Hemmoorerin feiert 100. Geburtstag: Geschichte über Heimat, Flucht - und neues Leben
Erika Bartels aus Hemmoor wird 100 Jahre alt. Ihr Leben führte sie von Ostpreußen nach Cuxhaven und dann nach Hemmoor. Sie erlebt Flucht, Verlust und Neuanfang - und bewahrt sich bis heute ihren Glauben und ihre Erinnerungen an eine verlorene Heimat.
Im "Haus der Pflege Ziegelkamper Höhe" in Hemmoor läuft leise das Radio. Sonnenlicht fällt durch die großen Fenster. Erika Bartels sitzt auf ihrem hübschen, geblümten Sofa in ihrem Appartement.
Am Donnerstag (19. März 2026) feiert sie ihren 100. Geburtstag. Auf die Frage, wie man so alt wird, lacht sie. "Das ist mir einfach so passiert", sagt sie. Und fügt hinzu: "Wie der liebe Gott einen macht, so muss man sein." Ein Satz, der ihr Leben spiegelt.

Geboren wurde sie in Nikolaiken, Ostpreußen, heute Mikołajki in Polen - ein landschaftliches Juwel an der Masurischen Seenplatte. Wasser, Wälder, Weite. "Wir haben im Paradies gelebt und wussten es nicht", erinnert sie sich. Es ist die Erinnerung an eine Zeit, die sie jetzt als die schönste ihres Lebens bezeichnet.
Die Familie hatte eigene Gänse, aus deren Federn Kissen gemacht wurden. Der Vater räucherte Maränen (Fisch), die als besondere Delikatesse sogar verschickt wurden. Es sind die kleinen Bilder, die bleiben, wie die an ihren Vater, der sie im Wald auf die Schultern nahm, wenn sie nicht mehr laufen konnte - Erika Bartels kommen die Tränen, als sie sich erinnert.

Flucht und Neuanfang
Während des Zweiten Weltkrieges war in ihrer Heimatstadt die deutsche Abwehr unter Admiral Canaris stationiert. Gegen Ende des Krieges wurde die Stadt während der Ostpreußischen Operation Ende Januar 1945 dann von der Roten Armee besetzt. Erika Bartels war 19 Jahre alt und ihre Familie musste flüchten. Da ihre Schwester als Sekretärin bei der Post arbeitete, wurde auch sie mit in den Postwagen gesetzt.
Ihre Mutter habe damals noch Kleidung vorausgeschickt, erzählt sie - ordentlich genäht vom Schneider, damit sie und ihre Geschwister "ordentlich aussehen". Doch genau das wird ihnen später zum Vorwurf gemacht. "So sehen doch keine Flüchtlinge aus", hören sie. Ein Satz, der sich einprägt.
"Jeder Mensch muss weinen", sagt sie leise. "Ich habe viel geweint." Und doch trägt sie etwas durch diese Zeit: ihr Glaube. "Ich hatte immer einen guten Beschützer - den lieben Gott."

In Cuxhaven das Wasser gesucht
In Hameln lernt sie ihren späteren Mann kennen. Beim Mittagstisch im Restaurant ihrer Schwester war er Gast. 1954 heiraten sie und ein Jahr später wird ihr erster Sohn geboren. Sie erinnert sich daran, dass sie dann, als sie zum ersten Mal in Cuxhaven war, das Wasser gesucht hat. Sie war eine leidenschaftliche Ruderin gewesen in ihrer alten Heimat. Aber in Cuxhaven war Ebbe.
Dort wird sie auch vor die Wahl gestellt: Sie könne beim "Engländer" (Anm.: Cuxhaven gehörte zur britischen Besatzungszone) arbeiten oder in der Fischverarbeitung. Mit ostpreußischer Sturheit habe sie die Arbeit beim "Engländer" abgelehnt. Die Arbeit in "der Fische" sei eine harte Zeit gewesen. Doch sie war tüchtig. "So konnten wir überleben", fügt sie hinzu. Es gab immer etwas zu essen. "Zu Weihnachten sogar Seezunge, meinen Lieblingsfisch."
Später arbeitet sie als Verkäuferin im Modehaus und durch den Lastenausgleich als Flüchtling konnten sie und ihr Mann in Groden ein Haus bauen. 1959 wird ihr zweiter Sohn geboren. "Beide im Juni", erinnert sich die 100-Jährige lächelnd.

Der 90. Geburtstag - Gegenwart und Vergangenheit
Als in den 1970er-Jahren die Ostverträge geschlossen werden, reist sie zurück nach Ostpreußen. Erst mit Geschwistern, später auch mit ihren Kindern.
Auch zu ihrem 90. Geburtstag kehrt sie noch einmal zurück. Sie fliegen nach Warschau und fahren weiter nach Nikolaiken. In einem Hotel auf dem Nikolaiker See soll gefeiert werden, als es plötzlich zu schneien beginnt. Zuerst nur ein wenig, dann immer mehr. Vergangenheit und Gegenwart liegen plötzlich nah beieinander. Erika Bartels ist noch einmal das junge Mädchen, das in ihrer Kindheit oft mit Schnee und zugefrorenen Seen an ihrem Geburtstag beschenkt wurde.
Während der Corona-Zeit lebt sie schließlich zwei Jahre bei ihrem Sohn. Eine enge, gemeinsame Zeit, die sie sehr genoss. Auch die Angebote der Tagespflege in Hemmoor liebte sie, bevor sie schließlich vor vier Jahren ins Haus der Pflege zog. Ihre Nachbarin ist die Schwiegermutter ihres Sohnes.

Erinnerungen, die bleiben
Immer wieder kommen ihr die Tränen, wenn sie von ihrer Kindheit erzählt. Von der Heimat, die geblieben ist - zumindest in ihr. Seit einem Jahr lässt das Kurzzeitgedächtnis etwas nach. Manches gerät durcheinander. Doch die Bilder von früher sind klar. Wenn ihr Sohn Jürgen ihr einen kleinen Anstoß gibt, öffnet sich eine Tür. Dann erzählt sie. Vom Kennenlernen ihres Mannes. Von der Familie. Von früher. Und dann ist alles wieder da.
Als abschließend ein Foto für ihren Geburtstagsartikel gemacht werden soll, sagt sie leise: "Ich bin doch nicht mehr fotogen." Doch wer ihr gegenübersitzt, sieht etwas anderes. Ein Gesicht, in dem sich ein Jahrhundert spiegelt.
