Geschichte und Geschichten aus Steinau
Er hat unzählige Dokumente gesichtet, Tausende Namen aus jahrhundertealten Kirchenbüchern übertragen und schließlich alles auf 4300 Seiten in zehn Büchern zusammengefügt: Sein "Ortsfamilienbuch" präsentierte Dietmar Esselborn jetzt in Steinau.
Mit einem solchen Andrang hatte der 61-Jährige am Freitagabend nicht gerechnet. "Dass so 30 bis 40 Leute kommen würden, hatte ich gehofft", sagt der frisch gebackene Buchautor. Doch mit 80 Gästen sei vorab nicht zu rechnen gewesen.
Warum eigentlich nicht? Schließlich hat Esselborn ein Stück Heimatgeschichte, das viele Familien aus dem Ort betrifft, zusammengefasst. Und dabei schafft er einen Brückenschlag über drei Jahrhunderte, denn die ersten Einträge stammen aus dem Jahr 1684, die vorerst letzten aus 1910. Es ist also gut möglich, dass Esselborn irgendwann auch die Zeit danach noch auswertet und ein weiteres Kapitel hinzufügt.
Interesse schon in Kindertagen
Der Steinauer, der bei der Präsentation von seinem Sohn Johannes musikalisch begleitet wurde, hatte sich bereits als Schüler für Familiengeschichte und Stammbäume interessiert. Dass er aber einmal auf einen Schlag zehn Bücher veröffentlichen würde, konnte er damals nicht ahnen. "Eigentlich waren meine Ur-Urgroßeltern schuld, dass ich mich dafür interessierte", sagte Esselborn im Rahmen seines Vortrages und zeigte auf das vergilbte Foto eines Paares, das ihn zu dieser literarisch-dokumentarischen Tätigkeit inspiriert hatte.
Doch Esselborn begnügte sich nicht nur damit, die eigene Familiengeschichte zu erforschen, sondern steckte sich auch andere Ziele und tauchte in die Welt der Archive ein. Bedeutende Informations- und Wissensquellen waren dabei die Kirchenbücher, die nicht nur die Daten von Geburten, Eheschließungen, Kindern, Enkelkindern und Todestagen enthalten, sondern auch Einblicke gewähren, welche prägnanten Entwicklungen es im Laufe der Jahrzehnte im Dorfgeschehen gab.
"Die Hure ist endlich gestorben"
Bei der Spurensuche in Archiven mit Steinau-Bezug stößt man unter anderem auf tödliche Sturmfluten und Schneekatastrophen oder die Pestausbreitung, aber auch auf die kleinen Geschichten, die für den Dorftratsch sorgten. So ging mancher Pastor zum Beispiel nicht zimperlich mit seinen "Schäfchen" um, wenn sich diese nicht an die zehn Gebote hielten. Nach dem Tod einer Steinauerin, die es offenbar in ihrem Liebesleben nicht so genau nahm, notierte der Pastor: "Die Hure ist endlich gestorben." Und auch bei der Nachfrage nach einem Tauftermin kam dem Geistlichen etwas seltsam vor: "Der Pastor fragte nach, wer denn wohl der Vater des Kindes sei. Ihr Ehemann könne es ja wohl nicht sein, denn der sitze doch seit zwei Jahren im Gefängnis", so Esselborn.
Rechercheergebnisse auch auf USB-Stick
Der Buchautor möchte die Steinauer Bevölkerung an den Ergebnissen seiner Recherchen teilhaben lassen und hat daher das "Ortsfamilienbuch" in digitaler Form auch auf USB-Sticks ziehen lassen. Einen entsprechenden Datensatz kann man kaufen (Handynummer: 01 52-56 84 40 38). Das nächste Projekt ist übrigens schon in Vorbereitung: Gemeinsam mit einem Co-Autoren möchte er an einer Steinauer Chronik arbeiten. Dabei ist er noch auf möglichst viele Fotos, Dokumente oder Geschichten angewiesen.
