Nutria auf dem Teller: Warum Stade den Trend feiert - und der Kreis Cuxhaven zögert
Nutrias, auch Biberratten genannt, breiten sich rasant aus, zerstören Deiche und alarmieren Jäger. Im Landkreis Stade setzen einige Köche inzwischen auf das Fleisch des Nagers. Im Kreis Cuxhaven spielt dieser Gastro-Trend bislang keine große Rolle.
Andere kämpfen mit Schaufeln und Sandsäcken gegen Deichschäden, im Dörfchen Breitenwisch im Landkreis Stade hingegen geht man die Sache kulinarisch an. Dort gibt es regelmäßig Veranstaltungen, um einem der gefährlichsten Schädlinge für Deiche, dem Nutria, buchstäblich den Garaus zu machen - und zwar mit Messer und Gabel. Das Nutria-Festessen unterstützt den Küstenschutz, aber nicht ausschließlich. Nutrias, die bis zu acht Kilogramm wiegen, gelten als ausgesprochen schmackhaft, auch wenn ihre gängige Bezeichnung Sumpfbiber wenig appetitlich klingt.
Bereits seit 2022 lädt der Jäger Henning Jarck im Frühjahr Jagdkollegen, Freunde und Nutria-Neulinge zum Schmaus ins Gasthaus seines Bruders Holger Jarck ein. Was zunächst Zweifel auslöste, hat sich längst als kulinarischer Geheimtipp etabliert. "Beim ersten Mal waren es 17 Teilnehmer, die sich eher vorsichtig an den Nutria wagten", erinnert sich Jarck. Im vergangenen Jahr strömten bereits rund 70 Gäste an zwei Abenden in das Gasthaus in Breitenwisch, um das besondere Geschmackserlebnis zu entdecken.
Auch im Gasthaus "Zwei Linden" in Balje, ebenfalls im Landkreis Stade, landen die aus Südamerika eingewanderten Tiere auf dem Teller. Unter dem Motto "Genuss trifft Neugier" wurde im Februar ein großes Nutria-Buffet aufgefahren. Feinschmecker beschreiben Nutriafleisch als cholesterinarm, eiweißreich und "absolut bekömmlich", vergleichbar mit Perlhuhn oder Fasan. Es wird als Ragout, Braten oder im Burger serviert.
Der invasive Nager breitet sich im Cuxland zunehmend aus
Nicht nur im Landkreis Stade nimmt die Zahl der Nutrias rasant zu, auch im Cuxland breitet sich der invasive Nager zunehmend aus. Die Jägerschaft Land Hadeln-Cuxhaven kann davon ein Lied singen: Lag die Zahl der Nutrias im Streckenbericht 2019/2020 noch bei 70 Tieren, sind es im Jagdjahr 2024/2025 laut Kreisjägermeister bereits 652.
Große Auswirkungen auf die Gastronomie im Kreis Cuxhaven hat die Ausbreitung der Biberratte aber noch nicht. "In unserer Küche haben wir bislang keine Erfahrungen mit Nutriafleisch gesammelt und auch keine entsprechenden Gerichte angeboten", erklärt Eric Janssen vom Norddeutschen Hof in Cuxhaven-Lüdingworth. Aktuell könne er sich nicht vorstellen, Nutria auf die Speisekarte zu setzen. Gastronomische Trends habe der Norddeutsche Hof zwar im Blick. "Aus unserer Erfahrung bevorzugt der Großteil unserer Gäste jedoch vertraute, qualitativ hochwertige Speisen statt ungewöhnlicher Exoten."

Küchenchef und Landwirt Thorsten aus Hechthausen sieht es ähnlich. "Mit dem Thema Nutria haben wir uns noch nicht befasst und werden wir auch nicht", sagt der Betreiber des Restaurants Golsch, das auf Rind- und Schweinefleisch sowie auf Forellen spezialisiert ist. Seine Gäste, so glaubt er, seien nicht bereit, Nutriafleisch zu probieren.
Einer der wenigen Gastwirte im Cuxland, die sich aufgeschlossen gegenüber der kulinarischen Verarbeitung der Nutrias zeigen, ist der Wingster Koch und Hotelier Claus Peter. "Ich stehe in Kontakt zu den hiesigen Jägern und würde es gern einmal ausprobieren", sagt Peter. Er könnte sich auch einen Kochkurs mit Jägern zum Thema vorstellen, um das Nagetier besser kennenzulernen.
Und was sagt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband zum vermeintlichen Gastro-Trend Nutria? "Aus Sicht des Dehoga ist Nutria derzeit kein Thema, das in der Gastronomie bereits flächendeckend oder in nennenswertem Umfang auf den Speisekarten auftaucht", meint Olaf Wurm, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Wesermünde-Hadeln. "Einzelne Betriebe greifen immer wieder besondere oder regionale Wildprodukte auf, eine breitere Entwicklung beobachten wir aktuell jedoch nicht."
Die Idee, stark wachsende oder invasive Tierbestände auch kulinarisch zu nutzen, sei zwar durchaus nachvollziehbar. "Ob sich ein Produkt in der Praxis durchsetzt, hängt aber nicht allein von der Verfügbarkeit ab, sondern auch von Akzeptanz, Vermarktung, Zubereitung und Nachfrage der Gäste", so Wurm.
Insofern habe Nutria derzeit eher den Charakter einer kurzfristigen Besonderheit. Ob daraus ein langfristig tragfähiges Thema für die Gastronomie werde, hänge stark davon ab, ob sich eine verlässliche Angebotsstruktur und eine entsprechende Gästenachfrage entwickeln.