Vom Torfhafen zur "miniMarina": So verändert sich Osterbruchs kleiner Hafen
Vom Torfumschlag zum Freizeitrevier: Der kleine Hafen in Osterbruch hat eine bewegte Geschichte. Felix Kybart, der heute in München lebt, will den Ort seiner Kindheit bewahren und zugleich mit neuen Angeboten für Gäste in die Zukunft führen.
Sein Lebensmittelpunkt liegt in München, seine Heimat in Osterbruch. Mehr als 700 Kilometer liegen dazwischen, doch für Felix Kybart ist die Verbindung nie abgerissen. Der 58-Jährige lebt mit seiner Familie in der bayerischen Landeshauptstadt und arbeitet dort in leitender Position beim Nutzfahrzeughersteller MAN Truck & Bus. In Osterbruch gilt seine besondere Verbundenheit dem kleinen Hafen am Hadelner Kanal und dem Anwesen des ehemaligen Gasthauses "Zum Bülkauer Baum". Hier ist er aufgewachsen.
Kybarts Eltern Irmgard und Ulrich leben bis heute dort, direkt am Wasser. Inzwischen hat Felix Kybart das Grundstück übernommen und begonnen, dem Ort eine neue Zukunft zu geben. Was lange vor allem Teil der Familiengeschichte war, soll wieder zu einem Platz werden, an dem Menschen ankommen und sich wohlfühlen. "Das ist so ein schöner Ort. Den wollen wir mit anderen teilen", sagt Kybart. Dabei geht es ihm nicht um eine Rückkehr zu früheren Zeiten, sondern darum, den Charakter des Ortes zu bewahren und behutsam weiterzuentwickeln.
Besucher können SUP-Boards und Kanus ausleihen
Einiges ist bereits passiert. Für Sportboote gibt es Liegeplätze, Strom- und Wassersäulen sind installiert. Zur "miniMarina" gehören Stellplätze für Wohnmobile; außerdem können Besucher SUP-Boards und Kanus ausleihen. "Weitere Schritte sollen folgen", sagt der Wahl-Münchener. Seit Kurzem hat die Entwicklung sogar einen eigenen Namen im Straßenverzeichnis: Ein Teil der bisherigen Osterbrucher Dorfstraße heißt nun "Am kleinen Hafen".
Wer den Hafen heute nur als idyllischen Platz für Sportboote betrachtet, übersieht, wie viel Geschichte an diesem Ufer zusammenkommt. Der "Bülkauer Baum" war weit mehr als ein Ausflugslokal. Wasser, Landwirtschaft, Handel und Gastwirtschaft gehörten hier über Generationen zusammen.
Das Haus wurde 1854 als Gastwirtschaft errichtet. 1870 kaufte August Jungclaus, der Urgroßvater von Irmgard Kybart, das Anwesen. Über der Wohnung befand sich ein großer Tanzsaal. Wirtschaftliche Grundlage der Familie blieb jedoch vor allem die Landwirtschaft; zeitweise gehörte auch eine Kohlenhandlung zum Betrieb.
Seine besondere Bedeutung erhielt der Ort durch die Schifffahrt. In der Hauptzeit der Torfschifffahrt zwischen etwa 1860 und 1914 kamen zahlreiche Kähne über den Hadelner Kanal. Torf war ein wichtiger Brennstoff und wurde unter anderem bis Otterndorf transportiert. Am "Bülkauer Baum" warteten Ackerwagen auf die Ladungen, um das Material vom Wasser weiter ins Land zu bringen.
Der kleine Hafen war Umschlagplatz und Raststation zugleich. Torfschiffer kehrten in der Gaststube ein, ebenso Arbeiter der gegenüberliegenden Ziegelei und Menschen aus den umliegenden Dörfern. Auch Milch wurde über das Wasser transportiert: Bewohner der sogenannten Landmark brachten ihre Milchkannen in schmalen Holzkähnen bis zur Kanalbrücke, wo ein Fuhrwerk sie zur Molkerei übernahm. Hafen bedeutete hier nicht Freizeit, sondern Arbeit, Versorgung und Verbindung.

Doch früh begann jener Wandel, den Felix Kybart heute auf andere Weise fortsetzt: Das Wasser wurde zunehmend auch zum Freizeitrevier. Nach der Währungsreform von 1948 kamen Paddler aus Bremerhaven und Bederkesa. Sie machten ihre Boote im Hafen fest und schlugen auf dem Hof der Familie Jungclaus ihre Zelte auf. Manche halfen bei der Heuernte, Lebensmittel gab es direkt vom Hof. Aus einem Arbeitsplatz am Wasser wurde allmählich auch ein Ferienort.
Das Leben spielte sich unmittelbar am Kanal ab. Kinder lernten hier schwimmen, im Winter wurde Schlittschuh gelaufen. Mit dem Ausbau und der Verbreiterung des Hadelner Kanals 1962 nahm der Schiffsverkehr noch einmal kräftig zu. Frachtschiffe gehörten zum alltäglichen Bild. Überliefert ist sogar die Geschichte eines Obstbauern, der Äpfel von Osterbruch per Schiff nach Hamburg brachte und dort verkaufte.
Doch die große Zeit der Frachtschifffahrt verging. 1973 endete auch die Gastwirtstradition des "Bülkauer Baums". Etwa in dieser Zeit wurde die höher gelegene massive Straßenbrücke eingeweiht und die alte Holzbrücke abgerissen.
Was blieb, war der Kanal. Nur seine Nutzung änderte sich. Aus der Verkehrsader für Torf, Milch, Kohle und Obst wurde zunehmend eine Route für Freizeitschiffer. Sportboote wurden immer häufigere Gäste, für den Wassersport gewann der Kanal als Verbindung zu größeren Gewässern an Bedeutung.
Gastwirtschaft ist seit mehr als fünf Jahrzehnten geschlossen
Genau an dieser Entwicklung setzt Felix Kybart an. Er versucht nicht, das alte Gasthaus von 1854 zurückzuholen. Die Zeit der Torfewer ist vorbei, die Gastwirtschaft seit mehr als fünf Jahrzehnten geschlossen. Doch die ursprüngliche Funktion des Ortes lässt sich neu lesen: Menschen kamen hier an, machten fest, tauschten sich aus und zogen irgendwann weiter. Heute sind es Sportboote statt Torfkähne, Wohnmobile statt Ackerwagen, SUPs und Kanus statt Milchkähne. "Der Hafen bleibt ein Ort des Ankommens", sagt Kybart.
Wie viel Leben an diesem besonderen Ort wieder möglich ist, soll sich am Sonnabend, 15. August, zeigen. Ab 17 Uhr lädt der Osterbrucher Verein KulturPur zu einem kleinen Hafenfest mit dem Trio "Der Steve & Friends" ein. Denn auch wenn sich Boote, Gäste und Zeiten geändert haben: Der kleine Hafen ist bis heute ein Ort geblieben, der Menschen verbindet.

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