Erinnerung an NS-Opfer: Kreuz ohne Haken für die Lebenshilfe in Hemmoor
Mit einem "Kreuz ohne Haken" haben die Omas gegen Rechts der Lebenshilfe Cuxhaven in Hemmoor ein Zeichen für Demokratie und Menschenwürde übergeben. Das Datum war bewusst gewählt: Es erinnert an ein Gesetz, das Hunderttausende Menschen entrechtete.
Im Werkhof der Lebenshilfe Cuxhaven am Standort Hemmoor stand am 14. Juli nicht die Arbeit an Produkten oder Projekten im Mittelpunkt, sondern das Erinnern. Die Omas gegen Rechts Hemmoor übergaben dort ein "Kreuz ohne Haken" an Produktionsleiter Denis Lübben und die Mitarbeitenden - als Zeichen für Demokratie, Vielfalt und Menschenwürde.
Dass die Übergabe am 14. Juli stattfand, war kein Zufall. Denn genau an diesem Tag verabschiedeten die Nationalsozialisten 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Es trat am 1. Januar 1934 in Kraft und erlaubte die Zwangssterilisation von Menschen, die nach der NS-Ideologie als "erbkrank" galten. Betroffen waren unter anderem Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen sowie psychischen Erkrankungen. Historiker gehen heute davon aus, dass zwischen 350.000 und 400.000 Menschen zwangssterilisiert wurden. Für viele war das Gesetz der erste Schritt einer Verfolgung, die später in den nationalsozialistischen Krankenmorden endete.
Das Schicksal von Ernst Ueckert
Während der Übergabe erinnerten die Omas gegen Rechts an Ernst Ueckert. Der Familienvater aus Gelsenkirchen hatte nach dem Ersten Weltkrieg mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen. 1933 wurde bei ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Weil diese nach der NS-Ideologie als "Erbkrankheit" galt, ordnete ein Erbgesundheitsgericht seine Zwangssterilisation an. Im August 1934 wurde der Eingriff durchgeführt.
Sieben Jahre später wurde Ernst Ueckert in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht. Am 13. März 1941 wurde er dort gemeinsam mit 62 weiteren Patientinnen und Patienten in der Gaskammer ermordet. Sein Schicksal steht stellvertretend für unzählige Menschen, die zunächst entrechtet und später Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen wurden.

Werkhof setzt auf Teilhabe und neue Ideen
Im Werkhof in Hemmoor arbeiten rund 130 Menschen. "Damit sind wir einer der größten Arbeitgeber in Hemmoor", betont Produktionsleiter Denis Lübben. Der Werkhof entwickelt sich dabei stetig weiter. Ein neues Projekt ist "MaVie - Marktplatz der Möglichkeiten". Über den Namen hatten die Mitarbeitenden selbst abgestimmt. Unter der Marke werden unter anderem gläserne Konserven nach traditioneller Art angeboten - von Suppen und Eintöpfen bis zu Eingemachtem. Verkauft werden die Produkte auch auf dem Hemmoorer Wochenmarkt. Die Resonanz der Kundinnen und Kunden sei bislang durchweg positiv, sagte Lübben.
Lebenshilfe steht für das Gegenteil der NS-Ideologie
Die Lebenshilfe Cuxhaven ist eine Selbsthilfevereinigung von und für Menschen mit Beeinträchtigungen und setzt sich seit ihrer Gründung 1961 für deren Interessen sowie die ihrer Familien ein. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen selbstverständlich dazugehören und die Einzigartigkeit jedes Einzelnen wertgeschätzt wird. Mit vielfältigen Angeboten begleitet sie Menschen mit Beeinträchtigungen auf ihrem Weg zu mehr Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Teilhabe. Dabei prägen Werte wie Individualität, Mitbestimmung, Inklusion und ein respektvolles Miteinander die tägliche Arbeit. Unter dem Leitgedanken "gemeinsam:leben" unterstützt die Lebenshilfe Menschen dabei, möglichst selbstbestimmt zu leben, zu wohnen und zu arbeiten.
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