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Blaugrau wie im Museum von Heraklion: Für ihre Schau „Svea“ hat die Künstlerin Johanna Tiedtke den Ausstellungsraum unter dem Glasdach der Stadtscheune eigens streichen lassen. Foto: Potschka
Blaugrau wie im Museum von Heraklion: Für ihre Schau „Svea“ hat die Künstlerin Johanna Tiedtke den Ausstellungsraum unter dem Glasdach der Stadtscheune eigens streichen lassen. Foto: Potschka
Griffelkunst in Otterndorf Teil 1

Minoische Fresken treffen auf moderne Kunst in Otterndorf

von Jens Potschka | 26.10.2026

Eine einzigartige Farbe verbindet Otterndorf mit der Antike: In der Stadtscheune entfalten Johanna Tiedtkes Installationen eine faszinierende Wirkung. Sie sind inspiriert von minoischen Fresken und persönlicher Geschichte.

Wer in der Otterndorfer Stadtscheune die Treppe hinaufsteigt, betritt einen anderen Ort. Unter dem gläsernen Dach schimmern die Wände in einem hellen Blaugrau, das man in Norddeutschland kaum vermuten würde. Die Farbe stammt aus Heraklion. Dort, im Archäologischen Museum auf Kreta, hängen rund 3500 Jahre alte minoische Fresken vor genau diesem Ton. Die Berliner Künstlerin Johanna Tiedtke hat ihn nach Otterndorf geholt und den Raum damit in eine Installation verwandelt, die ihre Bilder umfängt.

"Svea" heißt die Sonderausstellung, mit der die Stadt und die Griffelkunst-Vereinigung am Sonntag ihre Herbstwahl eröffnet haben. Der Titel ist ein Name: Svea heißt Tiedtkes Tochter, sie ist drei Jahre alt. "Jeder Neuanfang hat ja einen Zauber", sagt die Künstlerin. Von diesem Zauber erzählen ihre Arbeiten aus den Jahren 2023 bis 2026, aber auch von dem, was verblasst, verloren geht und unverhofft wiederkehrt.

Dank an treue Wegbegleiter

Dank zum Abschied aus dem Rat: Bürgermeister Claus Johannßen und Kulturabteilungsleiterin Julia Heuer mit Ursula Holthausen. Foto: Potschka

Zuvor hatte Bürgermeister Claus Johannßen die zahlreichen Gäste begrüßt. Einen besonderen Dank richtete er an Ursula "Ulla" Holthausen. Die langjährige Vorsitzende des Kulturausschusses und stellvertretende Bürgermeisterin scheidet Ende Oktober aus dem Rat aus. Sie habe die Stadt "so toll repräsentiert" und den Ausschuss "so toll geleitet", lobte Johannßen. Gemeinsam mit Julia Heuer, Leiterin der städtischen Kulturabteilung, überreichte er ihr ein Präsent. Heuer wollte von Abschied nichts wissen: "Ich sage nicht Abschied nehmen, sondern auf Wiedersehen."

Seit Jahrzehnten im Ehrenamt für die Griffelkunst: Bürgermeister Claus Johannßen und Julia Heuer mit den Organisatoren Klaus Wyzisk, Klaus Mildner und Jürgen Nowotni.

Ebenso herzlich dankten beide Klaus Wyzisk, Klaus Mildner und Jürgen Nowotni, die die Griffelkunst-Ausstellungen in Otterndorf seit Jahrzehnten ehrenamtlich organisieren. Wyzisk holt zudem die Künstlerinnen und Künstler der Sonderausstellungen in die Stadtscheune. "Das hängt hier, weil die drei etwas machen", brachte es Heuer auf den Punkt. Johannßen verband die Begrüßung mit einem Appell: In politisch unruhigen Zeiten stellten manche Kräfte die Kulturförderung infrage. Umso mehr gelte es, die Freiheit der Kunst zu verteidigen.

Eine Farbe wie eine Eingebung

Was Tiedtke an den Fresken fesselt, ist ihr Überleben. Die Wandbilder haben Jahrtausende überdauert, tragen Risse, Fehlstellen und verblasste Farben, und doch sind sie noch da. "Zerbrechlichkeit und gleichzeitig Stärke, die haben beides", sagt die Künstlerin. Bei ihrem ersten Besuch in Heraklion schaute sie auf die Bilder, nicht auf den Saal. Erst bei einer späteren Reise fiel ihr auf: Der Museumsraum hat ein Glasdach wie die Stadtscheune, einen grau gestreiften Marmorboden und jene blaugraue Wand, vor der die Farben der Fresken strahlen. "Ich habe gemerkt, ich muss diese Farbe mit den Bildern zusammen nach Otterndorf holen. Das war wie eine Eingebung." Sie ließ den Ton rekonstruieren, der Otterndorfer Malerbetrieb Gebrüder Lange setzte den Anstrich mit großem Entgegenkommen um. Selbst die Metallrahmen fügen sich ins Bild: Auch in Heraklion hängen die Fresken gerahmt wie Gemälde.

Räume ohne Menschen

Für ihre Bilder legt die Künstlerin Fragmente der minoischen Fresken digital über Traumdarstellungen der Frührenaissance, vor allem von Fra Angelico. Die Figuren nimmt sie heraus. Übrig bleiben Türen, Gänge, Gärten, bühnenhafte Räume, in denen etwas geschehen ist oder geschehen könnte. "Mit Engeln wie in der Renaissance könnte man das sofort verorten", erklärt Tiedtke. Ohne sie werden es Orte, "die könnten vor 3500 Jahren gewesen sein oder in 3500 Jahren".

"Jeder Neuanfang hat einen Zauber": Johanna Tiedtke vor einer ihrer Arbeiten auf Birkenholz. Foto: Potschka

Die Collagen druckt sie im UV-Verfahren auf helles Birkenholz. Dann beginnt im Atelier der analoge Teil: Sie schleift weg, verstärkt mit feinsten Pinselstrichen, Öl und Buntstift. Das Birkenholz wählt sie bewusst, weil seine ruhige Maserung das Wachstum des Baumes zeigt, "ein wenig wie Wellen oder wie in einem Stoff". Die Arbeiten von 2024 wirken zart, wie im Nebel. Tiedtke verbindet das mit der Zeit nach der Geburt ihrer Tochter, als vieles wie ein Traum war. Die neuen Bilder sind direkter, manche ganz ohne Öl. "Öl schließt die Oberfläche", sagt sie. Mit dem Buntstift allein bleibt die Struktur des Holzes als Teil des Bildes sichtbar.

Kunsthistorikerin Stephanie Bunk, die in die Ausstellung einführte, kennt die in Eckernförde geborene Künstlerin seit 2018, als Tiedtke ihre erste Edition für die Griffelkunst schuf, damals auf Glas. Studiert hat Tiedtke an der Hamburger Hochschule für bildende Künste und am Bard College in New York, unter anderem bei Ulrike Müller, die in der aktuellen Bilderwahl vertreten ist. Erinnern und Vergessen ziehen sich durch ihr Werk, etwa im Zyklus "Käthe" über die Stickbilder ihrer an Demenz erkrankten Großtante. Was Tiedtke auszeichne, sei die Verbindung traditioneller malerischer Techniken mit digitaler Kunst, sagt Bunk: "Diese Kombination finde ich einmalig."

Ein Sonnenaufgang namens Svea

Zwei Gemälde in der Schau stammen nicht von Tiedtke, sondern von ihrem Onkel Otto Jeschke. Der 81-Jährige, der einst in Düsseldorf bei Joseph Beuys studierte und seit Langem an der Schlei lebt, konnte nicht anreisen. Er male aber jeden Tag "wie besessen", erzählt seine Nichte. Als Jeschke nach Jahrzehnten sein Atelier verlor, entstanden dort dunkle, riesige Bilder. Und dann, mitten zwischen ihnen, ein Gemälde wie ein Sonnenaufgang, gemalt zur Zeit der Geburt seiner Großnichte. Es trägt ebenfalls den Titel "Svea". Das Bild daneben hat gleiches Format und heißt eigentlich "Johanna". Es bezieht sich auf den Tod seiner Schwester im vergangenen Jahr.

Anfang und Abschied: Otto Jeschkes Gemälde "Johanna" (links) und "Svea" (rechts) hingen einst neben seiner Staffelei. Das eine erinnert an den Tod seiner Schwester, das andere entstand wie ein Sonnenaufgang zur Geburt seiner Großnichte.

Ein Anfang und ein Ende des Lebens, so deutet Tiedtke das Paar: "Auf dem rechten Bild kommt das Licht zu uns, auf dem anderen nicht." Für einen Moment stockt ihre Stimme. Wie seine Nichte arbeitet Jeschke in Schichten, mit dünnen Lasuren aus natürlichen Pigmenten, wie sie schon die Freskenmaler der Antike kannten. Bunk empfahl den Gästen, sich Zeit zu nehmen: Was Tiedtke in ihre Bilder hineinarbeitete, erschließe sich erst auf den zweiten Blick.

Im Anschluss an die Ausstellung führt die Künstlerin Workshops mit Schülerinnen und Schülern der Grundschule und des Gymnasiums Otterndorf durch. Die jungen Leute gestalten Cyanotypien mit Pflanzen aus ihrer Umgebung, die Ergebnisse sind danach in einer eigenen Ausstellung in der Stadtscheune zu sehen.

"Svea" ist bis zum 22. November in der Galerie in der Stadtscheune, Sackstraße 4, zu sehen, mittwochs und donnerstags von 15 bis 18 Uhr sowie sonntags von 10 bis 12.30 Uhr. Den neuen Griffelkunst-Editionen  403./404. im unteren Geschoss der Stadtscheune widmet unser Medienhaus in Kürze einen weiteren Beitrag.

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Jens Potschka

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