Seniorin gründet die "Omas gegen Rechts" in Otterndorf: "Jetzt muss man etwas tun"
Die 69-jährige Otterndorferin wuchs in einem antifaschistischen Elternhaus auf - jetzt will sie demokratische Werte sichtbar machen und Menschen zum Mitmachen bewegen. Warum sie gerade jetzt aktiv wird und welche Erfahrungen sie bereits gemacht hat.
Gebürtig stammt Roswitha Emme aus Hamburg, seit vielen Jahren lebt sie aber in Otterndorf. Gemeinsam mit drei Geschwistern wuchs sie in einem antifaschistisch geprägten Elternhaus auf.
Die politischen Wurzeln der Familie reichen noch weiter zurück: Ihre Großeltern gehörten der Freidenkerbewegung an und waren in der Wandervogelbewegung aktiv. Die Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Jugendbewegung galt als Gegenentwurf zur Industrialisierung. Sie war geprägt von gemeinsamen Wanderungen, Naturerlebnissen, Musik und einem selbstbestimmten Leben.
Gesellschaftliches Engagement und demokratische Werte wurden in der Familie selbstverständlich gelebt und weitergegeben. Roswitha Emme trat früh in diese Fußstapfen. Sie besuchte zwölf Jahre lang die Waldorfschule, nahm bereits als junges Mädchen an Demonstrationen teil und verteilte Flugblätter. Politisches Interesse gehörte für sie von klein auf zum Alltag.
Beruflich schlug sie zunächst den Weg der Erzieherin ein. Nach einem Burnout orientierte sie sich neu, arbeitete als Segellehrerin und wollte ihr Kapitänspatent machen. Doch an Bord lernte sie ihren späteren Mann kennen. Das Paar bekam drei Kinder. Weil sich der Beruf besser mit dem Familienleben vereinbaren ließ, kehrte Emme schließlich in die Arbeit als Erzieherin zurück. Sie war unter anderem im sozialen Brennpunkt Süderwisch sowie später in Altenbruch tätig. Sieben Jahre lang engagierte sie sich außerdem in der Mitarbeitervertretung.
Der Entschluss zum Handeln
Mit dem Eintritt in den Ruhestand endete ihr gesellschaftliches Engagement nicht. Bei Besuchen von Freundinnen in Hamburg fiel ihr immer wieder auf, wie politisch aktiv diese auch im Alter noch waren. "Und hier lief nichts", sagt die 69-Jährige. Schließlich schloss sie sich den "Omas gegen Rechts" in Cuxhaven an.
Ein Wendepunkt waren für sie die Vorfälle in Otterndorf: Kreuze ohne Haken wurden gestohlen und beschmiert, später sorgte ein Vorfall auf dem Weihnachtsmarkt für Diskussionen. Auf dem Sternenmarkt in Otterndorf wurden über die Lautsprecheranlage rechtsradikale Lieder abgespielt.
Für Emme war klar: Jetzt muss etwas geschehen. Gemeinsam mit Unterstützerinnen wie Susann Renneberg von der Altstadtbuchhandlung und Stefanie Röse von der Igelhilfe organisierte sie ein erstes Treffen. Acht Menschen kamen zusammen - in der Altstadtbuchhandlung. Am liebsten würde Emme sofort loslegen. "Beim Wochenmarkt gibt es keinen Platz mehr, aber einen Bollerwagen können wir rüberziehen", sagt sie.

Sichtbar bleiben
Dass sichtbares Engagement nicht immer auf Zustimmung stößt, hat sie bereits erlebt. Auf dem Wochenmarkt in Cuxhaven stellten sich Mitglieder der AfD direkt vor die "Omas gegen Rechts" und hielten ein Banner hoch, sodass sie nicht mehr zu sehen war. Trillerpfeifen signalisierten, dass Unterstützung benötigt wurde. Die ließ nicht lange auf sich warten. Schließlich wurde gemeinsam gesungen: "Wehrt euch, leistet Widerstand ..."
"Wir müssen uns mutig machen gegen Rechts", betont Emme. Hoffnung macht ihr die Größe des Bündnisses. Mehr als 50.000 Menschen, überwiegend Frauen, engagieren sich inzwischen bundesweit bei den "Omas gegen Rechts". Fast überall gibt es mittlerweile Ortsgruppen.
Gleichzeitig beobachtet sie Entwicklungen mit Sorge. Sie spricht von Fake-Videos, Einschüchterungsversuchen und einem zunehmend raueren Klima. Betroffen seien Lehrkräfte ebenso wie Mitglieder der "Omas gegen Rechts". Manche würden ihren Button nicht mehr offen tragen, wenn sie allein unterwegs seien. Für Emme ist das kein Grund, sich zurückzuziehen. "Und dann denke ich: Jetzt erst recht!"
"Omas haben eine Tasse Kaffee"
Dabei müsse niemand Großmutter sein, um mitzumachen. Entscheidend sei die Haltung. "Omas kümmern sich, auf Omas ist Verlass. Omas haben immer eine Tasse Kaffee", sagt sie.
Mit überzeugten AfD-Anhängern lasse sich oft nur schwer diskutieren. Wichtiger seien deshalb die Menschen, die danebenstehen und beobachten. Ihnen müsse gezeigt werden, dass demokratische Positionen sichtbar sind und nicht unwidersprochen bleiben. Demokraten müssten sich öffentliche Räume und Formate zurückholen, meint Emme - vom Bürgerdialog bis hin zu Traditionen wie Erntedank oder Sommersonnenwende.
Nie hätte sie gedacht, dass die Demokratie in Deutschland noch einmal ernsthaft unter Druck geraten könnte. Früher hätten sich Menschen geschämt, rechtsextreme Einstellungen offen zu zeigen. Heute höre sie Sätze wie: "Den Flyer nehme ich nicht, ich bin rechts."
Für Emme steht deshalb fest: Auch wenn es schwerfällt, müsse man aktiv werden. Demokratie verteidige sich nicht von allein.
Interessierte können sich unter der Mail-Adresse omasgegenrechts-otterndorf@gmx.de melden.
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