Der Stein des Anstoßes: Mit diesem Plakat hat der Geestensether Landarzt Dr. Jörg Topnik für Aufsehen gesorgt. Foto/Grafik: Privat/Schnibbe
Der Stein des Anstoßes: Mit diesem Plakat hat der Geestensether Landarzt Dr. Jörg Topnik für Aufsehen gesorgt. Foto/Grafik: Privat/Schnibbe
Provokation

Landarzt aus dem Kreis Cuxhaven verbietet AfD-Wählern den Zutritt zu seiner Praxis

19.03.2024

Im Kreis Cuxhaven hat ein Landarzt mit einem Plakat darauf hingewiesen, dass er AfD-Wählern den Zutritt zu seiner Praxis verbietet. Damit hat der Mediziner für mächtig Aufsehen gesorgt. Was hat den Arzt zu der Aktion bewogen?

von Inga Hansen

Zahllose Demonstranten sind zuletzt gegen die Rechten auf die Straße gegangen. Dr. Jörg Topnik, Hausarzt in Geestenseth, wählte einen anderen Weg. Per Plakat verbot er AfD-Wählern den Zutritt zur Praxis. Aber so ernst hatte er es nicht gemeint.

Das Plakat war nicht groß, aber deutlich. "Diese Praxis ehrt und pflegt die Menschenrechte", hieß es da, "Sympathisanten der AfD, deren Wählern und anderen Nazis ist der Zutritt ausdrücklich verboten." Das hatte Dr. Jörg Topnik Mitte Februar an die Tür seiner Arztpraxis in Geestenseth gepinnt - und erregte damit mächtig Aufsehen.

"Die Gesellschaft spaltet
sich immer mehr"

Carolyn Ehlers wandte sich in einem Leserbrief an die Nordsee-Zeiung. "Ich bin alles andere als ein Fan der AfD. Aber ein Schild an der Arztpraxis, dass AfD-Anhängern den Zutritt verbietet, ist weit weg von meinem Verständnis von Meinungsfreiheit", betonte sie. Nicht nur deshalb, weil Ärzte wegen des Hippokratischen Eids zum Helfen verpflichtet seien. "Mich erschreckt so etwas", sagt die Sellstedterin, "die Gesellschaft spaltet sich immer mehr. Wer ist denn der Nächste, den wir ausgrenzen?" Auch im Internet dominiert die Kritik. Topniks Plakat grenze an "unterlassene Hilfeleistung", heißt es in den Google-Bewertungen der Praxis, es sei "menschenverachtend", Menschen derart auszugrenzen.

Graue Haare, gelber Pullover, Jeans - so empfängt Jörg Topnik in seiner Landarzt-Praxis. An der Wand ein großformatiges Foto aus Nairobi, wo der 61-Jährige ein paar Wochen lang ehrenamtlich für die German Doctors im Einsatz war. Topnik, im Ruhrgebiet groß geworden, bezeichnet sich selbst als überzeugten Demokraten. Und als solcher wolle er nicht mehr länger schweigen und zuschauen.

Die Demos gegen rechts, die nach dem Bekanntwerden eines Geheimtreffens der Rechten in Potsdam in Deutschland Hunderttausende auf die Straße gebracht haben, hätten ihm die Augen geöffnet, sagt er.

"Ich hab die große Sorge, dass die braune Soße gewinnen könnte, wenn wir diesen Herrschaften nicht Paroli bieten. Ich will nicht zu denen gehören, die weggeschaut haben." Um selbst an den Demos teilzunehmen, fehle ihm als Landarzt aber die Zeit. "So kam ich auf die Idee, meinen Protest mit diesem Plakat zu äußern."

"Ich würde selbst Putin das Leben retten"

Die Formulierung, die er gewählt hat, war als reine Provokation gemeint, betont er. "Ein Zutrittsverbot für Rechte gibt es schon deshalb nicht, weil ich das gar nicht kontrollieren könnte", sagt er. "Es kommt ja niemand mit dem Hakenkreuz auf der Stirn in die Praxis." Im Übrigen habe er klar gesagt, dass er ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte sei. "Da ist es im Umkehrschluss doch klar, dass ich niemanden von der Behandlung ausschließe", findet der Landarzt aus Leidenschaft. Und versichert: "Ich würde selbst jemanden wie Putin das Leben retten."

Kurzum: Für den Mediziner war die Formulierung eine Übertreibung, die man gar nicht ernst nehmen konnte. Weil es aber trotzdem viele gab, die das verstanden haben, hat er das Plakat nach wenigen Tagen ausgetauscht. Heute hängt dort ein Bekenntnis zu den Menschenrechten. "Menschenrechte statt Rechte Menschen. Jeder, der dies genauso sieht und lebt, ist uns herzlich willkommen", heißt es darin.

Aus heutiger Sicht wäre es klüger gewesen, mit einem Zutrittsverbot für Rechte zu drohen, gibt Topnik zu. Weil viele das missverstanden hätten. Grundsätzlich aber bereut er sein Plakat nicht. "Wir müssen den Rechten etwas entgegensetzen", ist er überzeugt. Auch wenn er damit in die Schusslinie geraten ist. Seine Mitarbeiterinnen seien zum Teil am Telefon belästigt worden, es gab Drohungen aus Berlin und Leipzig, erzählt er.

Heute weiß er, dass es klüger gewesen wäre, nicht mit einem Praxisverbot zu drohen: Dr. Jörg Topnik. Foto: Hansen

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