So haben Sie das Museum gegenstandsfreier Kunst in Otterndorf noch nie erlebt
Ein Museum als begehbares Farbexperiment: Für "Joining Light" hat Yoana Tuzharova Lichtinstallationen geschaffen, die mit der Architektur in Otterndorf verschmelzen. Wie groß die Neugier auf diese Kunst ist, zeigte die gut besuchte Vernissage.
Mal leuchten die Farben intensiv, mal gehen sie sanft ineinander über. Klare geometrische Formen treffen auf weiche Lichtreflexionen, feste Grenzen scheinen sich aufzulösen. Mit ihrer Ausstellung "Joining Light" verwandelt die bulgarische Künstlerin Yoana Tuzharova das Museum gegenstandsfreier Kunst in Otterndorf in einen faszinierenden Erfahrungsraum, in dem Licht, Farbe und Architektur miteinander verschmelzen. Wie groß das Interesse an diesem ungewöhnlichen Zusammenspiel von Licht, Farbe und Architektur ist, zeigte sich bereits bei der Vernissage am Sonnabend (17. Oktober). Dicht an dicht standen die Besucher in den Ausstellungsräumen, um die Eröffnung mitzuerleben.

"Die Ausstellung passt mit ihrem Farbenspiel hervorragend in den Herbst", stellte Erster Kreisrat Friedhelm Ottens bei seiner Begrüßung fest. Zugleich machte er auf das begleitende Rahmenprogramm aufmerksam. Neben verschiedenen Führungen (unter anderem auf Plattdeutsch) ist für Dezember auch eine Tanzveranstaltung in den Museumsräumen geplant. "Die Kunst per Tanz erobern, das ist doch mal eine ganz andere Art, sich einer Ausstellung zu nähern", sagte Ottens.
Eine begehbare Welt aus Farben und Licht
Wie eng die Kunstwerke mit ihrer Umgebung verbunden sind, erläuterte Museumsleiter Wilko Austermann. Die Ausstellung wurde eigens für die Räumlichkeiten des Otterndorfer Museums entwickelt. Dabei wird die Architektur selbst zum Bestandteil der Kunst.
Im Erdgeschoss erwartet die Besucher eine begehbare Landschaft aus skulpturalen Objekten, Farbe und Licht. Eine neue Arbeit beschäftigt sich zudem mit den Gesten und Spuren digitaler Kommunikation. Im Obergeschoss entfaltet sich dagegen ein faszinierendes Zusammenspiel aus geometrischen Formen, minimalistischer Gestaltung und farbigem Licht. Jeder Raum eröffnet eine eigene Farbwelt.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in den Werkgruppen "RGB" und "Color Problems". Rechtecke, Kreise und Linien treffen auf farbige Lichtreflexionen. Bemalte Flächen verändern durch die Beleuchtung ihre Wirkung, feste Grenzen scheinen sich aufzulösen. Je nach Standort des Betrachters entstehen immer neue Farbeindrücke.
Tuzharova greift dabei unter anderem Gedanken aus Goethes Farbenlehre und den Farbtheorien des Bauhaus-Meisters Johannes Itten auf. Auch Parallelen zum amerikanischen Maler Mark Rothko sind erkennbar. Während dieser mit großflächigen Farbfeldern intensive räumliche Wirkungen erzeugte, überträgt Tuzharova vergleichbare Fragestellungen mithilfe moderner Lichttechnik in den dreidimensionalen Raum.
Zwischen Malerei, Skulptur und Architektur
Ihre Arbeiten bewegen sich damit zwischen Malerei, Skulptur und Architektur. Sie untersuchen, wie Farben aufeinander reagieren, wie Licht unsere Wahrnehmung verändert und wie sehr der eigene Standort den Farbeindruck beeinflusst.
Dass sich diese besondere Wirkung nur schwer fotografieren lässt, darauf machte Austermann bei seiner Einführung aufmerksam. Wer versuche, die Installationen mit dem Smartphone festzuhalten, werde schnell feststellen, dass die Kamera das Zusammenspiel von Licht, Farben und Raum kaum wiedergeben könne. Die Arbeiten müssten unmittelbar erlebt werden.
Austermann ermunterte die Gäste deshalb auch, die Ausstellung mehrfach zu besuchen. Denn abhängig von Tageszeit und Lichteinfall verändern insbesondere die Arbeiten im Obergeschoss immer wieder ihr Erscheinungsbild.

Die 1986 im bulgarischen Ruse geborene Künstlerin lebt und arbeitet heute in Köln. Nach einem Studium der Monumentalkunst und Wandmalerei in ihrer Heimat studierte sie von 2013 bis 2019 an der Kunstakademie Münster. Dort lernte sie auch Wilko Austermann kennen, mit dem sie seither in Kontakt geblieben ist. Tuzharovas Werke waren bereits in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen, unter anderem in Celle, Hamm, Sofia und Kyoto. 2022 erhielt sie den GWK-Kunstpreis.
Mit "Joining Light" zeigt sie nun in Otterndorf, dass Farbe weit mehr ist als eine Eigenschaft von Oberflächen. Sie kann Räume verändern, Formen auflösen und immer neue Wahrnehmungen hervorrufen. Manchmal genügt dafür schon ein Schritt zur Seite - und ein Kunstwerk erscheint buchstäblich in einem anderen Licht.

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