Nordseeklinik Helgoland meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an
Die Nordseeklinik Helgoland stellt sich mit einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung der Zukunft. Ziel ist die Sicherung und Modernisierung der Gesundheitsversorgung trotz regionaler Besonderheiten und rechtlicher Hürden.
"Die Nordseeklinik Helgoland hat ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet - nicht um zu schließen, sondern um die zukünftige internistische und chirurgische Krankenversorgung als sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung sicherzustellen." Das teilt Sten Wessels als Klinik-Geschäftsführer in einer Presseerklärung am 30. Oktober 2026 mit.
Den Mitarbeitenden sei dies in einer Betriebsversammlung am Donnerstag (29. Oktober 2026) mitgeteilt worden.
Gemeinsames Ziel des Inselkrankenhauses, der Landespolitik und der Krankenkassen sei es, die medizinische Versorgung auf Helgoland entsprechend der bundespolitischen Krankenhausreform neu aufzustellen, wirtschaftlich tragfähig auszurichten und die wohnortnahe Gesundheitsversorgung langfristig zu erhalten, heißt es in der Mitteilung.
Sanierung mit Perspektive für die Hochseeinsel
Das Inselkrankenhaus habe ein Restrukturierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet, um die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die vom Land und den Krankenkassen gewünschte Zukunft als sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung zu schaffen, so Sten Wessels.
Eine sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung sei ein Krankenhaus mit einem auf die Grundversorgung in der Inneren Medizin ausgerichteten Versorgungsauftrag. Dies leiste die Nordseeklinik seit Jahrzehnten.
In wirtschaftliche Schieflage geraten sei das Haus wegen Rückforderungen der Krankenkassen aus Altverbindlichkeiten, die die Klinik nicht bedienen könne. Sie hätten aber mit der besonderen Lage der vom Festland abgelegenen Hochseeinsel zu tun, erklärte der Geschäftsführer auf Nachfrage von CNV-Medien. Denn das Inselkrankenhaus hält einen Chirurgen vor. Diese Sicherstellung wollen die Kassen nicht tragen und fordern Geld zurück.
"Wir sind hier weitab vom Schuss"
Auf der Insel Helgoland gibt es die Besonderheit in der chirurgischen Versorgung. In allen anderen Teilen der Bundesrepublik ist ein niedergelassener Chirurg oder ein Krankenhaus mit chirurgischer Abteilung innerhalb von höchstens 30 Minuten erreichbar. Deshalb sieht das Bundesrecht dort keine chirurgische Grundversorgung durch eine sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung vor. Helgolands Entfernung zum Festland und die regelmäßige Herausforderung durch Wind und Wetter machten dies aber schlicht unmöglich, so Wessels: "Unsere Klinik ist nicht vergleichbar mit einem Krankenhaus in Cuxhaven oder Pinneberg. Wir sind hier weitab vom Schuss - uns manchmal, so wie vor einigen Tagen bei Sturm kann kein Schiff fahren und kein Hubschrauber fliegen."
Chirurgische Leistungen in Bundesrepublik nicht vorgesehen
Das Problem: Nach den bundesrechtlichen Regelungen dürfe eine solche sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung internistische und geriatrische, nicht aber chirurgische Leistungen, erbringen. Bei Knochenbrüchen, tiefen Schnittwunden, lebensbedrohlichem Pneumothorax oder ähnlichen chirurgischen Notfällen würde dann für Insulaner und Gäste eine relevante Versorgungslücke entstehen.
Zur Schließung dieser Lücke bedarf es einer landesrechtlichen Rechtsverordnung, die den regionalen Besonderheiten Rechnung trägt. Den Erlass einer solchen Rechtsverordnung sieht das Krankenhausentgeltgesetz ausdrücklich vor.
In den bisherigen Gesprächen mit dem Land Schleswig-Holstein und den Krankenkassen sei deutlich geworden, dass alle Akteure die Notwendigkeit einer solchen Regelung zur Berücksichtigung der Besonderheiten Helgolands sehen.
Die Nordseeklinik zeige sich, so Wessels, deshalb sicher, dass die Politik die Voraussetzungen schaffen werde, um zukünftig neben der internistischen Versorgung auch die die stationäre chirurgische Versorgung auf der einzigen Hochseeinsel Deutschlands sicherzustellen.
Diese zukunftsorientierte Versorgungsstruktur dürfe jedoch nicht durch Altlasten gebremst oder verhindert werden.
Es bestünden zwischen der Nordseeklinik und den Krankenkassen unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Klinik in der Vergangenheit erhaltene Sicherstellungszuschläge - die immer nur Defizitausgleich waren und nie zu Gewinnen führten - zurückzahlen muss. Diese Differenzen könnten am besten in einem gerichtlich kontrollierten Verfahren und einem im Konsens erarbeiteten Insolvenzplan beigelegt werden. In der den regionalen Besonderheiten Rechnung tragenden Rechtsverordnung kann dann für die Zukunft eindeutig festgelegt werden, dass die Nordseeklinik Sicherstellungszuschläge erhält, wenn diese zur Stützung der medizinischen Versorgung auf der Insel notwendig sind.
Mit ihren 24 Betten und 40 Angestellten ist die Klinik wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung der Insel. Die rund 1500 Inselbewohner und jährlich ca. 300.000 Urlaubs-, Kur- und Tagesgäste finden dort medizinische Versorgung in den Bereichen der Inneren Medizin, der Chirurgie sowie der Unfallchirurgie. Gleichzeitig ist der angegliederte Rettungsdienst für die Erstversorgung bei medizinischen Notfällen zuständig. Die neurologische Station blickt auf über 40-jährige Erfahrung, besonders im Bereich Parkinson-Erkrankungen zurück.
Bewusst Teil einer Anpassungsstrategie
Das eingeleitete Eigenverwaltungsverfahren der Nordseeklinik Helgoland ist laut Geschäftsführer Wessels bewusst Teil einer Anpassungsstrategie. So soll auch zukünftig die medizinische Versorgung der Bewohner und Besucher von Helgoland sichergestellt sein.
Während des Verfahrens werde die Klinik weiter von dem Geschäftsführer Sten Wessels und nicht von einem Insolvenzverwalter geführt. Unterstützt wird der Geschäftsführer während des Verfahrens durch den Sanierungs- und Insolvenzexperten Dr. Frank Kreuznacht (BBORS Kreuznacht Rechtsanwälte). Dr. Malte Köster (Bremen) vom Amtsgericht sei als vorläufiger Sachwalter bestellt worden.
Die Verhandlungen mit den Krankenkassen würden durch den Krankenhausfinanzierungsexperten Dr. Ingo Pflugmacher (Busse & Miessen Rechtsanwälte, Bonn) begleitet.
Alle Beteiligten zeigten sich davon überzeugt, dass eine schnelle Umsetzung des Sanierungsplans erfolgen wird und das Krankenhaus auf Helgoland in eine sichere Zukunft geführt werden könne.
Träger der Nordseeklinik ist die Park-Hospital GmbH, die es von der Paracelsu-Gruppe übernommen hatte. Sitz der Gesellschaft ist auf Helgoland, vormals saß die Park-Hospital GmbH in Osnabrück. Helgoland ist ihre einzige Klinik.
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