Neue Ausstellung in der Stadtscheune Otterndorf: Was "Mit Liebe. Hamburg C5" bietet
In der Stadtscheune Otterndorf zieht die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg mit ihrer Frühjahrsausstellung Kunstliebhaber in ihren Bann und präsentiert die faszinierende Werkserie "Mit Liebe. Hamburg C5" von Irina Ojovan.
In der Stadtscheune Otterndorf fand am Sonntag (26. April 2026) die Frühjahrswahl der 401./402. Edition der Griffelkunst-Vereinigung Hamburg statt - ein Ereignis, das viele Besucherinnen und Besucher anlockte und Kunst nicht nur sichtbar, sondern auch erlebbar machte. In entspannter Atmosphäre kamen Gäste, Künstlerinnen und Künstler sowie Mitglieder miteinander ins Gespräch und nutzten die Gelegenheit zum intensiven Austausch.
Die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg ist eine unabhängige, gemeinnützige Institution, die sich seit ihrer Gründung der Verbreitung hochwertiger Druckgrafik und Fotografie widmet. Zweimal jährlich präsentiert sie sogenannte Editionen - sorgfältig ausgewählte grafische Arbeiten renommierter ebenso wie aufstrebender Künstlerinnen und Künstler. Diese Werke werden nicht nur ausgestellt, sondern auch in limitierter Auflage produziert und an Mitglieder abgegeben. Damit versteht sich die Griffelkunst als eine Art lebendiges Vermittlungsprojekt zwischen zeitgenössischer Kunst und einem breiten Publikum, das Kunst nicht nur betrachten, sondern auch besitzen und in den Alltag integrieren kann.
Geboren in Moldawien, heute in Düsseldorf
Im Mittelpunkt der Ausstellung stand die Künstlerin Irina Ojovan mit ihrer Werkserie "Mit Liebe. Hamburg C5". Ojovan, geboren in Moldawien und heute in Düsseldorf lebend, war persönlich anwesend und nahm sich viel Zeit für Gespräche mit den Besucherinnen und Besuchern. Ihre Arbeiten verbinden Druckgrafik und Malerei auf besondere Weise und entfalten ihre Wirkung oft erst auf den zweiten Blick.
"Ich arbeite gern an der Grenze zwischen Druck und Malerei", erklärte sie im Gespräch mit cnv-medien.de. "Mich interessiert, was passiert, wenn sich beides begegnet und verändert." Diese Übergänge prägen ihr gesamtes künstlerisches Denken. Nach einer klassischen Ausbildung in Chișinău, Stationen in Italien und einem Studium an der Akademie der Bildenden Künste München habe sie, so Ojovan, "zum ersten Mal das Gefühl gehabt, wirklich frei arbeiten zu können".
Ein entscheidender Impuls für ihre aktuelle Arbeit war ein Stipendium der Griffelkunst-Vereinigung in Hamburg im Jahr 2022. In der dortigen Werkstatt setzte sie sich intensiv mit der Technik der Aquatinta auseinander, die weiche Übergänge und atmosphärische Flächen ermöglicht. "Hamburg hat mich überrascht", sagte sie. "Die Stadt hat eine ganz eigene Stimmung - ruhig, aber gleichzeitig voller Bewegung." Diese Eindrücke flossen unmittelbar in ihre Serie ein.
"Weiß ist für mich keine Leere"
Besonders wichtig ist in ihrem Werk die Farbe Weiß. "Weiß ist für mich keine Leere", betont Ojovan. "Es macht Dinge sichtbar, die man sonst leicht übersieht - Strukturen, Spuren, kleine Veränderungen. Weiß ist zugleich Nichts. Aber gleichzeitig ist alles da." In dieser Spannung zwischen Sichtbarkeit und Offenheit entfaltet sich die besondere Ruhe ihrer Arbeiten.
Auch ihre Materialwahl ist bewusst vielschichtig. Aus den ursprünglichen Druckgrafiken entwickelte sie später Werke auf Leinwand, Holz und Gips. "Jedes Material hat seine eigene Stimme", sagt sie. "Ich baue das Bild auf und arbeite wie ein Architekt." Inspiration findet sie unter anderem in Italien, etwa in der Gipsoteca di Possagno oder in der Architektur von Carlo Scarpa, wo sie das Zusammenspiel von Raum, Licht und Material intensiv studierte.
Die Reaktionen des Publikums spiegelten die besondere Wirkung der Arbeiten wider. Viele Besucherinnen und Besucher blieben lange vor den Werken stehen. "Man muss ein bisschen genauer hinschauen - aber dann entdeckt man immer mehr", hieß es mehrfach. Ein anderer Gast brachte es auf den Punkt: "Die Bilder sind ruhig, aber sie bleiben im Kopf."
Die Ausstellung "Mit Liebe. Hamburg C5" ist noch bis zum 24. Mai 2026 in der Stadtscheune Otterndorf zu sehen und lädt weiterhin dazu ein, sich auf diese leise, konzentrierte und zugleich sehr dichte Bildsprache einzulassen.
Von Joachim Tonn