. Außerdem ist das "B4" auf der Plattform "PlaceM" vertreten. Der QR-Code hängt im Fenster. Dort gibt es aktuelle Informationen darüber, was gerade los ist. Die Plattform ist elternfreundlich und datenschutzkonform. So erreichen wir auch Kinder, die kein Instagram nutzen oder kein WhatsApp haben.
Was möchtet ihr Kindern und Jugendlichen mit auf den Weg geben?
Yasmin Maag: Alle, die Ideen haben, sollten sich trauen, bei uns vorbeizuschauen. Und sie sollten auf die bunten Flyer achten. Viele Menschen nehmen Flyer gar nicht wahr.
Philipp Schultz: Das ist ein bisschen wie bei einem Start-up-Unternehmen, das zunächst Aufmerksamkeit bekommen muss.
Leo Stelling: Kommt zum Festival. Es wird ein großes Event mitten auf dem Rathausplatz und es ist mit dem Weltkindertag verknüpft.
Yasmin Maag: Zunächst findet die Siegelübergabe zur kinderfreundlichen Kommune statt. Danach gibt es ein Programm für jüngere Kinder und ihre Eltern. Anschließend folgt eine Jugendsession.
Leo Stelling: Den Schulen würde ich gerne sagen, dass sie politische Beteiligung stärker fördern sollten. Das macht Mut und weckt Interesse. Ich würde mir wünschen, dass wir die Möglichkeit bekommen, uns dort ausführlich vorzustellen. Das ist frühe Demokratiebildung - auch mit Blick auf spätere Wahlen. Viele Kinder und Jugendliche sind für politische Arbeit gar nicht mehr sensibilisiert.

Wie war das bei Euch? Wie seid ihr zum Kinder- und Jugendbeirat gekommen?
Yasmin Maag: Bei uns war es eigentlich Zufall. Wir waren auf einem Fest und sind dadurch darauf aufmerksam geworden. Viele wissen gar nicht, wie spannend das ist und wie viel Spaß es macht. Es muss nicht gleich ein Amt sein. Aber sie können auf uns zukommen und ihre Ideen einbringen. Die Leitung von Kinderfreizeiten hat uns viel Selbstvertrauen gegeben. Heute kann ich problemlos vor vielen Menschen sprechen.
Fionna Diehr: Politik und Diskussionen haben oft ein negatives Image. Wir waren bei der Präventionswoche an der Oste-Schule dabei und haben etwas zum Thema Kinderrechte angeboten. Viele Kinder kannten ihre Rechte nicht. Das Interesse war aber da.
Leo Stelling: Dass Jugendliche die Inhalte für Kinder vermittelt haben, hat dabei geholfen. Das Interesse war groß. Deshalb sollen Kinderrechte auch ein Thema unseres Podcasts werden.
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