Interview: Schauspielerin Jutta Speidel bringt Billie-Holiday-Hommage nach Otterndorf
Sie ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands, gründete eine Initiative für obdachlose Mütter und Kinder - und kommt nun mit einer Hommage an Billie Holiday nach Otterndorf. CNV-Medien sprach mit Jutta Speidel über Kunst und Haltung.
Frau Speidel, Sie haben mit fünfzehn Jahren angefangen zu filmen und 1979 standen Sie für Rainer Erlers Thriller "Fleisch" wochenlang in New York vor der Kamera. Was hat diese Zeit in der Stadt mit Ihnen gemacht?
Das war ein Geschenk. Allein vier Wochen in New York zu sein, bedeutet: Du lebst da wirklich ein Stück. Wir haben in jeder freien Minute die Stadt durchstöbert. Wir haben im alten Schlachthofviertel gedreht, wo heute eine Boutique neben der anderen liegt und das Ganze schicker kaum sein könnte. Wir kannten das noch, als es wirklich ein Schlachthof war. Wir sind sogar noch mit dem Zug dort hereingefahren. Und wir haben auf einer Insel im East River gedreht, in einem Krankenhaus voller Kriegsveteranen aus Vietnam. Männer ohne Beine, ohne Arme. Das war furchtbar. Diese Bilder trägt man im Gepäck. Die lässt man nicht mehr los.
Rainer Erler hat den Film eigens für Sie geschrieben. Wie war diese besondere Arbeitsbeziehung?
Er hat mich beim Dreh einer anderen Serie entdeckt, durch Muster, die er in München gesehen hatte. Und er hat damals gesagt: Die isses. Aber er wollte mich erst noch kennenlernen, abwarten, ob ich privat eine Enttäuschung bin. War ich nicht, und bis heute sind wir mit seiner Familie eng verbunden. Er hat auch das Drehbuch zum "Schönen Ende dieser Erde" für mich geschrieben. Leider war ich da schwanger und bin nicht mit nach Australien gekommen. Sehr zu meinem Leidwesen.
Sie haben über fünfzig Jahre Fernseh- und Filmgeschichte mitgeschrieben. Von "Drei sind einer zuviel" bis "Um Himmels Willen", 65 Folgen als Schwester Charlotte. Wie bewahrt man über solch lange Zeit die Frische einer Figur?
Die Figur verändert sich ja. Sie geht weiter, hat eine Entwicklung. Bei "Alle meine Töchter" war das besonders deutlich: Die Margot kam aus dem Strafvollzug, suchte einen Job, landete durch Zufall als Haushälterin bei ihrem ehemaligen Strafverteidiger, der immer an ihre Unschuld geglaubt hatte. Das ist eine Geschichte mit echtem Bogen. Das hält einen frisch. Und dann habe ich natürlich aus einem reichen Schatz schöpfen können. Ich bin nun mal wirklich über fünfzig Jahre in diesem Beruf. Das merkt man.
Die Fernsehlandschaft hat sich radikal verändert. Streaming, internationale Konkurrenz, globale Produktionen. Was vermissen Sie - und was begrüßen Sie?
Ich bin sehr dankbar, dass ich den Beruf in einer Zeit gelernt habe, in der man wirklich Zeit hatte, ihn zu lernen. Heute musst du vor die Kamera treten und sofort abliefern. Das war früher anders. Was ich vermisse: Diese Nähe zu Amerika war damals ein Akt. Ich hatte sogar einen amerikanischen Agenten, weil ich mit Sean Penn und Martin Sheen gedreht hatte. Und wenn damals Deutschland und Amerika enger zusammengearbeitet hätten - wer weiß. Heute ist das kein Ding mehr. Du drehst irgendwo auf der Welt für irgendein Streaming-Ding. Das ist schön. Aber etwas von der Handschrift, von der Qualität, das vermisse ich manchmal schon.
Kommen wir zu Ihrem aktuellen Projekt. Wie kam es dazu, ausgerechnet Billie Holiday in den Mittelpunkt eines Abends zu stellen?
Das war eigentlich Antonias Idee. Meine Tochter hatte wahnsinnige Lust, Billie Holiday zu interpretieren. Sie wollte sie einfach singen. Und dann habe ich gesagt: Okay, aber da muss ich mir Literatur dazu suchen. Ich bin in Buchhandlungen gegangen, habe im Internet recherchiert und war offen gesagt überrascht, wie wenig es über Billie Holiday gab. Schließlich bin ich auf ihre Autobiografie gestoßen und auf eine beeindruckende Dokumentation, die wir heute auch im Programm zeigen.

Die Autobiografie gilt als ein sehr ungeschliffenes, mitunter holpriges Buch. War das ein Hindernis oder gerade ein Vorzug für Sie?
Eindeutig ein Vorzug. Dieses Buch ist wirklich von ihr - nicht von einem Ghostwriter glatt gebügelt. Sie hüpft manchmal in den Texten hin und her, die Sätze sind manchmal ungelenk. Aber genau das macht es so unglaublich echt. Und als roter Faden zieht sich durch alles diese unfassbare Verletztheit. Man spürt auf jeder Seite: Das ist ein Mensch, der immer wieder tief getroffen wurde.
Ein zentrales Thema des Abends ist der Rassismus, unter dem Billie Holiday ihr Leben lang gelitten hat. Wie aktuell ist das für Sie persönlich?
Erschreckend aktuell. Ich hatte wirklich die Hoffnung, dass solche Geschichten überstanden seien. Dass wir in einem neuen Jahrhundert angekommen sind. Aber die Bilder belehren uns täglich eines Besseren, nicht wahr? Nach dem Millennium haben wir alle gedacht: Jetzt fängt wirklich etwas Neues an. Und es ist beschissen, muss man sagen. Entschuldigung für das Wort, aber es ist so. Wir haben scheinbar alle nichts dazugelernt.
"Strange Fruit" - das berühmteste Lied Billie Holidays über den Lynchmord an Schwarzen - steht sicher im Zentrum des Abends?
Antonia singt es a cappella. Und das ist einer der Momente, die einen wirklich erschüttern. Der Song ist die Quintessenz von Billie Holidays Leiden. Als schwarze Sängerin durfte sie nicht im gleichen Hotel essen wie die weißen Musiker, musste manchmal sogar einen anderen Bus nehmen. Das ist unfassbar. Und das ist Amerika - heute noch.
Auf der Bühne steht neben Ihnen Ihre Tochter Antonia Feuerstein. Wie ist es, mit der eigenen Tochter professionell zusammenzuarbeiten?
Es ist nicht unser erster gemeinsamer Abend. Wir haben auch schon Goethes Italienische Reise zusammen gemacht. Ein wunderschöner Abend mit Belcanto, den wir gerade leider nicht spielen, weil die Gagen momentan nicht zu stemmen sind. Aber mit Antonia auf der Bühne zu stehen, das ist etwas Besonderes. Sie kommt aus der Klassik, hat in Detmold studiert, ist Opernsängerin. Und trotzdem spürt man in ihr sofort diese Jazz-Verwurzelung, sobald sie Billie Holiday singt. Da schlägt einfach ihr Herz.
Antonia Feuerstein ist selbst Sängerin und Schauspielerin. Haben Sie ihr diesen Weg empfohlen, oder eher davon abgeraten?
Das hat sich ganz von allein ergeben. Mein Kind war mit einem ordentlichen Organ ausgestattet. Wenn die Schule zu Ende war und sie auf den Pausenhof trat, sagte ich immer: Da müsste ich jetzt das Nudelwasser aufsetzen. Mit neun Jahren wurde sie von einem Musiklehrer entdeckt, der durch alle Münchner Grundschulen ging und Talente suchte. Aber ich habe immer gesagt: Das musst du selbst entscheiden. Weil ein Kind auch Freizeit braucht und Raum. Wenn sie ihr Privates darin sieht zu singen - wunderbar. Aber ich wäre nie die Mutter gewesen, die sagt: Du wirst Sängerin.
Wie ist das Konzept des Abends - was erwartet das Publikum in Otterndorf?
Bereits beim Einlass läuft im Saal eine Filmdokumentation über Billie Holiday. Man kann sich also schon mit einem Glas Wein hinsetzen und sich einleben in ihre Welt, in ihre Zeit. Dann steigen wir ein, und es beginnt eine Lesung mit Musik. Ich lese aus ihrer Autobiografie, Antonia singt die großen Songs. Begleitet wird sie von Peter Rodekuhr am Klavier. Peter ist seit vielen Jahren Antonias Korrepetitor und enger Freund. Er kommt aus der Bar-Szene, ist Entertainer, spielt wunderbar - und das spürt man.
Sie haben 1997 die Initiative Horizont e. V. gegründet - für obdachlose Mütter und Kinder in München. Dreißig Jahre sind das nun. Was hat Sie damals bewegt?
Ich wollte schon länger etwas tun - aber etwas vor der Haustür, nicht irgendwo weit weg, wo ich kaum hinkomme und es anderen überlassen muss. Und dann bin ich mit der Nase draufgestoßen. Buchstäblich. Ich war am Dreh, unser Schminkmobil hatte einen Platten, es war kalt und wir warteten auf der Straße. Jemand organisierte ein Zimmer in einer heruntergekommenen Pension. Als ich drin war, fragte ich: Was ist das hier eigentlich? - Eine Obdachlosenpension. Und das Klientel waren auch Kinder. Das hat mich nicht mehr losgelassen.
Ist es schlimmer geworden, in den dreißig Jahren?
Ja, leider. Als ich damals beim Münchner Bürgermeister vorsprach, sagten sie mir: In fünf Jahren hat sich das erübrigt. Da habe ich gesagt: Das glaube ich nicht. Und ich habe recht behalten. Wir eröffnen jetzt unser drittes Haus und richten darin auch ein Gesundheits- und Traumatherapiezentrum ein. Denn all diese Kinder, all diese Mütter: Sie sind traumatisiert. Das vergisst man leicht.
Sie haben gesagt: Die einzige Kraft gegen das Böse ist das positive Denken. Glauben Sie das wirklich?
Ja, ich glaube das wirklich. Das klingt naiv, ich weiß. Aber ich glaube: Wenn man aufrechtgeht, eine Haltung hat, ehrlich ist und Mitgefühl zeigt - in seinem kleinen Bereich, jeden Tag -, dann ist das die einzige Gegenkraft, die wirklich wirkt. Die große Politik, die Sanktionen, die Mächtigen, die werden sich immer durchwurschteln. Wir ganz normalen Menschen haben eigentlich nur das.
Wenn Sie am Abend des 22. März in Otterndorf von der Bühne gehen - was sollen die Menschen mitnehmen?
Ich glaube, sie werden betroffen sein über diese Ungerechtigkeit - über das, was Billie Holiday erlebt hat und was bis heute fortwirkt. Und ich hoffe, dass viele nach Hause gehen und sagen: Man muss hellhörig sein. Man muss hinschauen, was um einen herum passiert. Und man muss die Courage haben, sich einzusetzen. Das ist alles. Mehr braucht es manchmal nicht.