Kornspeicher in Freiburg: Leben und Kreativität statt öder Rasenfläche
Der "Historische Kornspeicher" in Freiburg (Kreis Stade) ist heute ein Prachtstück und Treffpunkt für Einheimische und Kulturliebhaber. Dabei wäre er beinah der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Doch dagegen setzten sich Bürger erfolgreich zur Wehr


Jörg Petersen sitzt auf der großen Holzterrasse des "Historischen Kornspeichers" in Freiburg. Die Sonne scheint, vor ihm auf dem Tisch steht ein Pott Kaffee, sein Blick geht in Richtung Hafenpriel, wo Schiffe liegen und Spaziergänger ihre Runden drehen. Gerade hat er eine Besuchergruppe durch den 1742 gebauten Kornspeicher geführt, den es ohne ihn und viele andere Menschen nicht mehr geben würde. Quasi in letzter Minute wurde vor knapp 25 Jahren dessen Abriss verhindert. Es war die Geburtsstunde einer ganz besonderen Bürgerinitiative.
Der "Historische Kornspeicher" - die Homepage im Internet findet man unter www.kornspeicher-freiburg.de - ist weit mehr als ein denkmalgeschütztes Gebäude, das nur eine schmucke Fassade hat, aber die meiste Zeit im Jahr leersteht und von der Öffentlichkeit nicht genutzt werden kann. In Freiburg ist das nämlich ganz anders. In dem Haus steckt Leben und Kreativität.
Viele Besucher aus dem Cuxland
Ob Ausstellungen, "Kinder-Uni", Kino-Abende, Kulturveranstaltungen, Yoga-Kurse, private Feiern, Workshops oder auch Trauungen: "Wir haben für 2025 Buch geführt: An 270 Tagen im Jahr war hier immer etwas los. Das reicht von regelmäßigen Vereinstreffen bis zu größeren Veranstaltungen", sagt Jörg Petersen. Auffallend viele Gäste bei Veranstaltungen kämen auch aus dem Cuxland.
Noch sitzen wir bei unserem Pressegespräch draußen auf der Holzterrasse und unterhalten uns über die Entstehungsgeschichte dieses Projektes. Doch dann ruft der Hausmeister: "Hier wird's gleich laut." Er will den Rasen auf dem schmucken Außengelände zwischen Kornspeicher und Hafenpriel mähen. Um die farbenfrohen Kübel-Pflanzen, die nicht winterhart sind, muss er sich nicht kümmern: "Die überwintern geschützt bei einem unserer Vereinsmitglieder in der kalten Jahreszeit, bevor er sie dann im Frühjahr wieder hier platziert. Da greifen viele Rädchen ineinander", sagt Petersen nicht ohne Stolz mit dem Blick auf den Teamgeist.
"Eigentlich sollten es nur zwei Jahre werden"
Der 76-Jährige ist kein Freiburger Urgestein. Er wuchs in einem Dorf bei Neumünster auf, zog später mit seiner Familie nach Hamburg, absolvierte dort auch sein Abitur und studierte dann in Göttingen: "Da bin ich quasi Niedersachse geworden." In Freiburg trat er seine erste Stelle als Lehrer an: "Eigentlich sollten es nur zwei Jahre werden", erinnert er sich. Doch es kam anders. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern schlug er dort Wurzeln, engagierte sich in seiner Freizeit schon immer im Ort (ob beim Segeln oder in der Kommunalpolitik oder auch in Balje im "Mittelalterdorf") und trieb schließlich in Freiburg eine Schulform voran, die man heute in Niedersachsen unter dem Begriff "Oberschule" kennt.
Im Jahre 2002 erlebte er als Zuhörer einer Sitzung, dass der Freiburger Rat am Ende der Städtebauförderungsphase beschloss, den maroden Kornspeicher abzureißen. Kopfschüttelnd verließen er und eine weitere Freiburgerin die Sitzung und unterhielten sich darüber, dass es doch keine Lösung sein könne, stattdessen nur eine Rasenfläche anzulegen. Nach dem Motto: Aus dem Auge, aus dem Sinn.
Eine damalige Tageblatt-Redakteurin habe das zufällig mitbekommen und wenig später hieß es in ihrem Bericht, dass Petersen eine Bürgerinitiative gründen wolle, um den drohenden Abriss zu verhindern. "Kaum war der Artikel erschienen, meldeten sich viele Menschen bei mir und wir haben gemeinsam losgelegt, um den Abriss, der in wenigen Tagen beginnen sollte, zu verhindern." In der Landeshauptstadt Hannover wurde man auf den Fall aufmerksam und untersagte der Gemeinde kurzfristig, die Bagger anrücken zu lassen.
Viele Freiwillige packten mit an
Die Bürgerinitiative, deren Mitgliederzahl schnell wuchs, hatte jetzt zwar das marode Gebäude vorerst gerettet, doch sie stand nun auch in der Pflicht, wie es denn weitergehen sollte. Der inzwischen gebildete Verein, der nach und nach mehrere Hundert Unterstützer aus der Region hatte, setzte alle Hebel in Bewegung, um eine Sanierung zu realisieren. Mithilfe von Sponsoren und Fördertöpfen gelang es zunächst, die gesamte Außenhaut - vom Dach über die Fenster bis zur Fassade - wetterfest zu gestalten. Dazu trugen auch viele freiwillige Helferinnen und Helfer bei, die zum Beispiel jeden Stein, der nach dem Abbruch eines Anbaus übrig war, in Handarbeit zu sichern und zu putzen, bevor er dann in das Mauerwerk des großen Speichers gesetzt wurde.
Außen hui, innen pfui? So muss man sich das in der ersten Phase wohl vorstellen. Es fehlte für den Innenausbau schlichtweg das Geld. Sponsoren sprangen vereinzelt ein: "Das waren einzelne, aber ganz wichtige Schritte", sagt Petersen. Doch für die Umsetzung eines Gesamtkonzeptes reichte es noch nicht. Im Laufe der Jahre gelang es aber, öffentliche und private Finanzquellen zu erschließen, um den Kornspeicher als einen Treffpunkt für die Bevölkerung zu etablieren und die Kultur zu fördern.
Nutzung auch für private Feiern
Petersen, der vor genau zehn Jahren Vorsitzender des Kornspeicher-Vereins geworden ist, betont jedoch ausdrücklich, dass man nicht nur Hilfe von außen erwarte, sondern selbst ständig aktiv sei, um die Kosten zu decken. Dazu zähle insbesondere die Vermietung des Erdgeschosses, in dem Veranstaltungen jeglicher Art für rund 90 Personen - von der Hochzeits- bis zur Firmenfeier - stattfinden. Man habe aber auch schon größere Veranstaltungen unter Einbeziehung der großen Holzterrasse gehabt. Der Verein kümmere sich dann ausschließlich um die Getränkeversorgung und die speziellen Gestaltungswünsche der Mieter - und profitiere davon. Alles andere sei Sache eines Caterers.
Viele Netzwerke aufgebaut
Derartige Einnahmen sind aber natürlich nur Mittel zum Zweck, um den eigentlichen Betrieb des "Historischen Kornspeichers" als Begegnungszentrum in sozialer und kultureller Form überhaupt zu ermöglichen. Im Dachgeschoss ist zurzeit eine Bilderausstellung zu sehen, gerade ist die "Kinder-Uni" in den Schulferien abgeschlossen worden, am 15. August steht das "Lichterfest" bevor, der "Horst Schlämmer"-Kinofilm folgt im September, es gibt einen Lichtbildervortrag zu alten Fotografien aus Kehdingen und den Vortrag von Silke Müller, die sich mit den Auswirkungen digitaler Medien auf die Psyche von Schülern spezialisiert hat. Petersen: "Diese Veranstaltung ist inzwischen ausverkauft. Die Karten waren zügig weg." Um die Referentin bezahlen zu können, habe man sich unter anderem mit Schulen aus der Region zusammengeschlossen und sei auf positive Reaktionen gestoßen. Das nennt man dann wohl "Netzwerkarbeit". Und davon versteht man bei den Kornspeicher-Machern eine ganze Menge.
Eigentlich können Jörg Petersen und der weit über 500 Mitglieder starke Kornspeicher-Förderverein ja zufrieden sein. Oder etwa nicht? Nicht ganz, denn hinter und vor den Kulissen müssen viele Arbeiten erledigt werden, für die man gerade jüngere Menschen sucht, die sich in das ambitionierte Projekt einbringen: "Da muss sich etwas bewegen, denn wir benötigen mehr Unterstützerinnen und Unterstützer, die auch in Zukunft anpacken." Nur so könne sichergestellt werden, dass die Ursprungsidee vor knapp 25 Jahren auch künftig in einer solch dörflichen Region gelebt und weiterentwickelt werde.
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