Moor und Klimaschutz: Welche Zukunft haben die Landwirte im Kreis Cuxhaven?
Um die Klimaziele zu erreichen, müssen in den nächsten Jahren Tausende Hektar Moorflächen wiedervernässt werden. Das hat elementare Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Was auf die Bauern zukommt, darum ging es in einer Vortragsveranstaltung der CDU.
Niedersachsen ist das moorreichste Bundesland Deutschlands. Fast 400.000 Hektar Moorböden liegen zwischen Nordsee und Harz, ein Drittel der bundesweiten Moorfläche. Die meisten dieser Moore sind durch land- und forstwirtschaftliche Nutzung sowie den Torfabbau über viele Jahrzehnte stark dezimiert und entwässert worden. Jedes Jahr entweichen laut Landesregierung 10,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus den Mooren und kohlenstoffreichen Böden Niedersachsens. Das entspricht 11 Prozent der gesamten niedersächsischen Treibhausgasbilanz. Damit soll Schluss sein - nicht nur in Niedersachsen, sondern bundesweit. Bis 2045 soll das Land klimaneutral sein.
"Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", findet Michael Merz, Vorsitzender der CDU Land Hadeln, die am Montag zu einer Vortragsveranstaltung über die Moorvernässung und die daraus resultierenden Folgen eingeladen hatte. Der Landkreis Cuxhaven sei von den Plänen stark betroffen, so Merz. Schließlich würden die Moore und kohlenstoffreichen Böden rund 35 Prozent der Kreis-Fläche ausmachen - das sind etwa 68.000 Hektar.
Mathias Paech vom Grünlandzentrum Niedersachsen-Bremen weiß, dass der Leitsatz "Moor muss nass" noch von vielen Ängsten überlagert wird. "Es ist daher wichtig, einen faktenbasierten Dialog aufzubauen", meint Paech. Das Fundament dafür hat das Grünlandzentrum in seinem "Faktencheck Moor" gelegt. In dieser Studie beschreiben die Experten mit konkreten Zahlen, welche wirtschaftlichen Folgen die Nationale Moorschutzstrategie für das Bundesland Niedersachsen haben könnte.
Bis zu 54.000 Menschen könnten ihre Arbeitsplätze verlieren
Und diese Zahlen haben es in sich: Bei völliger Aufgabe der Beweidung von Moorflächen würden laut Paech in den niedersächsischen Moorlandschaften entlang der Nordseeküste 200.000 bis 300.000 Kühe aus der Region verschwinden, 30.000 bis 54.000 Menschen würden ihre Arbeitsplätze verlieren. Nicht zu vernachlässigen sind außerdem Vermögensverluste durch Wertminderung der Flächen, die zwischen 2,32 und 2,56 Milliarden Euro liegen können.
Wird dieses Szenario tatsächlich eintreten? Ein komplettes Zurück gebe es jedenfalls nicht mehr, betonte Mathias Paech. "Das Drehbuch des Moorschutzes ist längst geschrieben", so der Experte. Aber die Darsteller seien noch nicht ausreichend adressiert und die Rollen nicht verteilt. Mit anderen Worten: Es gibt noch viele Fragezeichen, beispielsweise zu den nötigen Veränderungen im Wassermanagement.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Enak Ferlemann sieht noch ein weiteres Problem: Nicht nur die Landwirte seien von der Wiedervernässung betroffen, sondern auch mittelständische Betriebe, die Infrastruktur und ganze Siedlungen in den moorigen Gebieten. Klima- und Moorschutz bedeute ein grundsätzliches Umdenken. "Das, was die Menschen in 300 Jahren aufgebaut haben, wird jetzt in 25 Jahren komplett umgedreht", so Ferlemann.
Noch setze die Bundesregierung beim Moorschutz auf Freiwilligkeit. "Doch ich sage Ihnen, wenn die Menschen nicht freiwillig mitmachen, kommt der Zwang", glaubt Ferlemann. Die Folgen der Wiedervernässung für die Menschen, die in den Moorgebieten leben und arbeiten, würden unterschätzt. "Das hat die Dimension des Braunkohleausstiegs", so der CDU-Politiker.
Photovoltaik-Anlagen schwimmen auf Moorflächen
Als alternative Nutzungsart für wiedervernässte Moorflächen werden oft Paludikulturen ins Spiel gebracht. Ferlemann ist hier eher skeptisch: "Dafür muss man erst einmal einen Markt haben." Deutschland stecke in diesem Sektor noch in den Anfängen. Vielversprechender seien Photovoltaik-Anlagen, die unter anderem schwimmend auf wiedervernässten Moorflächen eingesetzt werden können. Dafür benötige man aber entsprechende Netze und ein "Gesamtkonzept der Energie".
Einer, den die Wiedervernässungspläne besonders hart treffen würden, ist der Landwirt (und Lokalpolitiker) Wolfgang Frey aus Bülkau-Bovenmoor. Er hat einen landwirtschaftlichen Betrieb mit 130 Kühen - auf einer Fläche, die zu 95 Prozent moorig ist. Für seinen Betriebsnachfolger sieht er im Grunde schwarz: "Ich habe ganz viel Angst", sagte Frey. Ob der seit 1650 bestehende Hof noch eine Zukunft habe, stehe in den Sternen. Schon jetzt würden zahlreiche Auflagen das Leben des Landwirts erschweren. "Die Enteignung hat schon lange eingesetzt."