Ein schwerer Vorwurf erschüttert derzeit das Unternehmen Döhler in Neuenkirchen: Tanklaster mit möglicher Chemikalien-Vergangenheit sollen für Lebensmitteltransporte genutzt worden sein. Foto: Mangels
Ein schwerer Vorwurf erschüttert derzeit das Unternehmen Döhler in Neuenkirchen: Tanklaster mit möglicher Chemikalien-Vergangenheit sollen für Lebensmitteltransporte genutzt worden sein. Foto: Mangels
Verdacht auf riskante Transporte

Lebensmittel und Chemikalien in denselben Tanks? Döhler in Neuenkirchen unter Druck

von Christian Mangels | 25.03.2026

Ein brisanter Verdacht belastet das Unternehmen Döhler (Kreis Cuxhaven): Tanklaster, die zuvor Chemikalien transportiert haben sollen, könnten ohne ausreichende Reinigung für Lebensmittel wie Apfelsaftkonzentrat eingesetzt worden sein.

Rund 70 Tanklastzüge rollen im Schnitt Monat für Monat auf das Gelände der Firma Döhler in Neuenkirchen - eine logistische Routine, die bislang kaum Fragen aufwarf. Doch ein vertraulicher Hinweis an cnv-medien.de zeichnet ein beunruhigendes Bild: Demnach könnten Tanklaster für Apfelsaftkonzentrat zuvor mit Chemikalien beladen gewesen sein. Der Informant berichtet von lückenhaften Reinigungsprozessen und warnt vor einer möglichen Kreuzkontamination - ein Vorwurf, der die hohen Ansprüche an Lebensmittelsicherheit ins Wanken bringt.

Unserer Redaktion liegen umfangreiche Transportlisten vor, die nahelegen, dass offenbar immer wieder dieselben Tankfahrzeuge sowohl für Lebensmitteltransporte als auch für hochproblematische Chemikalien eingesetzt wurden - teils in engem zeitlichen Abstand. Die in den Listen genannten Firmen, Transportrouten und Fahrzeugkennzeichen erscheinen nach Recherchen von CNV-Medien authentisch. 

So lieferte etwa das Fahrzeug BO2218CC im Oktober 2025 laut der uns vorliegenden Transportliste zunächst Apfelsaftkonzentrat zum Döhler-Werk nach Neuenkirchen. Nur wenige Wochen später wurde derselbe Tank beim polnischen Chemieunternehmen Grupa Azoty Zakłady Azotowe in Puławy mit der Harnstofflösung AdBlue sowie flüssigen stickstoffhaltigen Düngemitteln beladen - Stoffe, die in konzentrierter Form als gesundheitsschädlich gelten und bei unsachgemäßer Handhabung erhebliche Risiken bergen. Bereits kurz darauf transportierte das Fahrzeug erneut Apfelsaftkonzentrat zu Döhler-Standorten in den Niederlanden und Polen.

Erst Apfelsaft geliefert, dann mit Ethylacetat beladen

Ein weiteres Beispiel ist der Tanklaster BO7059XF: Nach den uns vorliegenden Transportdaten lieferte er Ende Dezember 2025 Apfelsaft nach Neuenkirchen, wurde dann Mitte Januar 2026 in Amsterdam bei Laxmi Organic Industries mit Ethylacetat beladen - einem leicht entzündlichen Lösungsmittel, das in höheren Konzentrationen reizend auf Augen und Atemwege wirkt. Nur wenige Tage später folgte erneut ein Lebensmitteltransport nach Neuenkirchen.

Erst Apfelsaftkonzentrat, dann Methanol: Sollten sich die unserer Redaktion vorliegenden Transportlisten als authentisch bestätigen, wären die dokumentierten Fahrten eindeutig EU-rechtswidrig. Foto: Mangels

Besonders brisant erscheint der Einsatz von Tankwagen, die zuvor Methanol geladen hatten. Methanol ist hochgiftig und kann bereits in kleinen Mengen zu schweren Vergiftungen oder sogar zum Tod führen. Dennoch zeigen die uns vorliegenden Listen, dass Fahrzeuge wie BO6801XF und BO6637EX nach entsprechenden Ladungen bei dem polnischen Unternehmen Baltchem S.A. Zakłady Chemiczne in Stettin wieder für den Transport von Apfelsaftkonzentrat zu Döhler eingesetzt wurden.

Hinzu kommen Transporte von Formaldehydharzen, geladen bei Unternehmen wie Swiss Krono in Żary (Polen) oder Advachem in Hautrage (Belgien). Formaldehyd steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Dennoch wurden auch diese Tanks anschließend wieder für Lebensmitteltransporte genutzt. Weitere Beispiele betreffen Natronlauge (hochätzend), Phthalate wie Diisononylphthalat (im Verdacht, hormonell wirksam zu sein) oder technische Öle. 

Die Brisanz dieser Vorgänge liegt auf der Hand: Selbst kleinste Rückstände solcher Chemikalien können Lebensmittel kontaminieren. Viele der genannten Stoffe sind toxisch, reizend oder stehen im Verdacht, langfristige Gesundheitsschäden zu verursachen. Entscheidend ist dabei die Frage, ob und wie gründlich die Tankfahrzeuge zwischen den Einsätzen gereinigt wurden - und ob die geltenden Hygienevorschriften eingehalten wurden. Nach Darstellung unseres Informanten bestehen Zweifel daran, dass die vorgeschriebenen Reinigungs- und Trennprotokolle konsequent umgesetzt werden.

Die rechtlichen Grundlagen sind klar geregelt

Sollten sich die Listen als authentisch bestätigen, wären die dokumentierten Fahrten eindeutig EU-rechtswidrig. Die rechtlichen Grundlagen zur Beförderung von Lebensmitteln sind klar geregelt. So heißt es im Anhang der EU-Verordnung Nr. 852/2004 unter anderem: "Lebensmittel, die in flüssigem, granulat- oder pulverförmigem Zustand als Massengut befördert werden, werden in Transportbehältern und/oder Containern/Tanks befördert, die ausschließlich der Beförderung von Lebensmitteln vorbehalten sind. Die Container sind in einer oder mehreren Sprachen der Gemeinschaft deutlich sichtbar und dauerhaft als Beförderungsmittel für Lebensmittel auszuweisen, oder sie tragen den Aufdruck 'Nur für Lebensmittel‘."

Luftaufnahme des Döhler-Werks in Neuenkirchen: Der Verdacht auf riskante Transporte von Lebensmitteln und Chemikalien bringt das Unternehmen unter Druck. Foto: Airpix Nord

cnv-medien.de hat einen Experten gebeten, eine Einschätzung zu den in den Transportlisten aufgeführten Chemikalien und Gefahrstoffen sowie den damit verbundenen Risiken abzugeben. Michael Dornbusch, Professor für Lacktechnologie im Fachbereich Chemie an der Hochschule Niederrhein, findet klare Worte: Gefahrstoffe und Lebensmittel im selben Tank zu transportieren, ist seiner Meinung nach "ein Unding". Er glaubt nicht, "dass man einen Tank so sauber bekommt, dass es unbedenklich ist". Auch die Schlauchleitungen, Anschlüsse und weitere Komponenten würden, so Dornbusch, weiterhin geringe Mengen der gefährlichen Substanzen enthalten.

Die Lebensmittelüberwachung des Landkreises Cuxhaven hat nach Recherchen von CNV-Medien Untersuchungen bei der Firma Döhler eingeleitet. Die Pressestelle bestätigte, dass eine entsprechende Anzeige vorliegt. Weitere Auskünfte zum laufenden Verfahren seien aus Datenschutzgründen nicht möglich. In den vergangenen Jahren habe es keine Beanstandungen bei Lebensmitteltransporten in Tankfahrzeugen gegeben.

Auch das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Cuxhaven beobachtet die Situation. Behördenleiterin Evelin Wadephul erklärte gegenüber unserer Redaktion: "Wir werden dem Sachverhalt nachgehen." Dabei gehe es insbesondere um Zuständigkeiten im Arbeits- und Umweltschutz sowie um Fragen des betrieblichen Gefahrgutrechts. Die Verbraucherorganisation Foodwatch befasst sich ebenfalls mit dem Fall. Eine entsprechende Mail sei eingegangen, teilte Pressesprecherin Sarah Häuser mit. "Die zuständigen Kolleginnen prüfen den Hinweis." 

Und wie reagiert das Unternehmen Döhler auf die erhobenen Anschuldigungen? In einem Telefonat mit cnv-medien.de sowie in einer schriftlichen Stellungnahme haben sich Katharina Wallace, Marketing Communications Manager, und Dirk Schweikert, Head of Group Quality, aus der Döhler-Zentrale in Darmstadt ausführlich zu den Vorwürfen sowie zu den Sicherheits- und Hygienestandards im Unternehmen geäußert.

Keine Hinweise bei firmeninternen Kontrollen

"Zum jetzigen Zeitpunkt sind uns keine Fälle bekannt, in denen Tankfahrzeuge mit zuvor nicht lebensmittelgeeigneten Ladungen für Transporte unserer Produkte eingesetzt wurden", erklärt Katharina Wallace. Auch im Rahmen firmeninterner Kontrollen hätten sich keine entsprechenden Hinweise ergeben. Dirk Schweikert sagt im Telefongespräch aber auch: "Eine hundertprozentig sichere Kontrolle wird schwer möglich sein."

Das Qualitätsmanagement von Döhler nimmt den Hinweis auf mögliche Hygienemängel nach eigenen Angaben sehr ernst. Untersuchungen seien umgehend eingeleitet worden und dauerten derzeit noch an. "Wir stehen im engen Austausch mit unseren Partnern und den zuständigen Behörden."

Als Massengut dürfen Lebensmittel nur in dafür vorgesehenen Containern und Tanks mit der Aufschrift "Nur für Lebensmittel" befördert werden. Foto: ChatGPT

Der Spezialist für Saftkonzentrate betont, an seine Logistikpartner umfassende Anforderungen zu stellen. Dazu gehörten unter anderem der Einsatz lebensmitteltauglicher und hygienisch einwandfreier Tankfahrzeuge sowie die Einhaltung eines klar definierten und zulässigen Vorladungsmanagements. Zudem würden dokumentierte und validierte Reinigungsprozesse vorausgesetzt.

"Auch qualifiziertes und geschultes Fahrpersonal sowie eine vollständige und nachvollziehbare Transportdokumentation sind für uns zwingend erforderlich", sagt Katharina Wallace. Alle Partner seien verpflichtet, sowohl die geltenden gesetzlichen Vorgaben als auch die internen Qualitätsstandards und Kundenspezifikationen einzuhalten.

Der Ausgang der laufenden Untersuchungen bei Döhler sowie bei den beteiligten Partnern und Speditionen wird nun maßgeblich für die weitere Bewertung des Falls sein.

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Christian Mangels

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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