Tanktransporte nach Neuenkirchen: Experten warnen vor strukturellen Schwächen
Neue Vorwürfe zu Hygienemängeln bei Tanktransporten setzen die Branche unter Druck. Der Präsident des Tankreinigungsverbands ENFIT sieht kein Einzelfallproblem, sondern strukturelle Schwächen in der Lebensmittellogistik und fordert Konsequenzen.
Die Diskussion um mögliche Hygienemängel bei Tanktransporten im Umfeld des Fruchtsaftkonzentrat-Herstellers Döhler weitet sich weiter aus. Nach den bisherigen Recherchen der NEZ/CN-Redaktion, die auf auffällige Überschneidungen zwischen Lebensmittel- und Chemikalientransporten hindeuten, sowie neuen europaweiten Ermittlungen, meldet sich nun der Präsident des Internationalen Tankreinigungsverbands (ENFIT), Hans-Dieter Philipowski, mit einer deutlichen Einschätzung erneut zu Wort.
Nach Einschätzung von Philipowski handelt es sich nicht um isolierte Einzelfälle. "Aus unserer Sicht zeigt sich hier ein systemisches Problem", erklärt er im Gespräch mit cnv-medien.de. Nach mehr als 20 Jahren Erfahrung im Bereich Transporthygiene sehe man vergleichbare Muster immer wieder.
Tatsächlich hatten die bisherigen Recherchen von CNV-Medien bereits ergeben, dass einzelne Tankfahrzeuge offenbar wiederholt sowohl für Lebensmittel als auch für potenziell gefährliche Chemikalien eingesetzt wurden, teils in engem zeitlichen Abstand. Ein Branchenkenner sprach zudem von "sehr ernsthaften Missständen" im Transport- und Reinigungssektor.
Philipowski geht in seiner Einschätzung noch weiter. Ähnliche Risikomuster hätten sich in den vergangenen Jahren auch bei bekannten Lebensmittelrückrufen gezeigt, etwa bei Süßwaren, Babynahrung oder Milchprodukten. Diese Fälle unterschieden sich zwar im Detail, hätten aber eine gemeinsame Botschaft: Liefer- und Transportketten seien anfälliger, als viele Kontrollsysteme vermuten ließen, so Philipowski.
Bei Risikoanalysen erhebliche Schwachstellen festgestellt
Der ENFIT-Präsident verweist auf eigene Analysen in Unternehmen der Branche. Bei sogenannten Transport-Hygiene-Risikoanalysen seien "erhebliche Schwachstellen" festgestellt worden. Dazu zählten unter anderem Mängel bei der Reinigung von Tanks, unzureichende Sicherheitsmaßnahmen, fehlerhafte Angaben zu Vorladungen sowie lückenhafte Dokumentationen. Die Ergebnisse seien den Unternehmen vertraulich übergeben worden.
Besonders kritisch bewertet Philipowski den Umgang mit diesen Erkenntnissen. Trotz klar dokumentierter Risiken habe es häufig keine konsequente Umsetzung von Verbesserungen gegeben. Sein persönlicher Eindruck: "Man hat die Risiken gesehen, wollte sich ihnen aber nicht wirklich stellen."

Vor diesem Hintergrund habe er den Fall Döhler zum Anlass genommen, erneut Behörden einzuschalten. Nach eigenen Angaben wandte sich Philipowski unter anderem an das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) sowie an Bundes- und EU-Behörden. Die Reaktion aus Niedersachsen beschreibt er als zurückhaltend: Man kenne die Problematik, sehe derzeit jedoch keinen Bedarf für zusätzliche Expertise. Von anderen Stellen habe er bislang keine Rückmeldung erhalten.
Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch Hinweise eines Branchenkenners aus Osteuropa, der der NEZ/CN-Redaktion weitere Einblicke in angrenzende Transportbereiche gegeben hat. Nach dessen Einschätzung beschränken sich die Risiken keineswegs auf Flüssigtransporte. Vielmehr gebe es auch im sogenannten Trockengut- beziehungsweise Silotransport erhebliche Schwachstellen. Dort könnten Lebensmittelhersteller beim Entladen von Rohstoffen aus Silos unter Umständen Verunreinigungen wie Kunststoffpartikel oder andere Fremdstoffe in Kauf nehmen, da Verfahren zur Trennung von Vorladungen oft weniger strikt seien als im Flüssigbereich.
Während die in den bisherigen Recherchen beschriebenen Fälle bereits als gravierende Verfahrensverstöße zu bewerten seien, weil chemische Vorladungen mit lebensmittelbezogenen Transporten in Verbindung standen, sei dies im Silobereich nach Angaben des Informanten teilweise gängige Praxis. Als typische Vorladungen nennt er unter anderem Asche für die Zementherstellung, Kalksteinmehle, technische Sande, Dolomitpulver, Perlit, Branntkalk, Futtermittel, Getreide, Kunststoffgranulate oder auch fertige Baustoffmischungen und Pellets.
Die Problematik sei der Branche demnach nicht unbekannt. Man habe entsprechende Bedenken bereits mehrfach gegenüber Herstellern adressiert, jedoch "leider wenig oder gar keine Reaktion" erhalten.
Die bisherigen Entwicklungen zeigen aus Sicht des Verbandspräsidenten und weiterer Branchenstimmen ein größeres Bild: Es geht nicht nur um einzelne mögliche Verstöße, sondern um "strukturelle Schwachstellen in der Lebensmittellogistik". Gerade die Reinigung, Kontrolle und Dokumentation von Transportbehältern, sowohl im Flüssig- als auch im Trockengutbereich, gelten als zentrale Risikopunkte.
Ob und in welchem Umfang sich die Vorwürfe im konkreten Fall bestätigen, ist weiterhin Gegenstand laufender Untersuchungen. Klar ist jedoch: Die Debatte über die Sicherheit von Tank- und Silotransporten hat durch die neuen Einschätzungen zusätzliche Dynamik gewonnen.