"Ich habe jetzt Hoffnung" - Ehemaliger Cuxhavener über den Umbruch in Venezuela
In Venezuela zieht Hoffnung auf, nachdem eine US-Eliteeinheit Machthaber Nicolás Maduro verhaftet hat. Doch die Machtstrukturen bestehen fort und die Bevölkerung bleibt vorsichtig. Ein ehemaliger Cuxhavener berichtet.
Als Diego (Name von der Redaktion geändert) am Morgen des 3. Januars 2026 zum Handy greift, ahnt er nicht, was in den letzten Stunden in seinem Heimatland Venezuela passiert ist. Eine Nachricht nach der anderen taucht auf dem Display auf. Gerüchte, Videos, Eilmeldungen. Eine Eliteeinheit der US-Armee hat Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro und dessen Ehefrau festgenommen und in die USA gebracht. "Ich dachte zuerst, das sind Fake-News", sagt der 29-Jährige. "Das ist bei uns nichts Ungewöhnliches." Erst als seine Schwester ihm einen Screenshot aus dem offiziellen Nachrichtendienst von US-Präsident Donald Trump schickt, wird klar: Es stimmt. Diego ruft sofort seine Eltern in Venezuela an. Sie wissen zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon.
Diego ist in Venezuela geboren, lebt aber seit 2021 in Deutschland. Seine erste Begegnung mit dem Land hatte er bereits 2013 während eines Austauschjahres in Bremen. Zurück in Venezuela studierte er Jura. Doch die politische und wirtschaftliche Lage ließ ihm kaum Perspektiven. "Es war schwer, Arbeit zu finden. Ich habe für mich keine Zukunft dort gesehen." Über seine frühere Gastfamilie schaffte er schließlich den Schritt nach Deutschland, begann in Cuxhaven eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Seit einem Jahr lebt er in Hamburg und arbeitet in einem Hotel, um weitere Berufserfahrung zu sammeln.
"Die Situation war immer angespannt"
Die Nachricht von Maduros Festnahme traf ein Land, das schon seit Jahren im Ausnahmezustand lebt. "Die Situation war immer angespannt", sagt Diego. "Wir wussten, dass irgendwann etwas passieren würde. Aber man konnte nie offen darüber reden." Zwar ist Maduro nun weg, doch die Machtstrukturen bestehen fort. Die Regierung ist weiterhin im Amt, steht jedoch unter internationalem Druck - vor allem aus den USA. "Jetzt müssen Gesetze geändert werden, damit die Menschen wieder in Freiheit leben können", sagt Diego. Als Symbol des Umbruchs gilt unter anderem das berüchtigte Foltergefängnis El Helicoide in Caracas. Teile davon wurden aufgelöst, politische Gefangene freigelassen - aber längst nicht alle. "Es ist bisher nur ein Teil freigekommen."
Trotzdem beobachtet Diego Veränderungen. Keine venezolanischen Öllieferungen mehr nach Kuba, Bewegung auf dem Immobilienmarkt, erste Rückkehrer, neue Arbeitsplätze. "Man sieht, dass sich etwas bewegt", sagt er. "Es ist traurig, das zu sagen - aber wenn Trump nicht gewesen wäre, hätte sich nichts geändert. Ich habe jetzt Hoffnung."
Hoffnung mit angezogener Handbremse
Doch Euphorie ist in Venezuela fehl am Platz. "Man darf die Verhaftung von Maduro nicht feiern", sagt Diego. "Man fühlt sich immer noch beobachtet." Für Zivilisten gebe es weiterhin keine echte Meinungsfreiheit. Kritik an der Regierung sei gefährlich, selbst private Gespräche am Handy würden mit Vorsicht geführt. "Die Regierung ist eben immer noch die gleiche."
Seine Eltern leben weiterhin in Venezuela, auf einem kleinen Bauernhof. Der Vater ist pensionierter Lehrer und baut Mangos, Avocados und Maniok an, die er verkauft. Diego steht täglich per WhatsApp mit ihnen in Kontakt und telefoniert mehrmals pro Woche mit ihnen. "Ich mache mir schon Sorgen um sie", sagt er. "Aber sie wollen nicht nach Deutschland kommen. Ich wünsche ihnen einfach ein normales Leben." Für sich selbst sieht Diego derzeit keine Rückkehr. "Ich kann mir momentan nicht vorstellen, wieder in Venezuela zu leben. Für mich gibt es dort keine Zukunft." Besuchen möchte er seine Familie aber auf jeden Fall. Er vermisst nämlich nicht nur sie, sondern auch das Essen, die Wärme, das konstante Klima. "Wir hatten jeden Tag ungefähr 32 Grad. Immer gleich, man musste nicht darüber sprechen. Seit ich in Deutschland bin, verstehe ich, warum hier so viel über das Wetter geredet wird."
Im Landkreis Cuxhaven leben aktuell 14 venezolanische Staatsangehörige, im Jahr 2020 waren es noch fünf.