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Die Mobilen Retter werden zur Reanimation ausgebildet. Archivfoto: Nordsee-Zeitung
Die Mobilen Retter werden zur Reanimation ausgebildet. Archivfoto: Nordsee-Zeitung
Erfolgreiche Reanimation

Lebensretter im Kreis Cuxhaven: Drücken bis der Notarzt kommt

von Wiebke Kramp | 18.09.2026

Das ist echte Zivilcourage: Zwei Freiwillige aus dem Kreis Cuxhaven retten einem Mann nach Herzstillstand das Leben. Dank des Projekts Mobile Retter sind sie in Rekordzeit vor Ort und erhöhen so die Überlebenschancen erheblich.

Der 19. September ist der Tag der Zivilcourage - und diese beiden Männer haben beherzten, selbstlosen Einsatz bewiesen: Tobias Gryhtol-Matthaeus (44) und Ghylian Wolters (21) sind Helden des Alltags. Vor genau einem Jahr haben sie einen Anfang 60-Jährigen nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand wieder ins Leben zurückgeholt. Das Besondere: Beide Männer aus Beverstedt sind registrierte ehrenamtliche Mobile Retter und per App zum Einsatzort in der Nähe gerufen worden. Bescheiden, unaufgeregt und reflektiert schildern sie den Ablauf.

Vom Kindergeburtstag zur Reanimation

"Wir hatten Kindergeburtstag und war gerade im Garten beim Apfelpflücken: Als sich mein Handy mit diesem besonderen Ton meldete, habe ich sofort drauf geguckt und zu meiner Frau gesagt: Ich muss jetzt los." Jede Sekunde zählt, wenn Menschen einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand erleiden. Bleibt das Gehirn drei Minuten ohne Sauerstoffversorgung, drohen langfristige Hirnschäden. Tobias rannte zum Auto, seine Frau setzte sich neben ihn und half geistesgegenwärtig, die angegebene Hausnummer zu suchen. Sie waren schnell wie der Blitz am Einsatzort: nur eine Minute und 20 Sekunden nach der Alarmierung durch die Leitstelle. In einem an der Garage gebauten Küchentragt befand sich der Kollabierte. Dessen Ehefrau hatte den Notruf an die Leitstelle getätigt.  Tobias begann sofort mit der Reanimation, also mit der Herzdruckmassage. "Ich bin da hingekommen, reingerannt und habe einfach angefangen, ohne nachzudenken." Kurz nach ihm traf Ghylian Wolter ein: "Wir haben dann abwechselnd gedrückt." Auch noch, nachdem Notarzt und Rettungsdienst eintrafen, die sich so parallel um die weitere Versorgung des Patienten kümmern konnten.

Erste positives Feedback vom Notarzt

Erstes Feedback gab es noch an Ort und Stelle: "Der Notarzt hat uns gesagt, dass er nur unseretwegen überlebt hat, weil wir so schnell da waren", erinnert sich Gylian. Und Tobias sagt über seinen ersten Retter-Einsatz: "Erst im Nachhinein habe ich überlegt, ob ich alles richtig gemacht habe."

Tobias Gryhtol-Matthaeus ist von Beruf IT-Systemadministrator und Ghylian Wolters gelernter Kfz-Mechatroniker, der auf einer Werft als Werksfeuerwehrmann angestellt ist. Beide Männer sind Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Beverstedt. Dort haben sie auch von dem Programm Mobile Retter erfahren und sich schulen lassen.

2019 haben sich die drei Gebietskörperschaften des Leitstellenverbundes Bremerhaven, Cuxhaven und Osterholz (BCO-Region) zusammengeschlossen, um das System Mobile Retter an den Start zu bringen. Aktuell gibt es in der BCO-Region 1226 registrierte Retter, die parallel zum Rettungsdienst alarmiert werden. 

Geschulte Retter, die sich bei Herzstillstand in unmittelbarer Nähe des Notfalls befinden, werden von der Integrierten Regionalleitstelle Unterweser-Elbe per App alarmiert. Durch die räumliche Nähe sind sie in der BCO-Region derzeit im Schnitt in 3,1 Minuten am Einsatzort. Sie reanimieren solange, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Herzensprojekt vom ärztlichen Rettungsdienst-Leiter

Die Mobilen Retter sind ein Herzensprojekt von Dr. Benjamin Junge, dem ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Cuxhaven. Der Notfallmediziner weiß um die hohe Bedeutung schneller Versorgung zur Erhöhung der Überlebenschancen. Diese Art organisierte Zivilcourage ist in einem weitläufigen Gebiet wie dem Landkreis Cuxhaven bedeutsam - besonders vor dem Hintergrund, dass die gesetzliche Regelung vorsieht, dass der Rettungsdienst  bis zu 15 Minuten nach Eingang des Notrufs bei der Integrierte Regionalleitstelle Unterweser-Elbe Zeit hat, am Einsatzort einzutreffen.

Bei plötzlichem Herztod ist dies aber viel zu spät. Nach zehn Minuten ohne Sauerstoffversorgung des Gehirns sind die Patienten zu 100 Prozent tot.  "Wir benötigen Mobile Retter  für die Überbrückungszeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes", betont Dr. Junge, denn deren Herzdruckmassage und damit die Sauerstoffversorgung erhöhe die Überlebenschance erheblich. "Das Projekt ist direkte Nachbarschaftshilfe", wirbt er für weitere ehrenamtlich Engagierte, die sich schulen lassen, damit das Netz weiter wächst: "Das ist unmittelbare Hilfe mit maximaler Wirkung." Durch das Erlernen und Anwenden von einfachen Wiederbelebungsmaßnahmen werde kostbare Zeit genutzt. Im Kreis Cuxhaven (ohne Stadt Cuxhaven) gab es vom 1. Januar bis zum 31. Juli über 130 Fälle von Herz-Kreislauf-Stillstand, eine Steigerung von knapp 10 Prozent zum Vorjahr.

Die Mobilen Retter sind versichert und werden auch nach ihren Einsätzen nicht allein gelassen. "Es ist schließlich eine enorme Verantwortung, die sie ehrenamtlich angenommen haben", wissen Stephanie Bachmann und Sebastian Suhling aus der Stabsstelle Rettungsdienst. Nachsorgespräche und gegebenenfalls Hilfsangebote sind ihnen daher besonders wichtig, um zu erfahren, ob die Retter diese Ausnahmesituation selbst gut überstanden haben - aber ebenfalls als Ausdruck der Wertschätzung.

Direkte dankende Anerkennung von Angehörigen erfuhren die beiden Beverstedter Lebensretter. Dem Mann geht es heute augenscheinlich gut. Das ist nur dem beherzten Einsatz von Tobias Gryhtol-Matthaeus und Ghylian Wolters zu verdanken.

Woche der Reanimation steht bevor

Dieses Ehrenamt rettet Leben: Als Mobile Retter können sich Personen anmelden, die über eine rettungsdienstliche oder medizinische Ausbildung oder über erweiterte Qualifikationen der Ersten Hilfe verfügen. Sie kommen aus der Gesundheits- oder Krankenpflege, sind Mitglied einer Hilfsorganisation, gehören der Polizei, Bundeswehr oder der Freiwilligen Feuerwehr an oder sind betriebliche Ersthelfer. Das Mindestalter beträgt 18 Jahre. Der Landkreis Cuxhaven bietet Schulungen an.  

Die Woche der Reanimation ist vom 21. bis 27. September 2026. Im Kreis Cuxhaven sind dazu Trainings für Mobile Retter vorgesehen und es findet eine Reanimationsveranstaltung für die Auszubildenden und Studierenden des Landkreises statt. Über das Projekt Mobile Retter können sich Interessierte auch auf der Otterndorf Wirtschaftsmesse am Sonntag, 27. September, in den Seelandhallen von 11 bis 17 Uhr informieren.

Wer Mobiler Retter werden möchte, kann sich wenden an die Stabsstelle Rettungsdienst, E-Mail: mobile.retter@landkreis-cuxhaven.de, Telefon 04721-662681.

Ghylian Wolters (21) und Tobias Gryhtol-Matthaeus (44) sind Helden des Alltags. Sie retteten vor einem Jahr einem Mann durch Reanimation das Leben.

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Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

wkramp@no-spamcuxonline.de

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