Langjähriger Notarzt aus Hemmoor kritisiert Systemwechsel
Ein Notarzteinsatz im Fitnessstudio in Hemmoor wirft Fragen zum Rettungsdienst auf - und es wird Kritik laut von einem erfahrenen Mediziner, der eine Verschlechterung der Versorgung durch den Systemwechsel befürchtet.
Der Vorfall sorgt für Diskussionen. Dabei werden auch kritische Töne laut. Am 5. Januar 2026 gegen 11.50 Uhr landete der ADAC-Rettungshubschrauber Christoph 67 aus Schleswig-Holstein in Hemmoor. Zuvor war bereits ein Rettungswagen des Cuxland-Rettungsdienstes zu dem medizinischen Notfall zum Fitnessstudio gerufen worden.
Da dringend ein Notarzt benötigt wurde, wurde dieser mit dem ADAC-Rettungshubschrauber eingeflogen. Christoph 67 ist auf dem Flugplatz Hungriger Wolf in Hohenlockstedt bei Itzehoe stationiert.
Während das Rettungsdienstteam die Patientin erstversorgte, landete der Heli mit dem Notarzt in der Nähe. Nachdem die Patientin medizinisch versorgt worden war, wurde sie in Begleitung des Notarztes mit dem Rettungswagen in das Elbe-Klinikum nach Stade transportiert. Der Rettungshubschrauber flog dorthin, nahm den Notarzt auf und brachte ihn nach Schleswig-Holstein zurück.
Bei Dr. Carsten Haack aus Hemmoor, der 30 Jahre als Notarzt tätig war und in dieser Zeit mehr als 7000 Einsätze absolvierte, schrillen angesichts des Vorfalls die Alarmglocken. Er geht davon aus, dass solche Situationen zunehmen werden, dass ein Notarzt eingeflogen werden muss - allerdings deshalb, weil vor Ort durch die Integrierte Leitstelle auf keinen vor Ort zur Verfügung stehenden Mediziner mehr zurückgegriffen werde. Zudem kritisiert der Arzt die damit weiter ausufernden Kosten des Rettungswesens.
"Kommt an seine Grenzen"
Dr. Haack ist in Sorge darüber, dass das jetzt vom Landkreis betriebene Notarztsystem schnell an seine Grenzen kommt, zum Beispiel dann, wenn in Ihlienworth ein Notarzt bei einem Infarkt benötigt wird, während zum Beispiel in Hechthausen ein weiterer Arzt aufgrund eines schweren Unfalls vonnöten ist. Seine Kritik: "Dann ist das System überfordert, man nimmt den Tod regelrecht in Kauf."
Dr. Benjamin Junge, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst für den Landkreis Cuxhaven, erläutert angesichts des speziellen Falls, dass das in Cadenberge stationierte Notarzteinsatzfahrzeug in Oberndorf in einem Einsatz gebunden gewesen sei. Der Rettungswagen sei jedoch bereits nach einer Minute am Einsatzort in Hemmoor gewesen. Der Notarzt wurde durch die Rettungswagenbesatzung nachgefordert. Das schnellstmögliche arztbesetzte Rettungsmittel sei zu diesem Zeitpunkt der Rettungshubschrauber gewesen.
"Der Rettungshubschrauber war innerhalb einer Flugzeit von zwölf Minuten vor Ort - schneller als ein Notarztwagen, wenn er in Otterndorf stationiert gewesen wäre", erklärt Dr. Junge. Bei einem Einsatz der Notfallrettung werde grundsätzlich das schnellstmögliche Rettungsmittel durch die Integrierte Leistelle Unterweser alarmiert.
In dem vom Landkreis übernommenen Notarztsystem gibt es aktuell im Altkreis Hadeln anstelle der vorherigen Notarztwagen Hemmoor und Otterndorf nur noch die Wache in Cadenberge mit nur einem Notarztwagen. Die Notärzte hätten vorher ihre Einsätze von zu Hause oder den Praxen aus gefahren und trafen mit den Rettungswagen am Einsatzort ein.
Dr. Haack nennt dies ein bewährtes und funktionierendes System. Dass jetzt mehr Kompetenzen vom Arzt auf Notfallsanitäter verlagert werden, ist aus seiner Sicht keine tragfähige Lösung. Und rund um die Uhr in einer Wache auf Einsätze zu warten, hält er für niedergelassene Ärzte nicht für praktikabel. "Das sprengt doch den Rahmen. Man kann doch nicht für drei Einsätze 24 Stunden in der Wache sitzen."
Die Reduzierung von zwei auf ein in Cadenberge stationiertes Notarzteinsatzfahrzeug sind aus Dr. Junges Sicht richtig, ebenso wie die Abschaffung der selbstfahrenden Notärzte vor allem aus rechtlicher Sicht. "Das Notärzte alleine fahren, ist vom Gesetzgeber so grundsätzlich nicht vorgesehen und in der Praxis nach meiner Kenntnis auch eher unüblich."
Er ist davon überzeugt: "Je besser ein Team sich kennt, und miteinander trainiert, umso besser funktioniert es auch." Daher setzt die Rettungsdienst Cuxland gGmbH auf lang erfahrene Honorarkräfte sowie auf fest angestellte Notärztinnen und -ärzte. Die vier Notarzteinsatzfahrzeuge seien rund um die Uhr besetzt. Standorte sind Cadenberge, Dorum, Beverstedt und Schiffdorf.
"Für eine bedarfsgerechte Planung im gesamten Landkreis sind die Rettungsmittel wie unter anderem die Notarzteinsatzfahrzeuge an festen Rettungswachen stationiert. Die Besatzungen der Notarzteinsatzfahrzeuge sind grundsätzlich an der Rettungswache stationiert, um schnellstmöglich das Fahrzeug besetzen zu können", erläutert der Ärztliche Leiter.
Einen Mangel an Interessenten für die Wachen gebe es nicht. "Zum Ende des ersten Quartals werden wir zehn fest angestellte Notärzte haben", kündigte Dr. Junge an. Gegenwärtig ist eine Kombination aus Honorarkräften und fest angestellten Ärzten tätig.
Und Dr. Junge versichert: Die vorgenommenen Veränderungen brächten keinesfalls Verschlechterungen. Anders als früher, vor der Einführung des Berufsbildes des Notfallsanitäters, seien die Notfallsanitäter heute besser ausgebildet und verfügen über mehr medizinische Kompetenzen und Expertisen.
Mehr Telemedizin und Luftrettung
Künftig, prognostiziert er, werde es darüber hinaus vermehrt zu Telenotfallmedizin kommen, aber auch Luftrettung werde wohl mehr mitgedacht werden müssen. Der Rettungshubschrauber sei neben dem Notarzteinsatzfahrzeug eines der möglichen arztbesetzten Rettungsmittel. Bei Bedarf eines notarztbesetzten Rettungsmittels werde unter anderem ein Rettungshubschrauber durch die Integrierte Leitstelle Unterweser disponiert. Dabei sei die mögliche Unterstützung durch die Luftrettung zu berücksichtigen. In der Gesamtbetrachtung des Rettungsdienstes komme es dabei zu keiner Kostensteigerung, so Dr. Junge. Kostenträger der Einsätze seien die Krankenkassen.
So läuft eine Alarmierung:
Die Entscheidung, welches Fahrzeug in einem akuten Notfall eingesetzt wird, fällt nach den Vorgaben des Landkreises Cuxhaven die Integrierte Leitstelle Bremerhaven. Ein Rettungswagen (RTW) rückt bei Notfällen aus. Dieser ist mit Notfallsanitäterinnen und Rettungssanitätern besetzt. Sie übernehmen die medizinische Erstversorgung direkt vor Ort. In lebensbedrohlichen Situationen wird zusätzlich ein Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) alarmiert. Dieses ist planmäßig mit einem Notarzt/einer Notärztin und einem Notfallsanitäter besetzt. Die Verordnung über die Bemessung des Bedarfs an Einrichtungen des Rettungsdienstes formuliert so: "Dabei ist die mögliche Unterstützung durch die Luftrettung zu berücksichtigen".
Rettungsdienst Cuxland gGmbH
Die Rettungsdienst Cuxland gGmbH ist eine 100-prozentige Tochter des Landkreises Cuxhaven. Diese ist seit dem 1. Januar 2025 für den Rettungsdienstes im gesamten Kreisgebiet verantwortlich. Im Bereich Land Ladeln war damit zuvor das Deutsche Rote Kreuz betraut.
Der kommunale Cuxland-Rettungsdienst besteht heute aus zehn Rettungswachen, vier Notarztstandorten und rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Einsatzdienst und in der Verwaltung. Das Einsatzgebiet umfasst rund 1.957 Quadratkilometer und etwa 152.000 Einwohnerinnen und Einwohner.