Ein Anruf, viele Kilometer entfernt: Notrufe aus Cuxhaven landen in der zentralen Leitstelle Oldenburg, die Einsätze über große Distanzen koordiniert. Foto: dpa/Weimer
Ein Anruf, viele Kilometer entfernt: Notrufe aus Cuxhaven landen in der zentralen Leitstelle Oldenburg, die Einsätze über große Distanzen koordiniert. Foto: dpa/Weimer
180 Kilometer entfernt

Notruf aus dem Kreis Cuxhaven: Darum landet die 110 in Oldenburg

von Christian Mangels | 06.08.2026

Als ein Cuxhavener Ehepaar während eines Schockanrufs die 110 wählte, meldete sich überraschend die Polizei in Oldenburg. Doch genau dort werden Notrufe aus Stadt und Kreis angenommen. Wie die 110 organisiert ist und warum auch Bremen rangehen kann.

Während seine Frau die mutmaßlichen Betrüger am Festnetz hinhielt, griff Heinz Rademacher (Name von der Redaktion geändert) zum Handy und wählte die 110. Das Cuxhavener Ehepaar hatte einen Schockanruf erhalten: Angeblich hatte die Tochter einen schweren Unfall verursacht. 65.000 Euro sollten sie zahlen, um eine Haft zu verhindern. Die Rademachers hatten die Masche erkannt und wollten die Polizei einschalten. Was den 70-Jährigen jedoch überraschte: Am anderen Ende meldete sich nicht die Polizei in Cuxhaven. Sein Notruf war im rund 180 Kilometer entfernten Oldenburg gelandet.

Das war kein technischer Irrläufer. Wer in der Stadt oder im Landkreis Cuxhaven die 110 wählt, wird üblicherweise genau dorthin verbunden. "Notrufe über die 110 aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven werden grundsätzlich durch die Kooperative Großleitstelle Oldenburg entgegengenommen", erklärt Polizeisprecherin Britta Schumann auf Anfrage unserer Redaktion.

Seit 2012 laufen Cuxhavener Notrufe in Oldenburg auf

Die Leitstelle am Friedhofsweg in Oldenburg ist für ein enormes Gebiet zuständig. Rund 1,7 Millionen Menschen leben in ihrem Einzugsbereich. Seit 2012 laufen dort die Notrufe aus insgesamt sieben Polizeiinspektionen zusammen - darunter auch aus dem Landkreis Cuxhaven.

Zuvor verfügten die einzelnen Polizeiinspektionen über eigene kleinere Leitstellen. Mit der Zusammenlegung entstand eine der größten kooperativen Leitstellen Deutschlands. Rund 130 Mitarbeitende arbeiten dort, die Notrufannahme ist rund um die Uhr im Schichtsystem besetzt.

Rund 30 Telefonleitungen stehen zur Verfügung. Täglich gehen nach Angaben der Polizei zwischen 500 und 2500 polizeirelevante Anrufe über die 110 ein. Im Durchschnitt werden etwa 700 Einsätze am Tag bearbeitet. Die Bandbreite reicht von schweren Straftaten und akuten Gefahrenlagen bis zu weniger dramatischen oder mitunter kuriosen Anliegen. Allein im Jahr 2024 gingen in Niedersachsen insgesamt mehr als 1,1 Millionen Anrufe über die Notrufnummer 110 ein.

Dass der Notruf in Oldenburg angenommen wird, bedeutet allerdings nicht, dass von dort ein Streifenwagen nach Cuxhaven geschickt wird. Notrufannahme und Einsatzkoordination greifen ineinander. Hat der Mitarbeiter am Telefon genügend Informationen über die Situation gesammelt, wird im Computersystem ein Einsatz mit einem entsprechenden Stichwort angelegt. Die weitere Koordination übernehmen Beschäftigte, die für die jeweiligen Gebiete zuständig sind. Die Einsatzkräfte selbst kommen anschließend aus dem Bereich der Polizeiinspektion Cuxhaven. "Unabhängig davon werden Notrufe unverzüglich bearbeitet, die Einsatzlage bewertet und die zuständigen Einsatzkräfte der Polizeiinspektion Cuxhaven informiert und entsandt", sagt Schumann.

Das System soll unter anderem ermöglichen, dass ein Mitarbeiter der Leitstelle mit einem Hilfesuchenden am Telefon bleiben kann, während parallel bereits der Einsatz organisiert wird. In einer akuten Situation kann das Gespräch damit grundsätzlich so lange fortgeführt werden, bis die Streife vor Ort eintrifft.

Der Fall des Cuxhavener Ehepaars verlief anders. Heinz Rademacher berichtete unserer Redaktion, die Leitstelle in Oldenburg habe ihn an die Cuxhavener Dienststelle verwiesen. Dort sei ihm schließlich gesagt worden, dass keine Beamten zu dem Ehepaar kommen könnten. Die Rademachers sollten das Gespräch mit den Betrügern beenden und anschließend Anzeige erstatten. Gerade das hatte bei ihnen für Unverständnis gesorgt. Sie waren nach eigener Aussage bereit gewesen, eine Geldübergabe zum Schein zu vereinbaren und so möglicherweise eine Festnahme zu ermöglichen.

Die Polizeiinspektion Cuxhaven prüft den damaligen Einsatzablauf weiterhin intern. Bereits nach dem Vorfall hatte Sprecherin Britta Schumann erklärt, erst nach Abschluss dieser Prüfung lasse sich beurteilen, ob die getroffenen Maßnahmen den vorgesehenen Abläufen entsprochen hätten oder Verbesserungsbedarf bestehe.

Ein Cuxhavener Notruf kann auch in Bremen landen

Ein Cuxhavener Notruf kann übrigens auch außerhalb Oldenburgs landen. Welche Notrufannahmestelle das Gespräch übernimmt, hängt unter anderem von der aktuellen Auslastung und der technischen Verteilung ab. So kann sich nach dem Wählen der 110 beispielsweise auch eine Leitstelle in Bremen melden, wie Polizeisprecherin Britta Schumann erklärt.

Für einen Anrufer kann es deshalb zunächst befremdlich wirken, wenn er die 110 in Cuxhaven wählt und sich ein Mitarbeiter in Oldenburg oder Bremen meldet. Für die Bearbeitung des Notfalls soll das aber keinen Unterschied machen, wie die Polizei versichert: Die zuständige Leitstelle nimmt die Informationen auf, bewertet die Lage und sorgt dafür, dass die örtlich zuständigen Polizeikräfte informiert werden.

Die Bündelung in zentralen Leitstellen hat nachvollziehbare Vorteile: Personal und Technik können großräumig eingesetzt und Notrufannahme sowie Einsatzsteuerung getrennt organisiert werden. Kritiker weisen allerdings auf einen möglichen Nachteil hin: Je weiter die Leitstelle vom Einsatzort entfernt ist, desto schwieriger kann es sein, auf detaillierte lokale Kenntnisse zurückzugreifen.

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Christian Mangels

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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